In Remseck bei Familie Escher wird der Hofladen gerade für Selbstbedienung umgebaut. Doch man kann auch noch mit Betreuung durch Mitarbeiter einkaufen. Foto: Simon Granville
Hohe Kosten und fehlende Mitarbeiter zwingen Hofläden dazu, neue Wege zu gehen. Eine Lösung ist die Umstellung auf Selbstbedienung, um Kunden längere Einkaufszeiten zu bieten.
In „Eschers Lädle“ im Remsecker Stadtteil Aldingen werden nicht nur frische und selbstgemachte Lebensmittel aus der eigenen Landwirtschaft oder der Produktion befreundeter Bauern verkauft, auch Zimmerer sind aktuell dort am Arbeiten. Denn in dem Hofladen soll man künftig auch außerhalb der Öffnungszeiten einkaufen können. „Uns blieb gar nichts anderes übrig“, sagt Sarah Escher-Gauß. „Zwei unserer Mitarbeiterinnen gehen in Rente, meine Schwester ist schwanger – und wir haben fast vier Monate lang nach einem passenden Ersatz gesucht.“ Der Hofladen-Automat könne das nicht leisten, weil dort nicht immer das zu finden sei, das die Kunden gerade wollen.
Damals habe man den Entschluss gefasst, die Öffnungszeiten wegen des Personalmangels einzuschränken und dafür in die Selbstbedienung einzusteigen. Dabei sei es geblieben, auch wenn man doch noch neue Mitarbeiterinnen gefunden habe. „Manche wollen ein Schwätzle halten, andere einfach schnell was einkaufen“, hat Alexander Gauß beobachtet.
In Zukunft habe man dieselben Bedienzeiten wie bisher – von Montag bis Samstag von 8 bis 12.30 Uhr und von Montag bis Freitag zusätzlich von 14.30 bis 18 Uhr, doch können die Kunden voraussichtlich ab Ende Juli von Montag bis Samstag ab 6 Uhr und bis 21 Uhr einkaufen – und zwar aus dem vollen Sortiment, alkoholische Produkte ausgenommen. Der Zugang zu Eschers Lädle ist dann ebenso wie das Bezahlen mit einer EC-Karte, Kreditkarte oder per ApplePay möglich, die Kundinnen und Kunden scannen die gewünschten Produkte zum Bezahlen selbst ein. Videokameras sollen möglichen Diebstahl verhindern.
Selbstbedienung aus Kostengründen
Auch die Marbacher Landwirte Katrin und Florian Petschl, die wie die Familie Escher schon länger einen Hofladen betreiben, diesen aber derzeit in eine größere Scheune umsiedeln, setzen künftig auf Selbstbedienung. Ihr Grund dafür sei aber ein wenig anders, sagt Florian Petschl: „Es kann sich heute niemand mehr leisten, jemanden zu bezahlen, der im Laden steht und auf Kundschaft wartet.“ Das Ganze funktioniere ähnlich wie die Tante-M-Läden, die in mehreren kleinen Ortschaften im Kreisgebiet die Grundversorgung der Bevölkerung sicherstellen.
Der Hofladen bei Petschls soll im Sommer in die umgebaute Scheune umziehen Foto: privat
Auch bei Petschls erfolgt der Zutritt über eine Bankkarte, aber nicht nur. „Zwischen 8 Uhr morgens und dem Mittag soll der Laden ganz geöffnet haben – da gibt es erfahrungsgemäß am wenigsten Diebstahl“, erklärt der Landwirt. Abends ab 18 oder 20 Uhr ist der Zugang dann nur noch mit Karte möglich, zwischen Mitternacht und 5 Uhr morgens sei komplett geschlossen – in diesem Zeitraum werde am meisten gestohlen.
Was Florian Petschl wichtig ist: „Der Laden soll auch für die Leute barrierefrei zugänglich sein, die Schwierigkeiten mit der Technik haben. Barzahlung ist möglich.“ Im Laden müsse man aber viel mit Kameras arbeiten – zur Kontrolle, aber auch, damit sich die Leute sehen, was für potenzielle Diebe eine Hemmschwelle sein kann.
Einziger Nachteil: keine Beratung möglich
Im Februar 2025 hat die Familie Geiger in Bissingen ihren Hofladen eröffnet – und das gleich mit Selbstbedienung. „Der Vorteil war: Wir hatten keine alten Strukturen, die wir umstellen mussten“, sagt Tobias Geiger. Man habe nur einen Milchautomaten gehabt. Das habe super funktioniert und die Vorteile der Direktvermarktung gezeigt. Aber dafür habe man niemanden einstellen wollen, zumal Mitarbeiter auch schwer zu finden seien.
Anders als bei den anderen ist der Hofladen der Geigers rund um die Uhr geöffnet, von 22 bis 6 Uhr allerdings nur per Bankkarte. Einen bewussten Diebstahl habe man nur einmal festgestellt, hin und wieder komme es allerdings vor, dass ein Produkt nicht gescannt werde. Dafür gebe es auch Kunden, die ein Produkt zweimal scannten. Den Grund für das geringe Aufkommen von Langfingern sieht Tobias Geiger in der abgelegenen Lage auf einem Aussiedlerhof: „Der Kunde, der hier rauskommt, will nicht klauen.“ Zudem liege das Schlafzimmerfenster direkt über dem Laden.
Tobias und Marisa Geiger vor ihrem Hofladen. Foto: privat
Außer Milch und Fleisch der eigenen Kühe und dem Honig eigener Bienen biete man auch Produkte anderer Landwirte aus der Region an. „Wir sind sehr begeistert und fragen uns: Warum haben wir das erst jetzt gemacht?“, sagt Geiger. Einen Nachteil gebe es allerdings auch: „Die Kundenbetreuung fehlt. Man kann nicht erklären, wofür welches Stück Fleisch gut geeignet ist.“