ÖPNV in Baden-Württemberg Preiserhöhung nach dem 9-Euro-Ticket?
In Baden-Württemberg rechnen die Verkehrsverbünde spätestens zum Januar 2023 mit Preissteigerungen im ÖPNV. Das 9-Euro-Ticket sei ein „Strohfeuer“, sagt ein Experte.
In Baden-Württemberg rechnen die Verkehrsverbünde spätestens zum Januar 2023 mit Preissteigerungen im ÖPNV. Das 9-Euro-Ticket sei ein „Strohfeuer“, sagt ein Experte.
Nach einer dreimonatigen Phase eines preisgünstigen Angebots des ÖPNV mit dem 9-Euro-Ticket wird das Pendel wieder in Richtung höhere Preise umschwenken. Das ist die Ansicht verschiedener Verkehrsexperten. „Wir werden in vielen Verkehrsverbünden Preiserhöhungen bei den Tickets voraussichtlich zum 1. Januar 2023 sehen“, sagte Ulrich Weber, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), Landesgruppe Baden-Württemberg, unserer Zeitung. Da das 9-Euro-Ticket nur die bestehenden Tarife für drei Monate senke, aber keine Kompensation für die stark gestiegenen Energie- und Personalausgaben oder auch die Baukosten abdecke, gebe es nur drei Möglichkeiten, wie die Kosten aufgefangen werden könnten, sagte Weber: über höhere Ticketpreise oder eine Kürzung des Angebots.
Die dritte Möglichkeit wäre eine nachhaltige Finanzierung der Branche in den kommenden Jahren über Drittmittel – zum Beispiel über einen Mobilitätspass, wie ihn die Kommunen in Baden-Württemberg einführen können – und über mehr öffentliche Mittel für den Erhalt und Ausbau des ÖPNV. Bei diesem Thema habe es ja zwischen Bund und Ländern im Zusammenhang mit den Verhandlungen zur Finanzierung des 9- Euro-Tickets leider keine Einigung gegeben. „Der Bund hatte sich dabei durchgesetzt, und jetzt wird zunächst nur das 9-Euro-Ticket finanziert. Insofern ist das auch aus unserer Sicht zunächst nur ein Strohfeuer und keine nachhaltige Finanzierung“, sagte Weber.
Der VDV hatte im letzten Jahr eine Studie von Roland Berger über die Leistungen und Kosten im ÖPNV erstellen lassen vor dem Hintergrund des notwendigen Ausbaus der Bus- und Bahnangebote als Beitrag zur Erreichung der Klimaschutzziele im Verkehr.
„Bis 2030 ergibt sich demnach ein ungedeckter aufwachsender Finanzbedarf in Höhe von elf Milliarden Euro jährlich, insgesamt 48 Milliarden Euro“, so Weber. Im laufenden Jahr ist das konsumtive Defizit noch bedingt durch Nachwirkungen der Coronapandemie und ihren niedrigen Fahrgastzahlen. Die Länder hatten vom Bund vergeblich gefordert, dass er bereits 2022 für die langfristige Finanzierung des ÖPNV mehr Regionalisierungsmittel bereitstellt, mit denen die Länder Angebote des Schienenpersonennahverkehrs einkaufen können. Sie hatten hingewiesen auf die höheren Energiekosten, die vor allem der Ukraine-Krieg mit sich bringt – also den verteuerten Diesel für Busse und den Strom für Züge und E-Busse.
„Für Baden-Württemberg gibt es eine Schätzung von uns und dem Verband Württembergischer Omnibusunternehmern, wonach allein für den Diesel in ÖPNV-Bussen seit März jeden Monat zusätzliche Kosten in Höhe von rund sechs bis sieben Millionen Euro entstehen“, sagt VDV-Landeschef Weber. Dies Kosten seien ungedeckt und würden von den Unternehmen aufgefangen.
Einige Aufgabenträger – zum Beispiel die Landkreise im Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) – hätten kurzfristig eigene Mittel bereitgestellt. Mit dem Land, den kommunalen Verbänden und dem Busverband WBO sei der VDV im Gespräch über einen Stützungspakt ÖPNV, so Weber: „Da scheint es keine schnelle Lösung zu geben.“
Ähnlich wie Weber hatte Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) gewarnt, das 9-Euro-Ticket bleibe ein Strohfeuer, wenn der Bund „nicht zeitnah ausreichend Regionalisierungsmittel für die Kostensteigerungen“ im ÖPNV gebe. Die Länder bauten auf Zusagen, dass der Bund die Mittel im nächsten Doppelhaushalt um 1,5 Milliarden Euro erhöhe. Auch der VDV-Bundeschef Ingo Wortmann aus München erwartet Preissprünge: „Wir werden mittelfristig die fehlenden Gelder auf die Fahrpreise umschlagen müssen oder das Angebot einschränken“, so Wortmann im Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Die Ticketpreise werden also weiter steigen, nicht direkt zum 1. September, aber in den nächsten Preisrunden. Leider kommen wir dann in die Situation, dass Menschen, die ohnehin belastet sind, für ihre Fahrten mehr zahlen müssen.“