Höhlen auf der Alb: ein Jahr Weltkulturerbe Ein Tag in der Eiszeit – bei 35 Grad

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Seit einem Jahr dürfen sich sechs Höhlen auf der Schwäbischen Alb mit dem Weltkulturerbe-Siegel der Unesco schmücken. Doch was hat sich seither getan bei Besuchern, Höhlen und Museen? Eine Spurensuche im Ach- und im Lonetal.

Die Sirgensteinhöhle bei Schelklingen gehört zu den offenen und naturbelassenen Weltkulturerbehöhlen – nur ein kleiner Trampelpfad führt hinauf. Foto: Günther Bayerl
Die Sirgensteinhöhle bei Schelklingen gehört zu den offenen und naturbelassenen Weltkulturerbehöhlen – nur ein kleiner Trampelpfad führt hinauf. Foto: Günther Bayerl

Wie weit ist man damit gekommen, die Eiszeithöhlen der Schwäbischen Alb zu erschließen, zu vermarkten und eventuell zu schützen? Blaubeuren - Selbst die Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) hat sich jetzt einen Tag lang Zeit genommen, um zu erkunden, was sich seit der Verleihung des Weltkulturerbe-Siegels vor einem Jahr verändert hat. Im Hohle Fels bei Schelklingen stieg sie hinab zu den Grabungen, wo man zuletzt eine Mammutrippe mit rätselhaften Einkerbungen gefunden hat. Im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren bestaunte sie die Originale, wie die kleine Venus mit ihren großen Brüsten, und im Archäopark Vogelherd spazierte sie über die Tundrasteppe, die man dort angelegt hat. Es war ein Tag in der Eiszeit – bei 35 Grad.

Am deutlichsten ist die Veränderung bei den Besucherzahlen – tatsächlich zieht das Unesco-Siegel viele Menschen zusätzlich an. Im Hohlen Fels und im Blaubeurener Museum hat sich die Zahl fast verdoppelt auf je 60 000 im Jahr. Für andere Museen wäre das wenig – das Landesmuseum in Stuttgart begrüßt etwa viermal so viele Gäste. Für den Kreis Heidenheim und den Alb-Donau-Kreis aber sind die Höhlen und Museen von herausragender Bedeutung – für das Selbstbewusstsein und den Tourismus. Blaubeu­ren habe 100 000 Übernachtungen pro Jahr, was für eine so kleine Stadt beachtlich sei, sagt deren Bürgermeister Jörg Seibold. Das sei nur möglich, weil die Kunstwerke vor Ort ausgestellt würden. „Ohne die Originale würde unser Konzept kollabieren“, betonte er gegenüber der Ministerin.

Zu den meisten Höhlen führen bisher nur Trampelpfade

In der Außendarstellung hat sich dagegen im ersten Jahr nicht viel getan. Eine Besucherin aus der Schweiz beschwerte sich sogar beim Tross der Ministerin, dass es nicht einmal ein Hinweisschild zum Geißenklösterle gebe. Tatsächlich dürfte es selten sein, dass Weltkulturstätten so naturbelassen bleiben – am Sirgenstein, am Hohlen­stein und an der Bocksteinhöhle gibt es bis heute keine Kasse, kaum eine Tafel und nur Trampelpfade. Nichts ist abgesperrt. „Die Höhlen werden zum Glück nicht so überrannt, dass wir Sicherungsmaßnahmen ergreifen müssten“, sagt Claus Wolf, der Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege in Esslingen. Beim Geißen­klösterle ist allein der frühere Grabungsbereich abgesperrt, der Hohle Fels ist mittwochs bis sonntags gegen Entgelt zu besuchen, und die sechste Höhle, die Vogelherdhöhle, ist in den Archäopark eingebettet und kostet deshalb auch Eintritt.

Hinter den Kulissen aber ist einiges in Gang gekommen. Schon 2014 haben sich alle Akteure zur Arbeitsgemeinschaft „Weltkultursprung“ zusammengeschlossen, um sich besser zu koordinieren. Seit Mai ist nun mit Katharina Susec die Geschäftsstelle besetzt. Ihre erste Aufgabe ist es, eine einheitliche Beschilderung umzusetzen; womöglich soll dies noch in diesem Jahr beginnen. Von den Autobahnen bis zu den Höhlen soll mit einheitlichem Design geworben werden – alle Touristen werden dann hoffentlich nicht mehr orientierungslos durch die Gegend irren.

Längst ist auch geplant, die Wege zu den Höhlen zu verbessern. Bei dem steilen Trampelpfad zum Geißen­klösterle etwa hätte dies längst geschehen sollen, doch dann habe sich herausgestellt, dass von dem mächtigen Bruckfelsen Steinschlag drohen könnte, erzählt Georg Hiller, der frühere Bürgermeister von Blaubeuren und seit Jahrzehnten aktiv in Sachen „Stoiner und Boiner“. Jetzt müsse der Weg an anderer Stelle neu geplant werden. Beim Hohlen Fels soll zudem ein Informationszentrum für die drei Höhlen des Achtals entstehen.

