Hockey in Ludwigsburg Das Sport-Phänomen rennt immer noch über den Platz

Horst Ruoss kennt sich aus beim schnellen Spiel mit dem Krummstock – und die Nachwuchsspielerinnen vertrauen seinen Tipps. Foto: Martin Tschepe

Horst Ruoss ist 87 Jahre alt und steht Woche für Woche als Trainer der HCL-Jugend auf dem Platz – Ende August spielt der Senior selbst: bei der Masters-EM in Ludwigsburg.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)

Auf dem Sportgelände des Hockey Clubs Ludwigsburg (HCL) scheint jeder und jede den Horst zu kennen, Horst Ruoss, Jahrgang 1938. Der Mann mit dem freundlichen Lächeln und der Schildmütze auf dem Kopf plaudert an diesem Abend im Mai mit gefühlt allen und jedem. Ein Jugendspieler – bepackt mit seiner Ausrüstung – rennt auf den Senior zu und ruft: „Horst, schaust du uns nachher beim Ligaspiel zu?“ Der Horst schüttelt mit dem Kopf, er kann nicht, leider – und antwortet: „Ich hab‘ doch selbst Training.“ Mister Hockey hat vor zwei Jahren – mit 85 Jahren! – seinen Posten als fester Jugendtrainer des HCL zwar abgegeben, er steht trotzdem jeden Freitagabend auf dem Platz. Zu seinem freien Training kommen mitunter mehrere Dutzend Teenager. Eigentlich, sagt er und grinst, „brauche ich einen Assistenten“.

 

Mehrere EM- und WM-Titel als Coach geholt

Horst Ruoss ist ein Sport-Phänomen. Er spielt seit rund 75 Jahren Hockey, war unter anderem Verbandstrainer und deutscher Jugendnationaltrainer, Trainer des Bundesligisten der Herren des HTC Stuttgarter Kickers sowie österreichischer Nationaltrainer. Der gebürtige Stuttgarter ist früher selbst mit der Länderauswahl angetreten. Er hat mit seinen Mannschaften als Coach mehrere EM- und WM-Titel geholt. Ruoss ist mit den tollsten Auszeichnungen dekoriert: etwa mit der Goldenen Ehrennadel des VfB Stuttgart, mit dem Goldenen Sportabzeichen und mit der Goldenen Ehrennadel des Deutschen Hockey Bundes. Die Landeshauptstadt hat ihn 2017 zum Stuttgarter Sportpionier ernannt - und und und.

Der Hockeyplatz ist seine Welt. Foto: Martin Tschepe

Wie war das damals in seiner Kindheit? Warum hat der kleine Horst kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ausgerechnet mit Hockey angefangen? Als Knirps habe er alle möglichen Sportarten ausprobiert, erzählt Ruoss, kurz bevor sein offenes Training beginnt: Fußball, Boxen, Leichtathletik zum Beispiel. In seiner Nachbarschaft habe ein großer deutscher Hockeyspieler gewohnt, Heiner Massa. Deshalb habe über kurz oder lang „die ganze Straße Hockey gespielt“.

Horst Ruoss hat Chemiegraf, Lithograf und Industriekaufmann gelernt. Mitte der 1970er-Jahre hat er an der Sporthochschule in Köln das Trainer-Diplom des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) gemacht. Damals, so Ruoss, hätte er deutscher Bundestrainer werden können. Er hätte aber umziehen müssen nach Köln. Das sei für ihn nicht in Frage gekommen. Später indes, die zwei Kinder waren längst groß, wurde er dann doch noch Bundestrainer: im Nachbarland Österreich. Sein bis dato letzter großer Erfolg als Trainer: Bronze mit der deutschen Mastersmannschaft M55 bei der WM in Südafrika im Jahr 2022.

Für die Fitness steigt er aufs Rad

Wie hält sich dieser Mann, der stramm auf die 90 zugeht, fit? Schnelle, knapp zusammengefasste Antwort: viel Bewegung, nicht rauchen, ab und zu Wein trinken, kein Bier. Seit ein paar Jahren jogge er nicht mehr, er wandere viel – und fahre Rad, „aber nicht mit einem E-Bike!“ Jung hält diesen Opa und Uropa offenkundig auch der Kontakt zu den Nachwuchssportlern des HCL. Seine Einschätzung der heutigen Jugend, über die ja oft geschimpft wird: „Die sind nicht schlimm, schlimm sind die Eltern.“ Viele Väter und Mütter seien „übervorsichtig“ – Eltern, sagt Horst Ruoss, wollten „überall mitbestimmen“. Anno dazumal sei das ganz anders gewesen. „Wir waren acht Geschwister“ – er sei als 14-Jähriger mit dem Rad bis nach Italien gefahren. Drei Wochen lang hätten seine Eltern nichts von ihm gehört.

18.30 Uhr – das Ruoss-Training des HCL beginnt. Der Senior schnappt sich einen Schläger, zeigt seine Kniffe und gibt lautstark Anweisungen: „Sauber vorlaufen – und Schuss!“ „Kein so hoher Ball!“ „Handgelenk stabil“! „Schneller Slalom um die Hütchen!“ „Auf geht’s!“

Dieser Mann hat’s drauf. Wer sich vom Können des schwäbischen Hockey-Urgesteins überzeugen will, sollte Ende August auf den HCL-Sportplatz kommen. Dann spielt der Horst bei der EM in Ludwigsburg in der deutschen M80-Masters-Nationalmannschaft.

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