Hohe Energiepreise Händler verkürzen Öffnungszeiten

In den Innenstädten wird es künftig dunkler: Etliche Läden schließen früher und stellen auch ihre Schaufensterbeleuchtung ab. Foto: /Weber

Viele Händler sperren ihre Geschäfte früher zu. Neben dem Energiesparen hat das einen weiteren, ganz pragmatischen Grund.

Wirtschaft: Imelda Flaig (imf)

Wie so viele Händler im Südwesten ist auch Osiander-Geschäftsführer Christian Riethmüller derzeit im Energiespar-Modus: Wieder und wieder schaut er, wo er die Energiekosten in den Dutzenden Filialen senken kann, ohne dass es das Einkaufserlebnis der Kunden trübt. In manchen Läden werden zeitweise die Rolltreppen und unnötige Lampen abgeschaltet. Die Temperatur in den Geschäften wird im Winter gesenkt. Zudem geht Osiander an die Öffnungszeiten ran – zumindest etwas: In einigen Filialen werden die Geschäfte 30 bis 60 Minuten früher geschlossen. Es ist ein Schritt, den Riethmüller den Kunden gegenüber vertreten kann, wie er betont. „Seit Corona kaufen die Menschen ohnehin nicht mehr so spät ein.“

 

Osiander ist hier nicht allein. Rund 300 Händler beteiligten sich in der zweiten Oktoberwoche an einer Umfrage des Handelsverbands Baden-Württemberg. Demnach hat jeder Fünfte die Öffnungszeiten verkürzt. Ein weiteres Drittel denke derzeit darüber nach. „Die aktuellen Anpassungen der Öffnungszeiten hängen hauptsächlich mit den explodierenden Energiepreisen zusammen“, betont Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann.

Vor allem kleinere Läden verkürzen Öffnungszeiten

Welche Geschäfte früher schließen, ist dabei höchst unterschiedlich. Unter anderem kommt es auf die Größe, Zahl der Beschäftigten, Kundenfrequenz und Lage an. In der Tendenz verkürzen offenbar vor allem kleinere Läden die Öffnungszeiten. In den wichtigen zentralen Lagen hingegen ist auf Anfrage unserer Zeitung von Verkürzungen selten die Rede. In Stuttgart etwa geht in Breuningers Flagship-Store alles seinen normalen Gang, und auch Osiander hält hier die regulären Öffnungszeiten bei.

Auch das Modehaus Kögel in der Esslinger City hält die Öffnungszeiten bei. Gespart wird dennoch, was möglich ist. „Inzwischen haben wir den größten Teil unserer Beleuchtung auf LED umgestellt und verbrauchen deshalb nur noch etwa die Hälfte des Stroms, den wir in der Vergangenheit verbraucht haben“, sagt Geschäftsführer Alexander Kögel. Die Schaufensterbeleuchtung läuft hier nur noch von 16 bis 22 Uhr, die Laufzeit der Klimaanlage habe man deutlich verkürzt. „An einem weiteren großen ,Verbraucher‘ kann und will ich nichts verändern“, so Kögel. „Unsere drei Aufzüge müssen laufen.“

Nicht alles, was Strom verbraucht, lässt sich auch abschalten – das ist auch die Krux im Lebensmitteleinzelhandel. Mehr als die Hälfte des Energiebedarfs der Märkte entfalle auf Kältetechnik und Technik, heißt es etwa bei Rewe. Weil die Kühlregale immer liefen, spare man mit kürzeren Öffnungszeiten nur marginal Energie ein, betont ein Sprecher. Nicht nur bei Rewe will man deshalb die Öffnungszeiten nicht verkürzen. Auf Anfrage unserer Zeitung ist das auch bei Lidl, Kaufland, Penny und Edeka kein Thema.

Auch der Fachkräftemangel spielt eine Rolle

Nur Aldi Süd äußert sich vage: Man berücksichtige „bei Bedarf gesellschaftspolitische Themenstellungen“, heißt es. Vergangene Woche hatte Aldi Nord angekündigt, ab erstem November rund 1600 seiner 2200 Märkte für die Winterzeit 2022/2023 bereits um 20 Uhr zu schließen. Man wolle „einen aktiven Beitrag zum Energiesparen leisten“. Dass die Konkurrenz dennoch ihre Läden länger offen hält, ficht den Discounter offenbar nicht an. Man werde in vollem Umfang an den eigenen Plänen festhalten, betont ein Aldi-Sprecher auf Nachfrage.

Unbesehen davon bessern derzeit alle Lebensmitteleinzelhändler noch einmal bei der Energieeffizienz nach. Die Beleuchtung der Märkte werde auf LED umgestellt, Kühlregale mit Türen versehen und Abwärme aus Kühlung zur Heizung genutzt, teilt etwa Rewe mit. Je nach Standort habe man bereits Bewegungsmelder für Licht in den Nebenräumen installiert, die Beleuchtungszeiten im Außenbereich verkürzt und Zeitschaltungen für Heizungen angebracht.

Und auch bei den Öffnungszeiten geht es oft nicht ums Energiesparen allein. Bei etlichen Geschäften spielt auch der Fachkräftemangel eine Rolle, was auch der Handelsverband bestätigt. Wer früher zusperrt oder gar an einem Wochentag ganz geschlossen hält, kommt auch personell besser über die Runden. Auch eine Stunde am Tag weniger könne im Einzelfall schon helfen, meint Riethmüller. „In manchen Läden sind wir auch wegen Corona-Erkrankungen knapp besetzt. Und in der Pandemie waren die Beschäftigten ohnehin stark beansprucht.“

Weshalb das Gastgewerbe Öffnungszeiten verkürzt

Gastronomie
Zusätzliche Ruhetage, den Mittagsservice gestrichen, die Küchenöffnungszeiten verkürzt: Das kann man bei den Restaurants im Land derzeit häufiger beobachten. Grund dafür sei zum größten Teil der Mangel an Fachkräften und Aushilfen, betont der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband im Land (Dehoga). „Dass Betriebe Öffnungszeiten nur deshalb einschränken, weil sie den Energieverbrauch senken wollen, halten wir für unwahrscheinlich“, sagt ein Sprecher. Außerdem gehe es bei der Anpassung von Öffnungs- und Servicezeiten auch darum, Mitarbeitenden attraktivere Arbeitszeiten anbieten zu können.

Hotellerie
Die Bewirtschaftung von Unterkünften ist in der Winterzeit besonders kostspielig. „Wir erwarten Schließungen dann, wenn wegen der massiv gestiegenen Kosten ein wirtschaftlicher Betrieb nicht mehr möglich ist“, heißt es beim Dehoga. Bei Betrieben, die üblicherweise ganzjährig geöffnet sind, seien „die Hürden und Risiken jedoch groß, weil Kosten und Verpflichtungen weiterlaufen“, sagt ein Sprecher.

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