Höhen und Tiefen einer Karriere Mit Behr auf Berg-und-Tal-Fahrt

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Das Zahnradbahn-Gespräch mit Prominenten aus dem Sport: auf dem Weg nach oben erzählen sie von ihren Karrierehöhepunkten, auf dem Weg nach unten von Tiefpunkten – heute: ein bewegtes Fechterleben.

Abfahrt am Marienplatz: Matthias Behr nimmt einen mit auf eine sehr persönliche Reise.Abfahrt am Marienplatz: Matthias Behr nimmt einen mit auf eine sehr persönliche Reise. Foto: Pressefoto Baumann

Abfahrt am Marienplatz: Matthias Behr nimmt einen mit auf eine sehr persönliche Reise. Abfahrt am Marienplatz: Matthias Behr nimmt einen mit auf eine sehr persönliche Reise. Foto: Pressefoto Baumann

Stuttgart - Irgendwann hält es Matthias Behr nicht mehr auf seinem Barhocker. Schwungvoll steigt er ab und funktioniert kurzerhand den Mittelgang des Café Kaiserbau am Stuttgarter Marienplatz in eine Planche um. Behr will die entscheidenden Momente des olympischen Florettfinales aus dem Jahr 1984 so originalgetreu wie möglich nachstellen. „Ich führe 7:3 gegen Mauro Numa“, erzählt Behr atemlos und bewegt sich tänzerisch dazu, die virtuelle Klinge in der Hand: „Noch ein Treffer, und ich bin Olympiasieger.“ Den setzt am Ende der Italiener in der Verlängerung, Behr verfehlt Gold um Millimeter. „Einerseits war ich enttäuscht, andererseits habe ich mich über Einzelsilber gefreut“, sagt er.

Im Leben von Matthias Behr liegen die Hochs und Tiefs ganz nah beisammen, so wie damals in Los Angeles. Es gibt jedenfalls eine Menge zu erzählen vom Leiter des Olympiastützpunktes Tauberbischofsheim an diesem Vormittag, der mit der Zahnradbahnfahrt beginnt und drei Stunden später bei Espresso und Mineralwasser endet. In dieser Zeit hat der jugendlich, sympathisch und so lebenslustig wirkende 57-Jährige Eindruck gemacht – mit seinem Fechtauftritt offensichtlich auch bei den anderen Gästen. Jedenfalls verabschiedet sich jeder, der das Café verlässt, vom am Ausgang sitzenden Matthias Behr.

Zunächst aber sitzt Matthias Behr in der Zahnradbahn. Und wie es das Protokoll vorsieht, erzählt er am Anfang von seinen Karrierehöhepunkten – von der olympischen Mannschaftsgoldmedaille 1976 und von der Freundschaft zwischen ihm und seinen Teamkameraden Thomas Bach, Harald Hein und Klaus Reichert. Es geht weiter mit den Weltmeisterschaften 1977 in Buenos Aries, „die übrigens in einer Viehhalle stattfanden“, wie sich Behr erinnert. Dort gelang ein Finalsieg gegen die von den argentinischen Zuschauern frenetisch angefeuerten Italiener. Am Ende waren es 16 Medaillen bei Großveranstaltungen, die Matthias Behr gewann. In den goldenen deutschen Fechtzeiten war er ein Star und der Liebling von Emil Beck, der es trotz seiner geringen Körpergröße dennoch schaffte, sich immer noch ein Stück über seine so erfolgreichen Tauberbischofsheimer Fechter und Fechterinnen zu stellen.

Schicksalhafte Erlebnisse münden in eine Depression

Emil Beck – das ist der Mann, der gleichermaßen für Hoch- und Tiefpunkte im Leben von Matthias Behr sorgte. „Mit einer Ohrfeige hat alles angefangen“, erinnert sich Behr an die erste Begegnung. Als 11-Jähriger hatte er beim Training seiner älteren Brüder Reinhold und Jochen zugeschaut. Beck verpasste ihm provisorisch eine Watschen und befahl, das nächste Mal gefälligst mitzutrainieren. „Von diesem Moment an hatte ich einen Vaterersatz“, sagt Matthias Behr, der dreieinhalb Jahre alt war, als er seinen leiblichen Vater bei einem Autounfall verlor. „Ich wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, Emil Beck öffnete mir alle Türen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.“ Im Gegenzug erwartete der König von Tauberbischofsheim allerdings auch Gegenleistungen – für den als Kronprinzen auserkorenen Matthias Behr bedeutete dies eine Gefolgschaft teilweise bis zur Selbstaufgabe.

Die Zahnradbahn ist in Degerloch angekommen und bereit zur Talfahrt. Anstatt weiter über Emil Beck und den 1996 beginnenden Psychokrieg mit dem Tauberbischofsheimer Alleinherrscher zu sprechen, will Matthias Behr chronologisch nicht aus der Reihe tanzen. Weil die einzelnen schicksalhaften Erlebnisse aufeinander aufbauen und im Jahr 2001 in eine Depression münden. „Wenn ich über alles spreche, hilft mir das auch bei der Verarbeitung“, sagt Matthias Behr.