Hoflädle Ritz in Stuttgart-Weilimdorf Raus aus dem Stall, rein in die Backstube

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Vom Ackerbau allein können viele Landwirte nicht leben. Bauer Konrad Ritz setzt mit seiner Familie auf Hofladen und Backstube – mit echtem Bäckermeister.

Die Töchter von Konrad Ritz, Anette (links) und Ulrike,  verkaufen im neune Hoflädle. Foto: Lederer
Die Töchter von Konrad Ritz, Anette (links) und Ulrike, verkaufen im neune Hoflädle. Foto: Lederer

Weilimdorf - „Wir haben keinen Stammbaum wie die Adligen“, sagt Landwirt Konrad Ritz. „Aber meine Urgroßeltern waren schon Bauern und die Vorfahren meiner Frau waren es auch.“ Über viele Generationen lag der Hof im Ortskern von Weilimdorf. 1964 wurde er ausgesiedelt an die Hemminger Straße; am Fuße des Auffüllbergs Grüner Heiner, mit seinem Windkraftrad weithin sichtbar, bewirtschaftet Konrad Ritz mit seiner Familie 64 Hektar – gutes Ackerland in schlechten Zeiten.

„Mit der Osterweiterung und durch die Globalisierung nahm der Preisverfall immer weiter zu“, sagt der 63-Jährige. „Weizen zum Beispiel kostet auf der ganzen Welt fast gleich viel, ihn hierzulande herzustellen, ist wegen der höheren Standards und Kosten teurer – unsere Erlöse gehen seit Jahren zurück“, sagt Konrad Ritz. „Da kommen kleine Betrieb wie wir unter die Räder.“

„Wir bräuchten 300 Hektar für reinen Ackerbau“

Von der Landwirtschaft allein könne ein Betrieb seiner Größe längst nicht mehr leben. „Wir bräuchten 300 Hektar für reinen Ackerbau.“ Um einigermaßen über die Runden zu kommen hat Ritz, so wie viele seiner Kollegen das tun, zusätzlich zur Landwirtschaft noch Milchvieh gehalten. Knapp drei Dutzend Kühe lieferten bis 2017 jahrelang brav ihre Milch und sorgten so für einen kleinen, aber steten Finanzfluss. „Das Getreide- und das Rübengeld kommt nur ein bis zwei Mal im Jahr. Da muss man zwischendurch viel Zeit überbrücken.“

Zu allem Unglück mussten er und seine Frau aus gesundheitlichen Gründen die kräftezehrende Milchwirtschaft vor ein paar Jahren aufgeben, trotz der Hilfe der beiden Töchter und des Schwiegersohnes. Die Ställe sind nun verpachtet. Doch das zweite finanzielle Standbein fehlte. „Meiner Frau und mir hätte es vielleicht noch bis zur Rente gereicht“, erklärt Ritz. „Aber was ist mit den Kindern?“

Erst Bäcker, dann Landwirt – jetzt beides

Die setzen statt auf Viehhaltung auf Direktvermarktung. Ritz’ Tochter Ulrike hat sich mit ihrem Ehemann Manuel Boob und ihrer Schwester Anette einen lange gehegten Wunsch erfüllt und ein eigenes „Hoflädle“ samt Bäckerei eröffnet. Wo einst im Schuppen Traktoren und Landmaschinen parkten, haben Ritzens in die Zukunft investiert und eine nagelneue Profi-Backstube mit 25 Meter großem Verkaufsraum gebaut. Seit vergangener Woche steht Manuel Boob nicht mehr nur auf dem Feld, sondern morgens auch in seiner Backstube. Dort setzt der 34-Jährige Sauerteige an, wirkt Dinkel- und Weizenbrote, schlingt Brezeln oder stellt andere Backwaren her. „Ich bin gelernter Landwirt“, erklärt Boob. „Aber ich bin auch Bäckermeister und habe 15 Jahre lang in diesem Beruf gearbeitet.“ Dass er sein Handwerk versteht, davon zeugt nicht nur der Meisterbrief im Rahmen, sondern auch die Güte seiner Waren und vor allem die zufriedenen Kunden. „Wir kommen wieder!“, verabschiedet sich eine Kundin winkend.

Manuel Boob verwendet Mehl vom eigenen Getreide, gemahlen beim befreundeten Müller in der Schlossmühle Ditzingen. Er setzt auf traditionelle Backmethoden, natürliche Zutaten und lange Teigführung. „Ich hoffe, unseren Kunden schmeckt es und sie geben mir Rückmeldung, auch falls mal etwas nicht so sein sollte, wie sie es sich wünschen“, sagt der backende Bauer. „Man will ja wissen, woran man ist und es noch besser machen.“

Die Talente seiner Frau und seiner Schwägerin manifestieren sich unter anderem in den Süßwaren: Die Schwestern bieten selbstgekochte Chutneys und Marmeladen an, aber auch verschiedene Kuchen sind im Angebot: „Hmmm, das schmeckt wie bei Oma!“, sagt Ingrid Wagner aus Korntal.

„Alles Produkte, deren Hersteller wir kennen“

Weil man allein mit Selbstgebackenem nicht jeden hinter dem Ofen hervorlockt, stehen auch zahlreiche Produkte vom eigenen Acker und befreundeten oder bekannten Erzeugern aus der Nachbarschaft zum Verkauf. „Wir haben aus eigenem Anbau 17 Sorten Kartoffeln, Rote Beete, Linsen, Walnüsse, Mehl, Quitten und vieles mehr“, sagt Anette Ritz. „Wir bieten aber auch Obst, Wein, Cidre, Kaffee, verschiedene Fleisch- und Wurstwaren – alles Produkte, deren Hersteller wir kennen und hinter denen wir voll stehen.“

Socken gibt’s übrigens auch im Sortiment. „Die strickt uns meine Schwiegermutter“, sagt Ulrike Boob. „So ein Hof und ein Hoflädle haben nur Zukunft, wenn die ganze Familie zusammenhält.“

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