Hochwasser in Bayern Es riecht nach Mittelalter in der Stadt

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In vielen Regionen Bayerns sind Städte und Dörfer vom Wasser umschlossen. Doch so eine Flut, wie sie Passau derzeit erlebt, hat es seit 500 Jahren nicht gegeben. Die Menschen hoffen, dass der Scheitelpunkt nun erreicht ist.

Wie ein leckgeschlagenes Schiff: die Südspitze der Passauer Altstadt Foto: dpa
Wie ein leckgeschlagenes Schiff: die Südspitze der Passauer Altstadt Foto: dpa

Passau - Wohnwagen sind gerade in Bayern zwar kein kleines, aber doch ein minderes Problem. Wer sein Haus auf Rädern hat, kann es vom Wasser wegfahren, wenn er rechtzeitig daran gedacht hat. Fünfzehn Besitzer immerhin haben ihr Hab und Gut vor der Flut am Deggendorfer Donauufer in Niederbayern noch in Sicherheit bringen können, bevor am Montag der Katastrophenalarm ausgelöst wird. Auf dem Gebiet landeinwärts soll im nächsten Jahr die Landesgartenschau stattfinden. Es denkt aber keiner an die Landesgartenschau im Moment – nicht in Deggendorf und nicht davor und dahinter. Es denkt jetzt überhaupt erst mal keiner weiter als die nächsten paar Stunden. Die Gedanken kreisen eigentlich nur um drei Fragen: Hört es auf zu regnen? Steigt der Pegelstand der Flüsse noch? Und halten die Dämme?

Rosenheim in Oberbayern meldet bis zum Nachmittag relativ Entwarnung. Noch steht der Mangfall-Damm, es hat zu regnen aufgehört, und zweihundert Bewohner des Stadtteils Schwaig und aus Kolbermoor haben das Angebot einer Evakuierung in eine Turnhalle „dankbar angenommen“, wie es bei der Stadtverwaltung heißt. Das ist nicht selbstverständlich. Die meisten Menschen neigen dazu, sich bis zum Schluss an ein paar Sachen zu klammern, und wollen daheim bleiben, auch wenn ihr Zuhause akut bedroht ist.

Wenn man von Rosenheim ausgehend einen Uhrzeiger in Gang setzen würde, hätte man optisch ungefähr das betroffene Gebiet in Bayern mit einer halben Umdrehung markiert. Bei Grabenstätt am Chiemsee ist die Autobahn 8 gesperrt. Es fährt kein Zug mehr zwischen München und Salzburg – und das wird auch noch eine ganze Woche lang so bleiben, wie der bayerische Verkehrs- und Wirtschaftsminister Martin Zeil sagt. In Berchtesgaden ist die Schleuse eines Bergsees gebrochen. In Unterwössen bei Traunstein, im bayerischen Benediktland, sind zwei Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten. Ammersee und Tegernsee melden Höchststände, und in Plattling hat es schon am Samstag fast ein paar Kanuten erwischt. Unversehens sahen sie sich nur noch von Wasser umgeben, das sie mit dem Paddel nicht mehr bezwingen konnten. Stundenlang dauerte die Rettungsaktion. Die Kanuten kamen mit jenem blauen Auge davon, das sich der Oberbürgermeister Hans Schaidinger auch für die so häufig von Überschwemmungen geplagten Regensburger wünscht: unter der Eisernen Brücke steht das Wasser 6,50 Meter hoch. Das ist viel, dramatisch für die Altstadt ist es noch nicht.

Auch die bayerischen Nachbargebiete haben mit dem Wasser zu kämpfen, aber es scheint alles – rechnet man den Dreck, die Aufregung, den Ärger und die materiellen Verluste Einzelner ab – vergleichsweise beherrschbar zu sein im Vergleich mit dem, was sich in Passau ereignet. Die Stadt stellt sich wohl oder übel nicht nur einem Jahrhunderthochwasser, sondern einer noch nie da gewesenen Überschwemmung. Am Montagnachmittag nähern sich die Pegelstände der Dreiflüssestadt (umspült von Donau, Inn und Ilz), deren Werbetafeln jetzt wie ein Menetekel wirken, dem historischen Stand von 12,60 Metern. Das sind vierzig Zentimeter mehr als 1954 und fast zwei Meter mehr als 2002, als – auch diese Geschichte schwappt wieder hoch – Gerhard Schröder die Stunde der Hochwassernot nutzte, um sich in Gummistiefeln und Hemdsärmeln als Helfer zu geben, während der Kanzlerkandidat Edmund Stoiber die Situation unterschätzte, auch in Bayern. Er kam spät, trug Krawatte und wirkte, als sei er zur Eröffnung eines Bundesstraßenabschnitts eingeladen. Aber selbst Schröder würde es jetzt angesichts der Passauer Innenstadt die Sprache verschlagen.

