Hochwasser Viele Probleme sind selbst gemacht

Von Harald Lachmann 

Die überflutete sächsische Stadt Grimma hätte 2006 eine wirksame Schutzmauer haben können. Die Einwohner wehrten sich aber dagegen. Nun ist die Stadt zum zweiten Mal seit 2002 vom Hochwasser stark betroffen.

Die sächsische Stadt Grimma ist nach der Flut von 2002 wieder stark betroffen. Foto: dpa 30 Bilder
Die sächsische Stadt Grimma ist nach der Flut von 2002 wieder stark betroffen. Foto: dpa

Grimma - Wieder Grimma! Die Menschen in der Kleinstadt bei Leipzig sind fassungslos. Es ist bereits das dritte schwere Hochwasser für sie. Doch während zwischen dem ersten im Jahre 1954 und dem zweiten 2002 fast ein halbes Jahrhundert verging, dauerte es diesmal nur elf Jahre bis zur nächsten Katastrophe. Ein Zufall?

Jeder, den man fragt, hat seine Antworten darauf. Zu Ostzeiten – gemeint sind die DDR-Jahre – habe man eben konsequent nicht in die Flussauen gebaut, sagt mancher. Auch die Landwirte pflügten seinerzeit nicht so dicht an die Dämme in ihrem Beritt; und die Flussmeistereien beschäftigten überdies Bisamratten-Jäger. Die stellten dann den Nagern nach, die ihre Bauten gern in eben diese Dämme treiben. Doch all das sei Geschichte – und mancher Damm nun perforiert wie ein Schweizer Käse, unkt man entlang des Elb-Nebenflusses Mulde, der als das schnellste größere Fließgewässer Mitteleuropas gilt.

Die Gerüchte kochen hoch

Erst kurz vor Grimma vereinigt sich der Fluss aus Freiberger Mulde und Zwickauer Mulde zur nun reißenden Mulde. Die Wassermassen, die gerade diesmal der Freiberger Zufluss mitbrachte, speisten sich maßgeblich aus übergelaufenen Talsperren im Erzgebirge – was in der Stadt zusätzliches Kopfschütteln verursacht. Früher seien diese nach zehn Tagen Dauerregen doch auch nicht übergelaufen, orakelt man und hat nun die Behörden im Verdacht: Statt angesichts der nahenden Wolkenfront die Großspeicher vorsorglich etwas eher abzulassen, habe man gezögert – vielleicht aus Rücksicht auf Bootsverleiher, Campingplätze und regionale Tourismusstatistiken.

Doch all das sind zunächst Gerüchte, vor allem unter jenen, denen nun erneut die braune Brühe in die Stube schwappte. Sicherer sind Expertisen aus dem sächsischen Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft. Sie haben die Lage in der 20 000-Einwohner-Stadt offenbar unterschätzt. Denn gleichwohl das Land seit der letzten „Jahrhundertflut“ 2002 gut 530 Millionen Euro in den Hochwasserschutz investierte, waren womöglich die Prioritäten nicht immer zielgenau gesetzt. Denn die Gelder verteilen sich auf insgesamt 47 regionale Hochwasserkonzepte mit rund 1600 Einzelmaßnahmen in den verschiedenen Flussgebieten. Und für Grimma erwarteten die Fachleute erst in 200 Jahren wieder eine Flutwelle mit der Wucht von 2002. So sind die hier avisierten Baumaßnahmen auch erst für die Jahre 2016 und 2017 anberaumt. Dann sollen die Schutzvorrichtungen für die Stadt in die Wohnbebauung am Ufer integriert werden.

Sachsen will bis 2020 eine halbe Milliarde Euro investieren

Mithin will Sachsen bis zum Jahr 2020 eine weitere halbe Milliarde Euro in den Hochwasserschutz stecken. Es lohnt freilich, die damit für Grimma veranschlagten 40 Millionen Euro – eine Summe, die recht genau dem jährlichen Verwaltungsetat der Stadt entspricht – genauer anzuschauen. Denn schnellere, durchaus wirksame, deutlich billigere aber eben auch weitaus weniger ansehnliche Schutzwände hätte die Stadt längst haben können. Doch wie in Dresden und anderen Orten entlang der Flüsse wehrten sich die Anrainer gegen solche Schutzwälle. Sie wollen sich nicht die beschauliche Sicht durch eine Mauer verbauen lassen.

So machten in Grimma sogar Bürgerinitiativen mobil, gab es gerichtliche Klagen gegen die bereits für 2006 vorgesehene „Mauervariante“. So fiel diese dann auch im Stadtrat durch – anders als übrigens im ähnlich flutbedrohten Eilenburg, das 30 Flusskilometer nordwärts ebenfalls von der Mulde durchzogen wird. So traf es das etwa gleich große Eilenburg trotz der selben Gefahrenlage wie in Grimma diesmal nicht annähernd so schlimm wie 2002: Die Altstadt blieb trocken.

Auch der Dresdner Stadtteil Laubegast ist wieder betroffen

Ähnliches gilt für den Dresdner Stadtteil Laubegast, der auch direkt in die Elbe ragt. Er war 2002 komplett zur Insel geworden – umschlossen von der Elbe und ihren außer Rand und Band geratenen Zuflüssen. Mit einem jährlichen Inselfest gedenken die Bewohner noch immer der dramatischen Ereignisse. Dies hält sie aber nicht davon ab, sich vehement gegen eine Schutzmauer zu stemmen: Es würde ihnen den Blick auf die Elbe und die lauschigen Hänge am Gegenufer nehmen. So bekamen sie nun diese Woche erneut nasse Füße.

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