Hochwasserschutz in der Lagunenstadt Kann auch Mose Venedig nicht mehr retten?

Ein Hubschiff für die Schutztore des Mose-Systems, das Venedig vor Hochwassern schützt. Foto: Almut Siefert

Rund 20 Jahre nach Baubeginn hält nun ein mobiler Damm extreme Hochwasser aus Venedig fern. Doch Experten warnen, dass dieser Schutz nicht von Dauer sein wird. Zukunftslösungen müssen her.

Gummistiefel gehören in Venedig zur Grundausstattung, Überschwemmungen zum Alltag. Wer kein passendes Schuhwerk dabei hat, kann von Straßenverkäufern wenig ansehnliche Überzieher erwerben. Kaum beginnt es zu regnen, findet man sie an jeder Ecke. Der Preis für den kniehohen Mülltüten-Stiefel-Ersatz steigt mit jedem Millimeter, den das Wasser aus den Kanälen auf die Plätze der Lagunenstadt vordringt. Provisorische Stege tauchen wie von Zauberhand auf und erhöhen die Fußgängerwege. Auch Tage später erinnern sie wieder zusammengeklappt an das vorherige Hochwasser, das Acqua Alta, welches mittlerweile als Touristenattraktion gilt.

 

Hochwasser auf dem Markusplatz im Jahr 2021. Imago/ /Andrea Merola

Doch der Klimawandel macht aus dem romantischen Flanieren durch die Rest-Pfützen auf dem Markusplatz immer häufiger eine echte Gefahr für Venedig und seine Bewohner. In den vergangenen 20 Jahren ist das Wasser alle zwei bis drei Jahre über 140 Zentimeter über Normalnull gestiegen. Zwischen 1900 und 1950 wurden zwei extreme Hochwasser pro Jahrzehnt gezählt. Eine Lösung musste her. Die hat zwar lange auf sich warten lassen, scheint aber nun tatsächlich zu funktionieren. Die Frage ist allerdings: Wie lange?

1,6 Kilometer lange Barriere zwischen der Adria und der Lagune

Die tiefsten Bereiche der Stadt, etwa zwei Prozent ihrer Fläche, werden bereits überflutet, wenn der Wasserspiegel auf 90 Zentimeter über dem mittleren Meeresspiegel ansteigt. Bei einem Pegel von 200 Zentimetern darüber stehen mehr als 90 Prozent der Altstadt Venedigs unter Wasser. Steigt der Wasserpegel über die Marke von 130 Zentimetern, schützt seit Kurzem Mose die Stadt. Damit ist nicht der biblische Prophet gemeint, der einst das Rote Meer geteilt haben soll. Mose steht als Abkürzung für Modulo Sperimentale Elettromeccanico, auf deutsch etwa „elektromechanisches Versuchsmodul“.

78 grellgelbe Fluttore werden zum Schutz Venedigs aus dem Meer an die Wasseroberfläche hochgeklappt und bilden eine etwa 1,6 Kilometer lange Barriere zwischen der Adria und der Lagune. Jedes dieser Tore ist etwa 30 Meter hoch, 20 Meter breit, fünf Meter dick und 250 Tonnen schwer. Die Barrieren sind mit Wasser gefüllt und liegen am Meeresgrund. Bei Bedarf wird das Wasser per Luftdruck herausgepresst uns sie erheben sich an die Oberfläche. Seit dem Sommer 2020 ist das System in Betrieb. Seitdem wurden die Sperren 84 Mal hochgefahren, zuletzt in der Nacht zum 27. März. Das Hochfahren der Sperren schlägt laut italienischen Medienberichten mit etwa 300 000 Euro pro Einsatz zu Buche.

Lange Zeit war Mose in Italien das, was der Berliner Flughafen BER oder der Stuttgarter Hauptbahnhof S21 in Deutschland sind: Der Inbegriff des Scheiterns, wenn es um die Umsetzung von Großbauprojekten geht. 2003 wurde der Grundstein vom damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gelegt. Bei Baubeginn war die Fertigstellung des mobilen Deiches für das Jahr 2011 geplant. Pannen, Korruption und immer weiter steigende Kosten – die neuste Zahl liegt bei mehr als sechs Milliarden Euro – begleiteten den extrem langsamen Baufortschritt.

