Hölderlin-Ausstellung in Marbach Im Reich der Sinne

Im Literaturmuseum der Moderne feiert man Hölderlins 250. Geburtstag unter anderem mit diesem Postkartengruß aus der letzten Marbacher Jubiläumsausstellung an Paul Celan. Weitere Eindrücke finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: DLA-Marbach

Wie sich der Herzschlag im Ansturm lyrischer Schönheit verändert, wie die Augen einen Text abtasten und was unsere Stimme mit ihm veranstaltet: all dies macht die sehens- und fühlenswerte Ausstellung „Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie“ im Literaturmuseum der Moderne erlebbar.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Unter den Institutionen, für die das derzeitige Distanzgebot zum Problem werden könnte, wäre einem das Literaturmuseum der Moderne in Marbach vielleicht nicht als erstes eingefallen. Was daran liegen mag, dass Literaturausstellungen immer noch im Verdacht stehen, vor allem ein Fall für einen überschaubaren Kreis von Liebhabern und Kennern zu sein. Doch abgesehen davon, dass diese Erwartungshaltung schon lange nicht mehr dem entspricht, was auf der Schillerhöhe tatsächlich geboten wird, ist Marbach von der Corona-Krise besonders hart getroffen worden, weil hier eine auf Hölderlins 250. Geburtstag am 20. März ausgerichtete Ausstellung wenige Tage vor der feierlichen Eröffnung durch den Bundespräsidenten in einen pandemischen Dornröschenschlaf versetzt werden musste: „Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie“.

 

An diesem Samstag endlich erwacht zum Leben, was als Doppelgipfel sich verschränkender Jubiläen geplant war: dem 250. Geburtstag Hölderlins und dem 50. Todes- beziehungsweise 100. Geburtsjahr Paul Celans. Und es ist nicht nur der Zufall runder Daten, der diese je auf ihre Weise eckigen, zerrissenen, gefährdeten Dichter zusammenbringt. Die letzte öffentliche Lesung Celans vor seinem Freitod fand auf einer Tagung der Hölderlin-Gesellschaft in Stuttgart statt, einen Tag nach Hölderlins 200. Geburtstag.

In der neuen Marbacher Schau findet man das Buch, in dem Celan kurz vor seinem Tod gelesen hat, eine Hölderlin-Biografie, aufgeschlagen an der Stelle, an der die Lektüre abbrach. Ein Satz ist unterstrichen: „Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen seines Herzens.“ Kurz zuvor konnte man die Ingeborg Bachmann gewidmeten Verse Celans lesen: „Wir sagen uns Dunkles, / wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis“, in einem Gedicht, dessen Titel heute merkwürdig widerklingt: „Corona“.

Zwischen wissenschaftlicher Séance und Sprachlabor

Hölderlin wie Celan stehen mit ihrer Dichtung im Horizont der Moderne: der eine im Vorgriff, der andere nach Erfahrungen, die es barbarisch erscheinen lassen konnten, überhaupt noch Gedichte zu schreiben. Und trotz solcher ideengeschichtlicher Verbindungen spielen in dieser Ausstellung doch auch Zahlen eine zentrale Rolle. Hier wird gezählt, geteilt, gerechnet, 37-mal blühen Rosen aller Art in den Gedankenbeeten von Hölderlins Lyrik, 16-mal weht der Wind und 1095-mal kommt das Wort Ich vor.

Es wird gerade heftig spekuliert, ob und wie sich in Zeiten der virologisch gebotenen Lähmung des öffentlichen Lebens der Siegeszug des Digitalen vollendet. In dieser vor der Krise konzipierten Schau erfährt man etwas darüber, was die sogenannten Digital Humanities, der Einsatz computergestützter Verfahren, Wortstatistiken, Algorithmen, für das Erleben so elementarer Zusammenhänge zu leisten vermögen, wie zum Beispiel folgendem Satz: „Mit gelben Birnen hänget, / und voll mit wilden Rosen, / das Land in den See, / ihr holden Schwäne, / Und trunken von Küssen / Tunkt ihr das Haupt / Ins heilignüchterne Wasser.“

