An 134 Standorten im Kreis werden jetzt Pegel mit digitalen Sendern ausgestattet. Automatisierte Alarmierungen sorgen dafür, dass alle sich früher gegen Hochwasser wappnen können.
Fast apokalyptische Bilder haben sich vor knapp drei Monaten nach den verheerenden Fluten im Wieslauftal geboten: Zerstörte Häuser, in Schrott verwandelte Fahrzeuge, in einem Keller im Schorndorfer Teilort Miedelsbach ertranken zwei Menschen. Eine deutlich dreistellige Millionensumme entstand als Schaden zwischen der zur Welzheim gehörenden Laufenmühle und dem Schorndorfer Teilort Haubersbronn. Eine Flutwelle hatte zunächst Rudersberg in einer so rasanten Geschwindigkeit erfasst, dass sich selbst erfahrene, aber von der Vehemenz der Fluten völlig überraschte Einsatzkräfte plötzlich von Wassermassen umzingelt gesehen hatten.
Gute Krisenprävention heißt die Parole
Die Hochwasser- und Starkregenereignisse im Juni 2024 hätten gezeigt, wie wichtig eine gute Krisenprävention sei, heißt es jetzt in einer Mitteilung des Waiblinger Landratsamtes. Beim Szenario Hochwasser bedeute das: „Städte, Gemeinden und der Landkreis brauchen einen Überblick über die Wasserstände in Echtzeit.“ Das gelte nicht nur für die Flüsse Rems und Murr, sondern auch für die Nebengewässer. Automatisierte Alarmierungen bei Überschreiten eines bestimmten Pegelstands sollen nun dafür sorgen, dass die Rathäuser ihre Bürger frühzeitig warnen können und dass sich auch die örtlichen Feuerwehren früher gegen die Extremsituationen wappnen können. „Schon eine halbe Stunde mehr Vorlauf kann im Ernstfall den Schaden deutlich minimieren“, heißt es in der Ankündigung für das Vorwarnsystem in Echtzeit.
Das Landratsamt des Rems-Murr-Kreises hatte im Rahmen eines landesweiten Pilotprojekts bereits Ende 2022 ein Ingenieurbüro damit beauftragt, geeignete Pegelstandorte auch an den kleineren Flüssen und Bächen im Landkreis zu ermitteln. In Abstimmung mit den Städten und Gemeinden im gesamten Rems-Murr-Kreis haben sich bei dieser Untersuchung 80 neue Standorte ergeben. Zusammen mit den 54 bereits bestehenden kommunalen Pegeln sollen diese insgesamt 134 Standorte nun mit einem digitalen Sender ausgestattet werden. In Zukunft können so auch die Nachbarkommunen und das Waiblinger Landratsamt jederzeit alle Pegelstände über das behördeninterne Flutinformations- und Warnsystem (Fliwas) im Blick behalten.
Pegel können Werte automatisch übermitteln
Heutzutage können Pegel ihre Werte automatisch und digital übermitteln – auch das soll zu einer besseren Lageeinschätzung bei drohenden Überschwemmungen beitragen. In vielen Kommunen müssen bisher gelb-schwarze Lattenpegel vom Bauhof oder von Feuerwehrleuten abgelesen und die Pegelstände per Telefon oder Funk weitergegeben werden. Die Starkregen- und Hochwasserereignisse am ersten Juni-Wochenende, so die Stellungnahme aus dem Landratsamt, hätten deutlich gezeigt, wie wichtig hier eine Modernisierung sei, die nun durch das gemeinschaftliche Pegelmessnetz auch tatsächlich zustande kommen werde.
Bei einer vom Landratsamt Ende Juli dieses Jahres organisierten Ausstellung konnten sich die beteiligten Kommunen über die unterschiedlichen, modernen Anforderungen genügenden Pegelsysteme informieren. Alle am Projekt beteiligten Städte und Gemeinden haben nun laut Landratsamt die Möglichkeit, Pegel an den auf ihrem Gebiet ausgewählten Standorten zu beschaffen und damit das erste kreisweite Pegelmessnetz in ganz Baden-Württemberg mit zu errichten.
„Krisenmanagement ist eine Daueraufgabe, die wir mit höchster Priorität angehen – mit den aktuellen Erfahrungen im Kopf gilt das umso mehr“, sagt Landrat Richard Sigel. Der Starkregen und das Hochwasser Anfang Juni hätten auch gezeigt, dass alle gemeinsam mit anpacken müssten: Landkreis, Kommunen und Blaulichtorganisationen. „Dafür steht auch unser interkommunales Projekt Pegelmessnetz, das wir 2022 gestartet haben und das nun gemeinsam mit den Städten und Gemeinden in die konkrete Umsetzung übergehen kann. Die geeigneten Orte für moderne Pegel sind bekannt, nun könnten die Kommunen die neuen Pegel beschaffen.“
Diese Investitionen lohnten sich aus Sicht des Landratsamts auf jeden Fall, schließlich überstiegen die möglichen Schäden bei zu spätem Alarm bei Weitem die Kosten für die Ausstattung mit Pegeln. Ein dichtes Netz an Pegeln an geeigneten Stellen sorge zudem dafür, dass auch Nachbargemeinden flussabwärts früher über mögliche Ereignisse informiert würden.
Mit Blick auf den Katastrophenschutz startet im Herbst zudem der Bau der neuen Integrierten Leitstelle der DRK-Rettungswache und der DRK-Kreisgeschäftsstelle, berichtet das Landratsamt zum weiteren Ausbau der Infrastruktur im Krisenfall. Im geplanten Neubau gegenüber der Rundsporthalle in Waiblingen in der Talaue werden auch neue Räumlichkeiten für die Arbeit des Führungsstabs der sogenannten Blaulichtorganisationen geschaffen, der im Krisenfall gemeinsam mit dem Verwaltungsstab des Landkreises arbeitet.
Dabei investiere der Landkreis mit einem Anteil von 45 Prozent und die Krankenkassen mit den restlichen 55 Prozent in modernste Technik und in eine Optimierung der Arbeitsbedingungen und Abläufe. Das DRK Rems-Murr bietet zudem kostenlose Kurse zur Vorbeugung und Reaktion in unterschiedlichen Notlagen wie beispielsweise bei Stromausfällen, nach Unwettern, bei Hochwasserereignissen oder angesichts von Pandemien an.