Hochwasser-Folgen im Kreis Esslingen Landwirte rechnen mit großen Verlusten

Die Felder des Biolandhofs Schickinger in Reichenbach glichen Seenlandschaft. Foto: /Karin Ait Atmane

Noch sind im Kreis Esslingen die Hochwasserschäden nicht komplett absehbar, doch die Landwirte rechnen teilweise mit großen Verlusten. Denn ihre Felder standen am Wochenende teils tief im Wasser.

„Es ist echt niederschmetternd, ich habe das so noch nie gesehen“, sagt Beate Schickinger. Die Felder und die Hälfte der Gewächshäuser des Biolandhofs Schickinger standen am vergangenen Wochenende tief im Wasser. Schickingers komplette Anbauflächen liegen im Filstal an der Ulmer Straße zwischen den Orten Reichenbach und Ebersbach (Landkreis Göppingen). Hier kommt nicht nur Hangwasser vom Schurwald an, teilweise drückte auch Wasser aus der Fils durch die Kanäle zurück.

 

Felix Schickinger war die erste Wochenhälfte damit beschäftigt, abzupumpen und „Flurschäden“ zu beheben: zum Beispiel einen Kanal wieder zu öffnen, den er mit Erde zugeschoben hatte, um Rückfluss aus der Fils zu verhindern. Auch der Boden zwischen den Gewächshäusern war aufgerissen, weil er die Grasflächen mit dem Traktor befahren hatte, um Wasser in Tanks abzupumpen. Der Umfang der Schäden an den Kulturen selbst trat erst nach und nach zutage. Teils müsse man einfach abwarten, ob sich die Pflanzen doch wieder erholen, so der Biolandwirt.

Die Tomaten lassen die Köpfe hängen

Dem Salat gab er eine Chance, weil der relativ gut mit Wasser zurechtkomme – wobei er heuer länger im Nassen stand als je zuvor. Auch bei Kohl und Kohlrabi könne man hoffen, Spinat sei allerdings empfindlicher. Aber diese Kulturen werden ohnehin im Jahreslauf nachgepflanzt, noch schlimmer sind die Verluste bei Pflanzen, die die ganze Saison überdauern. Also zum Beispiel Kartoffeln – die seien „ganz hin“, so Felix Schickinger. Zum Nachpflanzen sei es aber zu spät und vermutlich auch keine Steckkartoffeln mehr zu bekommen. Ebenso ließen die Tomaten die Köpfe hängen nach dem langen „Fußbad“ und es war noch unklar, ob sie sich wieder erholen.

Auch der Deizisauer Berghof hat große Schäden zu beklagen, obwohl er nicht unten im Tal, sondern auf der Höhe oberhalb von Deizisau liegt. „Die Erdbeeren sind zu 50 Prozent kaputt“, sagt der Landwirt Jan Eberhardt. Dafür habe es keine Überschwemmung gebraucht, das viele Nass von oben habe schon ausgereicht: „Der Dauerregen sorgt irgendwann für Wasserflecken und natürlich auch für Schimmel“, so Jan Eberhardt. Der Aufwand beim Pflücken steige nun enorm an, denn faulige oder verschimmelte Beeren müssen aussortiert werden, wenn die anderen nicht auch verderben sollen. Das treibt die Kosten in die Höhe und heimische Erdbeeren können dann preislich nicht mehr mit anderen mithalten. Selbstpflücken, in anderen Jahren ausgesprochen beliebt, sei in der nassen, durchweichten Erde ohnehin nicht möglich gewesen, berichtet der Deizisauer Landwirt.

Weitere Kulturen seien betroffen: „Die Kartoffeln faulen im Boden, die vertragen einfach keine Staunässe“, erklärt er. Und beim weißen Spargel waren die Gräben zwischen den mit Folien abgedeckten kleinen Wällen nahezu komplett mit Wasser gefüllt, sodass noch am Donnerstag abgepumpt werden musste. Für die Eberhardts geriet zum Nachteil, dass die Spargelreihen quer zum Hang bewirtschaftet werden, um Bodenerosion zu verhindern. In Hangrichtung würde das Wasser schneller abfließen, aber auch Erde mitnehmen, die dann möglicherweise bis an den Ortsrand geschwemmt würde. Auch bei den Kirschen spricht Jan Eberhardt von Totalschaden – „alle aufgeplatzt“. Die Himbeeren waren im Folientunnel geschützt, seien aber durch die hohe Feuchtigkeit weniger haltbar als normalerweise.

Rückhaltebecken auf den Fildern war komplett voll

Auch bei Filderstadt waren landwirtschaftliche Flächen betroffen, in diesem Fall allerdings gezielt, um Schäden im bebauten Bereich zu verhindern. Das Rückhaltebecken am Fleinsbach und Katzenbach, 2017 in Betrieb genommen, flutet vertragsgemäß angrenzende Felder, wenn der Wasserstand zu hoch wird. Es hatte am Montag seine maximale Einstauhöhe erreicht.

Schäden auch durch Verschmutzung und angeschwemmten Müll

Überblick
Am Freitagvormittag hat der Landesbauernverband eine erste Pressemitteilung zur Lage der Landwirtschaft herausgegeben. Besonders betroffen war demnach der Kreis Biberach, in dem Felder bis zu 50 Zentimeter unter Wasser standen. Aber auch im Kreis Esslingen seien „ganze Gemüsefelder dem Wasser zum Opfer“ gefallen. In Flusstälern, insbesondere dem Filstal, seien die Folgen noch schwer abzuschätzen, hier würden auch „große Schäden durch Verschmutzungen und angeschwemmten Müll auf Futterflächen“ erwartet.

Knappes Viehfutter
Schäden werden nicht nur im Ackerbau, insbesondere bei den Sommerkulturen wie Kartoffeln und Mais, erwartet, sondern auch beim Grünfutter für das Vieh. Teilweise sind große Flächen verschmutzt oder sie können wegen des aufgeweichten Bodens nicht befahren werden. „Viele landwirtschaftliche Betriebe fürchten sich daher vor einem Futter-Engpass im weiteren Verlauf des Jahres“, so der Landesverband.

Forderungen
Der Landesbauernverband fordert, dass das Land die betroffenen Betriebe finanziell unterstützt. Ebenso soll auf Bundesebene die Schaffung einer „Mehrgefahrenversicherung“ unterstützt werden, mit der Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen durch Hochwasser, Hagel, Überschwemmung, Dürre, Frost und mehr ausgeglichen werden.

Weitere Themen