Um dieses Wortmaterial, den Anfang von Hölderlins vielleicht berühmtestem Gedicht „Hälfte des Lebens“, zur freien Entfaltung zu bringen, hat das Kuratorenteam um die Leiterin des Literaturmuseums, Heike Gfrereis, alle Register gezogen, und sich eine Art Analyseorgel bauen lassen. Damit kann man sich den Text zerlegt in Konsonanten, Vokale, Verben, Substantive in allen erdenklichen Kombinationen anhören. Das klingt nach Nonsens. Und genau darin liegt ein Erkenntniswert, der diese eigenwillige Veranstaltung auf erfrischend andere Wege führt als die immer gleichen, auf denen der philologische Tross bei Gelegenheit von Gedenkanlässen entlangzieht. Denn hier geht es ums Ganze: um die Sprachen der Lyrik. Was diese auszeichnet, führt jenseits ausgetretener Sinnzusammenhänge mitten hinein in das sinnliche Abenteuerreich von Knack- und Verschlusslauten, von Atem, Puls und Rhythmus.

Wo wir eben schmerzlich ermessen, wie wenig digitale Surrogate uns über den hoffentlich nur vorübergehenden Verlust der analogen Welt hinwegtrösten, machen hier gerade Computerprogramme die intimsten Regungen sichtbar, mit denen unser Körper den Fragen der poetischen Geistersprache antwortet: wie sich der Herzschlag im Ansturm lyrischer Schönheit verändert, wie die Augen einen Text abtasten und was unsere Stimme mit ihm veranstaltet. Zwischen wissenschaftlicher Séance und Sprachlabor pulsieren Projektionen subjektiver Erregungszustände und rätselhafter Grapheme von Blickverläufen der Gedichtlektüre über die Wände.

Direkter Draht zum Genius

Doch Analyse ist nur die eine Hälfte des Lebens. Die andere ist das volle Werk, um noch einmal die tönende Metaphorik der Orgel zu bemühen. Der Schauspieler und Autor Hanns Zischler hat Hölderlin-Gedichte eingelesen. Wie ein direkter Draht zum Genius baumeln Schnurtelefone von der Decke. Aus ihnen erklingen exemplarische Aufführungen des produktiven Tintengestrüpps aus Korrekturen, Streichungen und Alternativversionen der ausgestellten Handschriftenpartituren: von den ersten stark „schillernden“ Anfängen, den großen hymnischen Ausschlägen zu der still verklingenden Linie der späten Gedichte, die der 1807 als unheilbar in das Asyl des Tübinger Turms Entlassene mit dem Namen Scardanelli signierte: „So sind die Zeichen der Welt, der Wunder viele.“ Der Rest ist das Murmeln des Archivs, mit dem Autoren des Marbacher Bestands auf Hölderlin antworten.

Die letzte Postkarte an Paul Celan schickte der Stuttgarter Schriftsteller Johannes Poethen im April 1970 von einer anderen Jubiläums-Ausstellung im Marbacher Schiller-Nationalmuseum: „Wir sind wieder zu Hölderlin gegangen – ich kannte diese (gute) Ausstellung noch nicht.“ 50 Jahre später kann man sich dieser Empfehlung nur anschließen.

Info

Hölderlin Er gilt als ein Begründer der modernen Lyrik: Friedrich Hölderlin (1770-1843). In Lauffen am Neckar geboren, studierte er in Tübingen Theologie. Nach schwierigen Jahren als Hauslehrer und nach einer tragischen Liebesgeschichte kam es zu einem psychischen Zusammenbruch. Seine zweite Lebenshälfte verbrachte der Dichter in einem Turmzimmer in Tübingen.

Celan Am 23. November 1920 wurde Paul Celan im damals rumänischen Czernowitz geboren. 1942 wurden seine Eltern deportiert und ermordet. Celans dichterisches Werk thematisiert den Zivilisationsbruch durch den Nationalsozialismus aus jüdischer Perspektive. Seine „Todesfuge“ ist eines der berühmtesten Gedichte des 20. Jahrhunderts. Im Frühjahr 1970 nahm sich Celan in der Seine das Leben.

Ausstellung In seinem Grußwort zur Eröffnung der Marbacher Schau zeigt sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erfreut über den vorsichtigen Wiederanfang des kulturellen Lebens. Das Video ist auf der Website des DLA zugänglich. Wegen Covid-19 dürfen sich am Wochenende maximal 40, unter der Woche 20 Besucher im Museum aufhalten. Es gilt Maskenpflicht.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Ausstellung Marbach