Hochwasser-Historie in Stuttgart „Land unter“ und unheimliche Eismassen

Mit Tauchern und Schlauchbooten in der Unterführung der B 14, die 1972 zu einer ­Falle wurde. Foto: /Feddersen

Vor allem das Extremgewitter vom 15. August 1972 ist vielen im Gedächtnis geblieben. Warum damals sechs Menschen sterben mussten und welche Rolle der Cannstatter Wasen früher spielte. Gefährlicher Starkregen auch 2018 und 2022.

Lokales: Armin Friedl (dl)

Wenn es um das Thema Neckar und Hochwasser geht, könnten vor allem die ganz alten Bad Cannstatter viel erzählen, die leider allerdings inzwischen verstorben sind. Stumme Zeugen aus dieser Zeit mit vielen Toten und Verwüstungen sind heute noch die meterhohen Betonwände, angelegt flussabwärts von der Wilhelma an auf beiden Seiten, um den Stadtkern und die Neckarvorstadt vor künftigen Flutungen zu schützen.

 

Überflutungsgebiet Cannstatter Wasen

Oder man beschäftigt sich mit der Historie des Stadtteils Berg: Hochwasser war da bis anfangs des 20. Jahrhunderts ein ständiger Begleiter im Frühjahr oder im Sommer. Und streng genommen gehörte der Cannstatter Wasen auch dazu, als dieser noch kein Festplatz war, sondern Überflutungsfläche und Übungsplatz fürs Militär.

Jene Stuttgarter Überflutung, die dem modernen Menschen einen besonderen Schrecken einjagt, hat am 15. August 1972 stattgefunden. Und das lag nicht am Neckar, sondern an einem extrem starken Gewitter. Es gibt ein Sinnbild dafür, das bis heute seine Wirkung entfaltet: die Bundesstraßen-Unterfahrung vom Charlottenplatz, vollgelaufen mit Wasser. Autos schwammen darauf, darin Menschen, die um Hilfe riefen, und Feuerwehrleute, die versuchten sie zu retten. Daneben eine weiße Masse – Hagelkörner, die aufgrund ihrer Größe lange nicht abtauten. Dabei war der Charlottenplatz in jenen Jahren noch ein ziemlich junges Verkehrsbauwerk, erst drei Jahre zuvor eingeweiht. Vieles wurde bedacht, manches architektonische Neuland wurde beschritten – für viele der Stolz einer autogerechten Stadt, von anderen heftig kritisiert.

Von Hagelmassen getötet

Dieses extrem starke Gewitter forderte sechs Menschenleben. Vier Menschen starben in Kellern, die sich damals mit Eismasse füllten. Eine Hausfrau ertrank in einem Sturzbach, ein Rentner erschrak bei einem Blitzschlag so stark, dass er einen Herzinfarkt erlitt und starb. Stuttgart versank im Chaos. Von einem Sachschaden in Höhe von mehreren Hundert Millionen Mark war die Rede. Die Aufräumarbeiten zogen sich wochenlang hin.

Hochwasser in Stuttgart-Mühlhausen

Andere Stadtteile, die bei Hochwasser immer wieder in Gefahr geraten, sind Mühlhausen und Hofen. In Mühlhausen war es am 7. Juni 2018 besonders schlimm. Da haben schwere Regenfälle den Feuerbach, eigentlich ein kleines Rinnsal, in einen reißenden Strom verwandelt. Am Ende standen auf der Schadensliste mindestens 30 Häuser. Zahlreiche Autos wurden weggeschwemmt, und Bäume entwurzelt.

Der jüngste Starkregen in Stuttgart liegt knapp zwei Jahre zurück. Am 28. Juni 2022 tobte ein Unwetter über der Stadt und setzte abermals die Unterführungen an der B 14 unter Wasser – zum Glück ohne schlimmere Folgen. Erinnert hat an dieses Wetterereignis bis vor Kurzem das jetzt abmontierte Kupferknäuel am Eckensee – ein vom Sturm abgerissener Teil des Operndachs.

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