Barrieren des Hochwasserschutzprojekts ragen aus dem Wasser. Foto: Claudio Furlan/LaPresse/AP/dpa

Daher war der Ärger der Venezianer im November 2019 um so größer, als die schlimmste Überflutung seit 1966 die Lagunenstadt lahmlegte. Der größte Teil der Altstadt stand unter Wasser, Kulturmonumente und die Existenzen zahlreicher Händler wurden zerstört. Selbst das berühmte Caffè Florian am Markusplatz, das laut dem Betreiber Marco Paolini noch nie zuvor wegen Hochwassers hatte schließen müssen, musste für eine Woche den Betrieb einstellen. Mose hätte da schon längst einsatzbereit sein sollen. 187 Zentimeter war das Wasser über den Normalpegel gestiegen. Der Schaden, den die Überflutung damals verursachte, betrug rund eine halbe Milliarde Euro.

Bereits zwischen 2060 und 2070 könnte Mose ausgedient haben

Ein Jahr später dann ging Mose endlich in Betrieb – und hat sich seither bewährt. Doch eine dauerhafte Lösung ist auch Mose nicht. Das System könnte schon früher kapitulieren, als von den Erbauern berechnet. Mose „kann Venedig und die Lagune in den nächsten 100 Jahren vor Gezeiten von bis zu drei Metern Höhe und vor einem Meeresspiegel-Anstieg von bis zu 60 Zentimetern schützen“, heißt es auf der offiziellen Internetseite des Projektes. Experten bezweifeln das.

„Viel hängt davon ab, wie gut es uns gelingt, den Klimawandel zu bekämpfen“, sagt Carlo Giupponi, Professor für Umweltökonomie an der Universität Ca Foscari in Venedig der Online-Zeitung „Venezia Today“. Die positivsten Vorhersagen gingen von einem Anstieg des Meeresspiegels um 20 bis 30 Zentimetern aus. Die pessimistischsten von bis zu 70 Zentimetern. Dazu kommt, dass die Stadt Venedig um drei bis vier Millimeter pro Jahr absinkt. Demnach könnte es bereits zwischen 2060 und 2070 zu einer übermäßigen Belastung des Mose-Systems führen.

Eine aktuelle Studie der Universität unter der Leitung Giupponis zählt außerdem wirtschaftliche Nachteile des Systems auf. Die Schließung des Mose verzögere zum Beispiel Hafenein- und -ausfahrten und für die Reedereien entstünden zusätzliche Kosten, wenn die Schiffe dennoch über eine Schleuse im Hafen anlegen wollen oder außerhalb der Lagune warten müssen. Die mit dem Mose-Betrieb verbundenen direkten Kosten für den Schiffsverkehr beziffern die Experten auf bis zu 1,3 Millionen Euro pro Jahr.

Experten sehen das Ökosystem der Lagune gefährdet

Dazu kommt: Umweltschützer befürchten, dass das Ökosystem der Lagune immer mehr leiden wird, je öfter die Barriere geschlossen werden muss. Werden die Fluttore hochgefahren, halten sie nicht nur das Hochwasser ab, sie schränken auch den Wasseraustausch zwischen der Lagune und dem Meer ein. Umweltaktivisten hatten bereits deshalb schon während der Bauphase immer wieder gegen Mose demonstriert. Sie fürchten, dass durch das fehlende Meerwasser und die ausbleibende Bewegung, nicht mehr genug Sauerstoff in die Lagune gelangt, was zu Veralgung und Fischsterben führen kann.

Auch Giovanni Cecconi, Wasserexperte an der Universität Ca Foscari weist darauf hin, dass die Lagunenstadt wegen des Klimawandels besonders dem beschleunigten Anstieg des Wasserspiegels ausgesetzt sei: „Was früher in einem Jahrhundert angestiegen ist, steigt jetzt in 25 Jahren.“ Bereits vor der Inbetriebnahme 2020 mahnte Cecconi, dass es nötig sei, „schon jetzt über Mose hinaus zu denken.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Venedig Hochwasser Italien Klimawandel