Hochwasser in Cannstatt Ein Jahrhundert der Katastrophen

Von Georg Linsenmann 

Für Cannstatt kam es im 19. Jahrhundert dick und dicker: Der Historiker Olaf Schulze erinnert bei einem Rundgang an verheerende Hochwasser.

Auf diesem Stich ist eines der vielen Hochwasser des 19. Jahrhunderts festgehalten, von denen Olaf Schulze bei der Führung  in Cannstatt  erzählte. Foto: Georg Linsenmann 5 Bilder
Auf diesem Stich ist eines der vielen Hochwasser des 19. Jahrhunderts festgehalten, von denen Olaf Schulze bei der Führung in Cannstatt erzählte. Foto: Georg Linsenmann

Bad Cannstatt - Das Karree am Jakobsbrunnen ist ein idealer Platz, um in der ersten Sommerhitze die Beine lang zu machen. Ein lauschiger Sonntagnachmittag mit Brunnengeplätscher unterm Blätterdach, die reinste Idylle – und der denkbar stärkste Gegensatz zum 28. Mai vor exakt 200 Jahren. Denn damals war nicht nur in der Spreuergasse, sondern im ganzen Cannstatter Tal „Land unter“. Ein Jahrhunderthochwasser, an das am Jahrestag eine Führung mit dem Cannstatter Historiker Olaf Schulze er­innerte.

Als wären die Menschen durch das vorangegangene, durch einen Vulkanausbruch in Indonesien ausgelöste „Jahr ohne Sonne“ mit Missernten und Viehsterben nicht schon genug geplagt gewesen, regnete es vor dem besagten Tag 36 Stunden ohne Unterbrechung. Weil auch vom Oberlauf einiges heranschob, verwandelte sich der „wilde Geselle“ Neckar am Cannstatter Knie in ein „reißend und fressend Wasser“, wie ein Text aus der Zeit festhält. Dabei drang das Wasser „mit unbegreiflicher Schnelligkeit und so furchtbarer Gewalt“ heran, dass das Vieh eilends auf den Seelberg getrieben werden musste. Zwei Menschen fanden den Tod. Das Königspaar Wilhelm und Katharina musste durch ein Fenster aus dem Landhaus Bellevue steigen und mit einem Nachen – einem Boot – gerettet werden.

Ein Ort in Angst und Schrecken

Als der junge Wilhelm mit dem Nachlassen der Flut am Tag darauf ans Gasthaus Ochsen gerudert wurde, erschien der Herrscher dem Volk „wie ein Engel des Himmels“. So zitiert Schulze eine Schrift aus der Zeit, die „bisher unbeachtet“ im Stadtarchiv lag. Sie vermerkt auch, dass Wilhelm die „Versicherung zur Milderung des Unglücks“ abgab und in seine Privatschatulle griff. Noch wichtiger war, dass es 1817 wenigstens zu keiner weiteren Missernte kam. Doch schon zwei Jahre später setzte gleich das nächste Hochwasser „alles in Angst und Schrecken“, wobei „drei Menschen nebst einem Pferde in den Wellen ihren Untergang fanden“. Vermerkt wird aber auch, wie zwei Cannstatter Fischer „ihr Leben wagten, rundum von den wildesten Fluten umgeben“, und so zwei Menschen retten, den „schauderlichsten Tod“ eines dritten aber nicht verhindern konnten.

Genug der Katastrophenmeldungen? Weit gefehlt, denn 1824 kam es noch schlimmer! Die Fluten reichten bis zum heutigen Schmetterlingshaus der Wilhelma. 52 der damals rund 600 Häuser in Cannstatt wurden zerstört, im kleineren Mühlhausen gar 56, in Münster 13 und acht in Hofen. Deshalb richtete Wilhelm 1825 eine „Hilfskasse“ ein und bestimmte per Dekret, dass Überflutungsflächen freizuhalten seien. Modern gedacht, freilich nicht auf die Schnelle umsetzbar. Und so reiht sich im 19. Jahrhundert Hochwasser an Hochwasser – 25 an der Zahl. Ein historischer Katastrophen-Gang, bei dem Schulze einen Bogen spannt, der vom 16. bis ins 20. Jahrhundert reicht, wo ein Foto von 1906 im Bereich der Schönestraße die Anmutung eines Mangrovenwaldes bietet. Und immer wieder hatten Eisgänge die Brücken zerstört.

Weinfässer mit Ketten befestigt

Cannstatt wurde bei Hochwasser vom „wilden Fluss“ in die Zange genommen, denn das Wasser drang sowohl vom Wasen aus heran, wie auch von der nördlichen Seite: „Und wenn die Stadttore eingedrückt und die Mauern überwunden waren“, so Schulze, „dann schoss das Wasser hinein wie in eine Suppenschüssel“. Noch Thaddäus Troll erinnert sich daran, wie in den Kellern die Weinfässer mit Ketten befestigt waren. Katastrophale Hochwasser waren eine Konstante von Cannstatt, quer durch die Jahrhunderte. Eingraviert etwa am südwestlichen Hauseck des 1569 gebauten „Zickle“-Gebäudes. Und noch die Jahn-Realschule aus dem späten 19. Jahrhundert hat an der Ostseite in etwa einem Meter Höhe eine historische Hochwassermarke. Wie ein Durchatmen wirkte es so, als Olaf Schulze mit der Gruppe Richtung Neckar schritt und am Damm feststellte: „Jetzt sind wir an der Uferbefestigung, die uns heute so große Sicherheit bietet.“ Den Abgleich brachten zwei historische Fotos auf den Punkt: 1920 der „breite, romantische Neckar“, 1953 der „besenrein gemachte, tiefer gelegte Fluss“ (Schulze). Ganz lieblich lag er da an diesem beschaulichen Sonntag. Sanft vom Wind gekräuselt – und nicht die Spur mehr vom „von vor 200 Jahren reißenden und fressenden Wasser“. Stattdessen: Idylle pur.

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