Das Wiesel steht seit mehr als vier Wochen auf dem Abstellgleis. Foto: Frank Rodenhausen
Die Schäden auf der Zugstrecke zwischen Rudersberg und Schorndorf sind groß. So groß, dass im Zweckverband Wieslauftalbahn diskutiert wird, ob man überhaupt grünes Licht für die Reparatur geben kann.
An einigen Stellen kann man unter den Betonschwellen hindurchschauen, der Schotter ist weg, das Gleisbett unterspült. Treibgut hat sich mitten auf den Schienen breitgemacht, Kabelschächte sind völlig verschlammt, möglicherweise ist Öl in den Boden gesickert. Signalanlagen sind demoliert, Schalthäuser vollgelaufen, die Elektrik durchgeschmort.
So mancher Teilabschnitt der Wieslauftalbahn ist nur noch ein Gerippe. Foto: Zweckverband Wieslauftalbahn
Die Liste der Schäden an der Infrastruktur der Wieslauftalbahn, die das Beratungsunternehmen Drees & Sommer im Auftrag des Landkreises erstellt hat, ist nicht nur umfangreich, die Einschränkungen sind zum Teil massiv. Und das ist nur die grobe Sichtung. Gut ein Drittel der 11,5 Kilometer langen Bahnstrecke ist betroffen.
Auch die Züge hat es heftig erwischt, die Wassermassen, die sich bei der Starkregenkatastrophe vor gut einem Monat insbesondere über Rudersberg und Schorndorf ergossen haben, sind bis in den Fahrgastraum hineingelaufen. Ebenso Opfer der Flut war die Halle, in der die Fahrzeuge gewartet werden.
Die gesamte Zugverbindung gekappt
Seit der Starkregenkatastrophe ist die Zugverbindung zwischen Rudersberg und Schorndorf außer Betrieb. Mit Bussen wird der bisher gut funktionierende, von den zwei Kommunen und dem Landkreis getragene öffentliche Nahverkehr im Wieslauftal eher notdürftig aufrechterhalten. Das genaue Ausmaß der Schäden an Zug und Schiene müssen Gutachten erst noch beziffern, aber es ist davon auszugehen, dass sie deutlich im zweistelligen Millionenbereich liegen werden. Klar dürfte sein, dass ihre Beseitigung einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Doch kann die Revitalisierung des Schienenverkehrs überhaupt in Angriff genommen werden? Im Zweckverband Wieslauftalbahn ist das jetzt kontrovers diskutiert worden.
Treibgut ist auf die Gleise geschwemmt. Foto: Zweckverband Wieslauftalbahn
Daniel Wiedmann, Amtsleiter für ÖPNV im Waiblinger Landratsamt, würde am liebsten so schnell wie möglich in die Ausschreibung der Reparaturarbeiten gehen, denn Firmen, die Arbeiten an Gleisanlagen ausführen könnten, seien durch anderweitige Infrastrukturprojekte der Bahn – Stichwort Stuttgart 21 und Riedbahn – zurzeit äußerst rar gesät. Auch der Landrat und Verbandsvorsitzende Richard Sigel hält es für wichtig, möglichst rasch an die Aufräumarbeiten zu gehen, damit der Betrieb des insbesondere für den Schülerverkehr so wichtigen Wiesels wieder aufgenommen werden kann.
Reicht die gedeckelte Versicherungssumme aus?
Doch einige Beteiligte sehen noch zu viele Fragezeichen, als dass grünes Licht für den Wiederaufbau gegeben werden könnte. Zwar hat der Zweckverband sowohl für seine Fahrzeuge als auch die Infrastruktur eine Versicherung abgeschlossen, doch welche Bedingungen an eine Auszahlung geknüpft sind und ob die mit 20 Millionen Euro gedeckelte Summe am Ende ausreicht, ist noch nicht abschließend geklärt.
„Wir tun uns sehr schwer, Beschlüsse mit einem solchen finanziellen Risiko zu fassen“, wandte der Schorndorfer Oberbürgermeister Bernd Hornikel ein. Seine Stadt sei von der Hochwasserkatastrophe selbst so schwer getroffen, dass sie ohne fremde Hilfe nicht handlungsfähig sei. Der Gemeinderat habe deshalb beschlossen, keinerlei Verpflichtungen einzugehen, bis klar sei, mit welcher Unterstützung man von Land und Bund rechnen könne.
„Wir sanieren noch nicht einmal unsere zerstörten Spielplätze“, betonte der Schorndorfer Stadt- und Kreisrat Hermann Beutel, „deshalb können wir hier keinen Blankoscheck ausstellen“. Man sollte vielmehr wenigstens mal darüber nachdenken, ob es nicht sinnvoller sei, Elektrobusse anzuschaffen, statt sich bei der Wiederherstellung der Zugverbindung zu übernehmen.
Auch der Rudersberger Bürgermeister Raimond Ahrens mahnte mehr Verlässlichkeit von Versicherung und Land an. Allerdings sei man ebenso in der Verantwortung, die „unverzichtbare Lebensader“ zu reanimieren – dies allerdings nicht, ohne in den Prozess Notfallbremsen einzubauen.
Landrat fordert verbindliche Zusagen
„Wir sind uns da in allen Punkten einig“, resümierte der Landrat „Wir dürfen nicht das Signal geben, dass wir alles richten – losgelöst von dem, was von Bund und Land kommt.“ Der Beschluss, die schnellstmögliche Reaktivierung der Strecke in Angriff nehmen zu wollen, wurde mit den Prämissen versehen, dass die Reparaturen wirtschaftlich darstellbar sowie durch Versicherung oder Landesmittel gedeckt sein müssen. Sigel sieht das Land auch in der Pflicht, mehr als vier Wochen nach der Katastrophe verbindliche Zusagen für den Umfang der Hochwasserhilfen zu machen, damit vor Ort eine verlässliche Planung möglich sei.
Die Wieslauftalbahn
Strecke Die Wieslauftalbahn verkehrt auf einer 11,5 Kilometer langen Zubringer-Strecke mit zehn Haltestellen zwischen Rudersberg und Schorndorf. Die Fahrzeiten sind auf die S-Bahn (S2) und die Regionalbahn in Richtung Stuttgart abgestimmt.
Betreiber Zur Wiederbelebung der zwischenzeitlich stillgelegten Strecke gründeten der Landkreis und die Kommunen Rudersberg und Schorndorf den Zweckverband Verkehrsverband Wieslauftalbahn (ZVVW). 1995 wurde der Betrieb unter der technischen Regie der Württembergischen Eisenbahngesellschaft (WEG) wieder aufgenommen.