Hohe Austrittszahlen Droht ein Rückzug der Kirchen aus der Kinderbetreuung?

In Kindergärten und Kitas stecken Kirchen viel Geld. Treten Mitglieder aus, fehlt dieses. Foto: picture alliance/dpa/Uwe Anspach

Immer mehr Menschen verlassen die großen Kirchen. Das könnte gesellschaftspolitische Folgen haben – zum Beispiel in den Kindergärten, wo die Kirchen bisher viel Geld hineinstecken.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Die Kindergartengruppe war gerade unterwegs, die Kirchentür stand offen. Also gingen die Kinder hinein und ließen sich alles zeigen. „Es war eine Zufallsbegegnung“, sagt Pfarrer Andreas Arnold. Früher war so etwas ganz normal. Da war der Luise-Scheppler-Kindergarten in Filderstadt-Bonlanden noch eine kirchliche Einrichtung. Seit 2021 ist sie städtisch. Die Abgabe sei eine nötige Konsolidierung gewesen, sagt Arnold. Drei Kindergärten seien im Anbetracht der schrumpfenden Gemeindegröße einer zu viel gewesen.

 

Trägerwechsel bei Kindertagesstätten sind bisher selten – noch. Das zumindest glaubt der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller. „Wir werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren eine dramatische Rückgabe von Einrichtungen an die Kommunen und Länder erleben“, prophezeit der katholische Theologe in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk (HR). Es sei die „neue, gesellschaftspolitisch gefährliche Dimension“ der hohen Austrittszahlen. 523 000 Menschen verließen im vergangenen Jahr die katholische Kirche, bei den Protestanten waren es 380 000. Beides sind Rekordwerte. Es fehlten den Kirchen künftig schlicht die Mittel, um Defizite bei der Kita-Finanzierung auszugleichen.

Jedes dritte Stuttgarter Kind wird kirchlich betreut

Viele Kommunen in Baden-Württemberg würde ein Rückzug der Kirchen hart treffen. Meist sind sie mit Abstand der größte freie Träger. Allein in Stuttgart werden 164 der 610 Kindertagesstätten konfessionell geführt. Die Stadt selbst hat 180 Einrichtungen. Bei der Zahl der betreuten Kinder liegen Kirchen, Stadt und weitere freie Träger wie Vereine oder die Arbeiterwohlfahrt bei jeweils einem Drittel. In Waiblingen sind 750 der rund 3000 Betreuungsplätze kirchlich. In Ludwigsburg betreuen die kirchlichen Kindergärten sogar mehr Kinder (1800) als die Stadt (1522).

Beim dringend erforderlichen Ausbau der Zahl der Betreuungsplätze setzen die Städte deshalb nicht zuletzt auf die Kirchen. „Grundsätzlich sind die kirchlichen Träger für uns als Stadt wichtige Kooperationspartner“, heißt es aus Böblingen. Allerdings hätten sich bei den jüngsten Ausschreibungen keine kirchlichen Träger beteiligt.

Noch wächst die Zahl der Gruppen

Ob dies schon ein Anzeichen für den Rückzug ist? Die württembergische Landeskirche weist diese Sichtweise zurück. Von einer „Rückzugsbewegung“ könne „definitiv nicht die Rede sein“, sagt der Sprecher des Oberkirchenrats, Dan Peter. Angesichts des wachsenden Bedarfs steige die Zahl der Gruppen tendenziell eher an. Auch die badische Landeskirche verweist auf eine steigende Gruppenzahl.

„Derzeit hindert nicht mangelndes Geld den weiteren Ausbau, sondern fehlende Fachkräfte“, sagt der Sprecher Daniel Meier. Für die nächsten Jahre sei nicht damit zu rechnen, „dass die Kirchen ihren Eigenanteil am Kita-Betrieb nicht mehr finanzieren könnten“. Allerdings wachse die Verwaltungsarbeit mancher kleinen Gemeinde teilweise über den Kopf. In Württemberg wird daher versucht, kleine Träger durch die Bündelung von Verwaltungsaufgaben zu entlasten.

Die katholische Kirche bremst schon

Zurückhaltender äußern sich die beiden katholischen Diözesen im Land. Auch in ihrem Bereich stieg die Zahl der Gruppen zuletzt an. „Allerdings ist aufgrund der rückläufigen Mitgliederzahlen und des erwarteten Rückgangs der Kirchensteuereinnahmen ein weiterer Ausbau oder das Mittragen der enormen Kostensteigerungen nicht möglich“, sagt der Sprecher des Freiburger Erzbistums, Marc Mudrak. Auch die Diözese Rottenburg-Stuttgart konzentriere sich auf die Qualität und Verlässlichkeit der bestehenden Einrichtungen. Vor dem Hintergrund der verfügbaren Ressourcen gelte es, „die Standards im Zuge der weiteren Profilentwicklung zu schärfen“, sagt der Sprecher Gregor Moser.

Trotz der Elternbeiträge und der kommunalen Zuschüsse ist der Betrieb der Kindergärten für die Kirchen kein Geschäftsfeld, mit dem sie Geld verdienen würden. Im Gegenteil: Etwa fünf Prozent der Betriebskosten würden aus Kirchensteuermitteln gedeckt, heißt es beim Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe. „Die Kommunen erwarten das.“ Wegen der sehr differenzierten und dezentralen Trägerstruktur gebe es aber keine klare Aufstellung. „Bei einer groben Schätzung gehen wir von mindestens 25 Millionen Euro pro Jahr aus“, sagt Peter für die Landeskirche in Württemberg. Das ehrenamtliche Engagement sei dabei noch gar nicht mitgerechnet. Das Erzbistum spricht sogar von mehr als 50 Millionen Euro an jährlichen Schlüsselzuweisungen aus Kirchensteuermitteln.

Wird es für alle teurer?

Auch sein Kirchenbezirk Bernhausen investiere weiterhin viel in die Kinderbetreuung, sagt Pfarrer Arnold. „Jede siebte Euro fließt da rein.“ Doch wenn sich immer mehr Menschen aus der Kirche als Solidargemeinschaft verabschiedeten, werde die Finanzierung immer schwieriger. Das sei aber vielen offenbar egal. „In einem Fall hatte ich in derselben Woche die Anmeldung des Kindes auf dem Tisch und den Austritt des Vaters.“ Insofern müssten sich in Zukunft immer mehr Kirchengemeinden die Frage stellen, was sie sich noch leisten können. Oder die Kommunen müssten ihre Zuschüsse erhöhen.

In Esslingen gab es deshalb vor zehn Jahren schon einmal harte Verhandlungen, als die evangelische Kirche damit drohte 22 Gruppen an die Stadt abzugeben. Schließlich wechselten acht Gruppen die Trägerschaft, und der städtische Zuschuss wurde erhöht. Der Kirchenrechtler Schüller ist sich sicher: Der Normalbürger, der jetzt möglicherweise Kirchenaustritte noch begrüße, werde dies schon bald mit Gebühren- und Steuererhöhungen bezahlen müssen.

In Baden-Württemberg besuchen 91,8 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen einen Kindergarten. Bundesweit liegt der Wert bei 91,0 Prozent. Bei den Unter-Dreijährigen sind es 25,1 (29,9) Prozent.

In Württemberg gibt es 2479 evangelische und etwa 2500 katholische Kindergartengruppen. Im Bereich der badischen Landeskirche sind es 1955 und beim Erzbistum Freiburg sogar 3859 Gruppen.

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