Man muss die Stadt ein bisschen kennen, um sie fast nicht wiederzuerkennen. Das Wasser hat ihr entlang der Donauseite nicht nur ein paar Gassen genommen, sondern das Ufer, wo sonst Kahn an Kahn vertäut liegt, fast unkenntlich gemacht. Passau wirkt, wenn man von Norden kommt, stets wie ein stolzes Schiff: in Schönheit verletzlich, aber unsinkbar. Jetzt scheint die Stadt Schlagseite zu haben, weil das schlammig braune Wasser in ihren Bauch läuft. An der Uferlände und an der Innseite sind die bekannten Lokale trotz Batterien von Sandsäcken buchstäblich voll gelaufen. Keller, erster, manchmal gar zweiter Stock, zumindest bis zur Treppe. Die Wasserwacht und Soldaten, die zur Verstärkung nach Niederbayern gekommen sind, müssen die Menschen aus den Fenstern heben und vom Boot aus versorgen: fast jedes Haus ist seine eigene Insel und am tiefsten Punkt der Fußgängerzone, vor dem Hotel Weißer Hase, treffen sich zwei Flüsse. Bevor sie aus der Milchgasse evakuiert wurde, wo sie im Erdgeschoss wohnte, hat Jessica Fohr deswegen noch ihren „letzten Rest an Galgenhumor zusammengekratzt“ und ihren Helfern ein Eis spendiert. „Das Einzige, was noch im Kühlschrank war“, sagt sie. Danach sind in Passau am späten Sonntag in vielen Straßen die Lichter ausgegangen. Fast finsteres Mittelalter – und mittlerweile riecht Passau auch danach: nach Unrat, schwerer Nässe und leichtem Moder.

Der Passauer Oberbürgermeister Jürgen Dupper (SPD) gibt zu, dass das Wasser in der Stadt „schneller als erwartet und einen Meter höher gestiegen“ sei, als man gedacht habe. Vorsorglich erinnert er seine Mitbürger am Montagmittag daran, Trinkwasser zu sparen. Während zu dieser Zeit unterhalb des hoch gelegenen Doms nur mehr Getränke in Flaschen verkauft werden, bricht am Nachmittag in Passau auch die Stromversorgung zusammen: „Schröckliche Wassergüß“ verzeichnete die Passauer Chronik im Jahre 1501, als die Altstadt etwas Ähnliches erlebt haben muss. Mittlerweile sind die Menschen zum Mond geflogen, können in den letzten Winkel der Welt telefonieren, sind aber nach wie vor ohnmächtig, wenn die Natur zur letzten Gewalt wird und die Bedingungen diktiert. Selbst die Universität in Passau lässt die Klausuren zurzeit ausfallen. Auch Schulen in Bayern bleiben teilweise noch ein paar Tage geschlossen. Hingegen wird Gemeinsinn überall großgeschrieben. Dreißig Boote und 800 Helfer sind allein in Passau im Einsatz, aber keiner kann die zählen, die das nicht nur von Amts wegen tun. Wer helfen kann, hilft. Passau bewährt sich in der Not.

Und die Politik? Horst Seehofer hat –in Zusammenarbeit mit Angela Merkel in Berlin und auf unspektakuläre Weise – seit dem Wochenende eine Krisensitzung nach der anderen geleitet und schickt seinen Umweltminister Marcel Huber (CSU) mit dem Hubschrauber von Notfallort zu Notfallort. Huber verspricht, wie auch der Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, „unbürokratische Hilfe“. Besser als 2002 scheint diesmal vor Ort in Bayern die Zusammenarbeit zum Beispiel mit Österreich zu funktionieren. Gemeinsam wurde schon Geld von der EU beantragt, um den betroffenen Gemeinden sofort Reparaturhilfen zukommen zu lassen.

Langsam senkt sich am Montag über das immer wieder grau in grau verschwindende Niederbayern und die stolze Stadt Passau ein fast alles verhüllender Regenschleier. Laut Angaben der Meteorologen hat das Jahrhunderthochwasser hier seinen Gipfelpunkt erreicht. Autos werden nach wie vor an der Stadtgrenze von Passau aufgehalten. In Rosenheim hoffen sie, dass der Damm hält. Es wird eine lange Nacht in den betroffenen Gebieten, vor deren Einbruch sich allmählich die Experten melden, denen schon immer zu viele Flüsse begradigt, Ufer bebaut und zu viele Flächen versiegelt wurden. Wenn diese Flut gegangen ist, wird man überlegen müssen, wie sich die nächste besser in Grenzen halten ließe – über alle Grenzen hinweg.