Hofflohmärkte in Stuttgart Das Geheimnis des gemeinsamen Kruschtelns

Von  

Die Hofflohmärkte haben in Stuttgart binnen kurzer Zeit Furore gemacht und weiten sich immer mehr aus. Bundesweit rangiert die Landeshauptstadt inzwischen mit ihrer Anzahl an Terminen auf Platz drei aller teilnehmenden Städte.

Man findet fast  immer etwas, wovon man bislang nicht ahnte, dass man es dringend braucht. Foto: Kathrin Wesely
Man findet fast immer etwas, wovon man bislang nicht ahnte, dass man es dringend braucht. Foto: Kathrin Wesely

S-Innenstadt - Die Hinterhofflohmärkte in den Stuttgarter Stadtbezirken sind 2015 vom Start weg ein Erfolg gewesen. Ihr Münchner Macher, René Götz, trommelt dieser Tage für die dritte Auflage dieses flächendeckenden Nachbarschaftsevents. Die ersten Hinterhofgemeinschaften haben sich schon angemeldet. Götz hatte die Hinterhofflohmärkte, die seit nunmehr 15 Jahren in München florieren, in andere deutsche Städte exportiert – darunter Köln, Frankfurt, Dortmund, Düsseldorf, Essen, Bonn, Hannover, Hamburg und eben auch Stuttgart. Mittlerweile ist die schwäbische Landeshauptstadt auf Rang drei vorgerückt: Nach München mit 39 Flohmarktterminen und Köln mit 26 Terminen folgt Stuttgart, wo in diesem Jahr insgesamt 13 Hinterhofflohmärkte angekündigt sind.

Der Will-Ich-Auch-Effekt

Es gibt auch Städte, in denen die Idee langsamer oder gar nicht zündete, berichtet Götz. Frankfurt und Hamburg entwickelten sich deutlich langsamer, Berlin funktioniere gar nicht: „Da ist wahrscheinlich eh schon genug los“, mutmaßt René Götz. In Berlin sind die wöchentlichen Großflohmärkte seit je her gesellschaftliche Institutionen, und sie decken offenbar auch den Bedarf der Bevölkerung an Gebrauchtem hinreichend ab. Der erste Hofflohmarkt in Stuttgart hat im Frühjahr 2015 im Westen eröffnet, 70 Hinterhofgemeinschaften beteiligten sich vom Start weg. Es folgten Flohmärkte in immer mehr Stadtbezirken, längst ist die Idee auch aus dem Talkessel gekrabbelt. Es gibt Hofflohmärkte in Degerloch, Sillenbuch, Heumaden, Möhringen und erstmals sogar jenseits der Stadtg­renzen in Filderstadt. „Viele Leute, die das einmal irgendwo erlebt haben, wollen das auch bei sich vor der Haustür haben“, sagt der Initiator René Götz.

Bislang hat der 41-Jährige die zahllosen Veranstaltungen bundesweit alleine von seinem Münchner Schreibtisch aus gedeichselt. Er hat sich um Terminierung, Anmeldung, Druck von Flyern und Plakaten gekümmert, um die Betreuung der Internetseite inklusive einer Karte, in der jeweils alle teilnehmenden Hinterhöfe eines Events verzeichnet sind und die sich Besucher zur Orientierung ausdrucken können.

Für seine Arbeiten berechnet René Götz 15 Euro pro Hinterhof. Finanziell komme er rum, „aber reich werde ich damit nicht“. Dieses Jahr hat er sich erstmals eine Teilzeitkraft geleistet.

Biedermeier reloaded

Das Graswurzelhafte und Hausgemachte verleiht den Veranstaltungen Charme und Charakter. René Götz skizziert nur den Rahmen, gibt praktische Handreichungen, die die Organisation erleichtern. Doch mit Leben füllen müssen die Menschen das Konzept schon selbst. Die Nachbarn treten miteinander in Kontakt und besprechen, wie sie ihren Hinterhof gemeinsam bespielen. Und wenn sie den ganzen Nachmittag hinter ihrem Stand stehen, kommen sie miteinander ins Gespräch. Auch mit der Kundschaft gibt’s in der Regel ein munteres Gefeilsche und Geplänkel. Es herrscht eine gut gelaunte, leutselige Stimmung. „Da weiß man hinterher, wo man klingeln kann, wenn man mal ein Ei oder eine Tasse Mehl braucht“, sagt Götz. Außerdem seien die Flohmärkte ein generationenübergreifendes Projekt: „Jüngere etwa melden ältere Nachbarn mit an, wenn sie mit dem Internet nicht zurecht kommen.“

All das trifft perfekt den Geschmack der Zeitgenossen: Der moderne Stadtmensch schätzt Selbstgemachtes. Er kocht, bäckt und weckt nicht nur selbst ein, sondern organisiert sich auch selber sozial. Der Nachbar ist nicht mehr das unbekannte, nölende Wesen, das auf penible Einhaltung der Kehrwoche pocht. Er ist Teil der Viertel-Familie, in der man einander hilft, vertraut und sich zuhause fühlt. Biedermeier reloaded. Anonymität gibt es ja genug da draußen – in den flexiblen Arbeitswelten, zwischen Daten-Kolonnen und der kalten Endlosigkeit des Web-Alls. Da hat man es im Viertel zum psychohygienischen Ausgleich gern ein bisschen heimelig.

Sonderthemen