Weitere Grabungen sind geplant

Auch die Denkmalpflege hat drei neue Stellen erhalten, die nach den Ferien ausgeschrieben werden. Darunter sind zwei Wissenschaftler – ihre Aufgabe wird es auch sein, auf die Balance zwischen dem touristischen Ausbau und dem Schutz der Höhlen zu achten. Claus Wolf sagt klar, dass er keine Wanderautobahnen zu den Fundstätten möchte. Und auch die Konzerte, die im Hohlen Fels stattfinden, sieht er mit gemischten Gefühlen. Manchmal habe die Musik einen direkten Bezug zur Eiszeitkunst, etwa bei Trommeln oder Flöten, dann passe das gut; aber manchmal handele es sich nur ein musikalisches Event.

In den weniger bekannten Höhlen will das Denkmalamt noch einmal kleinere Grabungen machen – und die Universität Tübingen hat abermals Geld vom Land erhalten, um ihre Forschungen fortführen zu können. Denn die Funde sind Grundlage von allem.

Dass alles etwas länger dauert im Ach- und im Lonetal, liegt nicht daran, dass man sich bei 40 000 Jahre alter Kunst ruhig Zeit lassen kann; sondern es liegt an der dezentralen Struktur, für die sich das Land vor etwa zehn Jahren entschieden hat. Nun gilt es, sechs Höhlen, fünf Museen mit Originalfunden, mehrere Ministerien, zwei Landkreise, viele Kommunen und noch mehr Ehrenamtliche in eine Richtung zu lenken. Geeinigt hat man sich auf zwei Ziele: Man will erstens einen sanften und nachhaltigen Tourismus und zweitens soll die Qualität an allen Orten hoch sein, gerade in wissenschaftlicher Hinsicht. Dies unterstreicht auch Nicholas Conard von der Universität Tübingen, der als Chefausgräber der Spiritus rector dieses Weltkulturerbes ist. Ein Spiritus rector übrigens, der die Ministerin in kurzer roter Hose und mit Ringelsocken begrüßte.

Archäopark erwartet finanzielle Hilfe des Landes

Trotz dieser Bündelung räumen aber viele hinter vorgehaltener Hand ein, dass es Befindlichkeiten, Reibungsverluste und Egoismen gebe, die viel Zeit und Energie kosteten. Der frühere Bürgermeister Hiller sagt es so: „Die Hose ist eben allen näher als der Kittel. Aber alle haben mittlerweile begriffen, dass man auch einen Kittel braucht.“ Die Zusammenarbeit funktioniere jedenfalls gut.

Das gilt allerdings nicht fürs Geld. Das Land hat durchaus seine Schatulle aufgetan, aber das Geld fehlt dennoch hinten und vorne. So betreibt etwa die kleine Gemeinde Niederstotzingen mit 4600 Einwohnern den Archäopark – jährlich mache sie einen Verlust von 250 000 Euro, erzählt der Bürgermeister Marcus Bremer. Bei einem Etat von zehn Millionen Euro sei das eine große Summe: „Dabei ist dieses Weltkulturerbe doch eine nationale Aufgabe“, sagt er. Er hat das Land mehrfach gebeten, den einzigartigen Park zu unterstützen: „Bisher gibt es dafür leider keine Signale“, sagt Bremer.

Die Zeit, als manche von einem ganz neuen Museum träumten, in dem alle Eiszeitkunstwerke der Alb versammelt sind, ist jedenfalls vorbei. Eine solche zentrale Lösung ist politisch tot. Dabei hätte eine solche Einrichtung ohne Zweifel eine weltweite Anziehungskraft, so wie etwa das 2015 eröffnete Museum von Chauvet in Zentralfrankreich, das seitdem 1,5 Millionen Besucher aus 139 Ländern zählte. Dabei handelt es sich nur um die Nachbildung der Originalhöhle mit 400 Malereien der Steinzeit. Die Albhöhlen und -museen, obwohl eher noch bedeutender, haben also noch viel Luft nach oben. Im Urgeschichtlichen Museum stammen laut der Leiterin Stefanie Kölbl derzeit zehn Prozent der Besucher aus dem europäischen Ausland. Die Kritik, dass bei dem Weltkulturerbe auf der Alb immer noch zu klein gedacht werde, kommt an diesem Tag allerdings nicht auf.

Die große Lösung eines zentralen Museums ist vom Tisch

Tatsächlich tun sich aber alle schwer mit der Frage, zu welchem Besuch man einem japanischen Touristen, der sieben Tage für ganz Europa hat, in Sachen Eiszeitkunst raten soll. Womöglich geht er zuletzt nirgendwo hin, weil für ihn scheinbar nichts die ganz große Magie ausstrahlt. Dabei ist es ungemein faszinierend, etwa dem großen Löwenmenschen im Ulmer Museum Auge in Auge gegenüberzustehen – es ist ein Blick hinüber in eine Zeit, als das Bewusstsein des Menschen erwachte.

Eine Frage konnte aber selbst Nicholas Conard nicht beantworten: Warum haben die Menschen gerade auf der Alb die ersten Kunstwerke geschaffen? Der Archäologe vermutet, dass es eine kulturelle Konkurrenz von Homo sapiens und Neandertaler gab, was beide befeuerte. Conard schließt aber nicht aus, dass irgendwann woanders auf der Welt ältere Kunstwerke gefunden werden. Heiner Scheffold, der Landrat des Alb-Donau-Kreises, hat dagegen eine klare Antwort auf die Frage, warum es hier geschah: „Dies war schon immer eine sehr innovative Region mit sehr innovativen Menschen – vor 40 000 Jahren und heute.“