Von der SV Böblingen zur griechischen Nationalmannschaft: Konstantin von der Mülbe und Matteo Panagis (v. li.) feiern ihr Länderspieldebüt bei der EM. Foto: privat
Die Hockey-Abteilung der SV Böblingen hat zwei angehende griechische Nationalspieler in ihren Reihen. Wie das für Konstantin von der Mülbe und Matteo Panagis zustande kam, ist kurios.
Uli Meyer
07.01.2026 - 09:53 Uhr
Der erste richtige Länderspieleinsatz gleich eine Europameisterschaft. Solch einen außergewöhnlichen Einstand auf der internationalen Bühne werden der Böblinger Matteo Panagis und der Sindelfinger Konstantin von der Mülbe haben. Die beiden Hockeyspieler der SV Böblingen gehören der griechischen Nationalmannschaft an, die vom 9. bis 11. Januar im norwegischen Oslo bei der „Euro Hockey Indoor Championship II-B Men“ teilnimmt.
Mindestens so kurios ist, wie das alles zustande kam. Den Anfang nahm die Geschichte im Oktober 2024. Der damals 16-jährige Konstantin von der Mülbe hatte damals schon knapp zwei Jahre lang den Aufwand regelmäßiger Fahrten von Sindelfingen nach Mannheim und zurück auf sich genommen, um beim Landestrainer Torsten Althoff und der Kaderschmiede des Mannheimer HC zu spielen. Doch irgendwann musste er erkennen, dass es trotz nachweislich viel Talent und auch reichlich Ehrgeiz einfach nicht reichte, in den Kader der deutschen Jugend-Nationalmannschaft zu gelangen. „Dann bringe ich dich halt in die griechische Nationalmannschaft“, sagte Mutter Kiriakoula Kapousouzi. Dieser Satz, wohl eher als Trost für ihren Sohn gedacht, wurde schnell zu ihrem Antrieb, zumindest mal die Möglichkeiten abzuchecken.
Griechenland ist in Sachen Hockey ein Entwicklungsland
Hockey ist in Deutschland alles andere als ein Massenphänomen, statistisch gesehen kommen auf einen Hockeyspieler knapp 100 Fußballer oder zehn Handballer. Hockey ist mit 16 Medaillen jedoch hierzulande erfolgreichster olympischer Mannschaftssport und damit eine gefestigte Größe in der Sportlandschaft. Griechenland hat von alledem nichts.
Als die Olympischen Spiele 2004 nach Athen vergeben wurden, bot sich dem damals frisch gegründeten griechischen Hockey-Verband die erstmalige Chance auf eine Olympiateilnahme, doch die Ausrichter konnten die Anforderungen nicht erfüllen. Die gestarteten Bemühungen, ordentliche Strukturen im Hockey-Entwicklungsland Griechenland aufzubauen, verliefen im Sande. Ein geregelter Spielbetrieb ist längst wieder eingeschlafen, weil es einfach zu wenig Aktive gibt. Und die vor Athen 2004 aufgebaute Nationalmannschaft dümpelte zuletzt nur noch ziellos und überaltert vor sich hin.
Kiriakoula Kapousouzi gelang es, einen Ansprechpartner im griechischen Hockey zu finden. Nach einigen Mails und Telefonaten war der Sindelfingerin klar, dass ein Neuaufbau einer griechischen Auswahl wohl nur durch Impulse von außen möglich sein würde. Die Idee, neben ihrem eigenen Sohn weitere junge Hockeyspieler mit griechischen Wurzeln in deutschen Hockey-Vereinen aufzufinden, brachte zu ihrer eigenen Überraschung schnell Ergebnisse.
Aus der gut vernetzten Hockey-Community gab es nach einem entsprechenden öffentlichen Aufruf gleich mehrere Interessenten aus München, Stuttgart, Mannheim und Düsseldorf. Und weil solche Dinge nicht an Ländergrenzen Halt machen, meldeten sich gleich noch ein paar Leute aus Belgien und den Niederlanden.
Beim Neuaufbau einer griechischen Auswahl mit dabei: Matteo Panagis und Konstantin von der Mülbe (hinten v. re.) tragen mit Stolz das Nationaltrikot. Foto: privat
Nikolaos Anastasiadis, Organisator und Trainer der griechischen Nationalmannschaft, griff die in Sindelfingen angestoßene Initiative gerne auf. Für März 2025 organisierte er in Thessaloniki ein erstes Treffen der bunten Schar aus wenigen Ur-Griechen und den neuen Spielern aus Deutschland, Belgien und Niederlande, die alle über zumindest ein griechisches Elternteil und eine doppelte Staatsbürgerschaft verfügen. Ein paar Testspiele gegen Bulgarien liefen passabel. „Danach waren alle Feuer und Flamme, der Ball kam ins Rollen“, spürte Kiriakoula Kapousouzi eine Aufbruchstimmung.
Mit dabei von der SV Böblingen war nicht nur Konstantin von der Mülbe, sondern auch Matteo Panagis. „Das war für mich eine völlig unerwartete Sache. Aber es macht echt Spaß“, bereut der 27-jährige Böblinger nicht, sich auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben.
„Ich denke, Matteo Panagis und ich haben in der Mannschaft sogar eine führende Rolle.“
Konstantin von der Mülbe von der SV Böblingen über das neue griechische Nationalteam
Ihrer eher halbherzigen Meldung zur Hallen-Europameisterschaft 2026, wo Griechenland in der untersten Division angesiedelt ist, folgten die Südeuropäer ab dem Thessaloniki-Treff mit neuem Elan. Ein niederländischer Trainer wurde engagiert, und im Herbst gab es ein dreitägiges EM-Trainingslager in Düsseldorf. „Es wird besser und professioneller“, stellte Konstantin von der Mülbe nach dem Lehrgang zufrieden fest.
Dass es die beiden SVB-Regionalligaspieler in den finalen 12-Mann-Kader des griechischen EM-Aufgebots geschafft haben, stand für den Angreifer nie ernsthaft in Zweifel: „Ich denke, Matteo und ich haben in der Mannschaft sogar eine führende Rolle“, sagt Konstantin von der Mülbe selbstbewusst.
In Oslo trifft die griechische Mannschaft auf Italien, die Ukraine, Litauen, Schweden und Gastgeber Norwegen. Es geht um den Aufstieg in die nächsthöhere Division. Italien und die Ukraine als erfahrenere Nationen dürften die größten Chancen haben, Griechenland ist krasser Außenseiter. „Mal gucken, wie wir uns mit den anderen Nationen messen können“, wollen die beiden SVB-Akteure den einen oder anderen Achtungserfolg landen, das Ganze aber einfach auch genießen.
Die Hallen-EM soll im Übrigen kein einmaliges Abenteuer bleiben. „Wir alle wollen das griechische Hockey ein bisschen voranbringen“, weiß Abwehrspezialist Matteo Panagis, dass erst das Etablieren in der olympischen Disziplin Feldhockey dem Verband womöglich neue Unterstützung auch durch staatliche Quellen bringen würde. Konstantin von der Mülbe und Matteo Panagis würden ihren Part bestimmt gerne beitragen. Oslo soll der Start sein.