Angesichts der hohen Inflationsrate will die Notenbank ihre abwartende Haltung aufgeben. EZB-Präsidentin Christine Lagarde signalisiert einen Zinsschritt im Sommer. Kommt jetzt das Ende der Negativzinsen?

Korrespondenten: Barbara Schäder (bsa)

Die Europäische Zentralbank (EZB) steuert auf eine Leitzinserhöhung im Juli zu. Nachdem sich mehrere Notenbanker für diesen Termin ausgesprochen hatten, signalisierte am Mittwoch auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde einen baldigen Zinsschritt. Dieser könnte „wenige Wochen“ nach Einstellung der Anleihekäufe erfolgen, mit denen die EZB derzeit noch Geld in die Märkte pumpt. Das Ende dieser Käufe erwarte sie „früh im dritten Quartal“, das im Juli beginnt. Ein Zinsschritt bereits auf der nächsten EZB-Sitzung im Juni scheidet demnach aus, am 22. Juli tritt der Rat der Notenbank aber erneut zusammen.

Zuvor hatten sich bereits das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel, Bundesbankpräsident Joachim Nagel und der finnische Notenbankchef Olli Rehn für eine Zinserhöhung im Juli ausgesprochen. Der französische Notenbankchef François Villeroy de Galhau äußerte am Mittwoch die Erwartung, dass die EZB „ab diesem Sommer ihre Zinssätze schrittweise anheben wird“.

Hoffnung auf schnellen Rückgang der Inflation schwindet

Wegen der hohen Inflation wurde die Kritik an der lockeren Geldpolitik der EZB zuletzt immer lauter. In Deutschland erreichte die Teuerungsrate im April mit 7,4 Prozent den höchsten Stand seit gut 40 Jahren. Und die Hoffnung auf Entspannung schwindet: Die Bundesbank erwarte auch im Jahresschnitt eine Inflationsrate nahe sieben Prozent, sagte ihr Präsident Nagel am Mittwoch.

Im ersten Schritt dürfte die EZB die umstrittenen Negativzinsen lindern, die neben den Geschäftsbanken auch einen Teil der Bankkunden treffen. Der sogenannte Einlagensatz liegt bei minus 0,5 Prozent. Da die Notenbank ihre Zinsen meistens in Schritten von 0,25 Prozentpunkten ändert, dürfte der Satz zunächst halbiert werden. Erst in einem zweiten Schritt wäre dann ein Anstieg auf null und damit eine Abschaffung der Minuszinsen zu erwarten.

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Entlastung auch für Bankkunden

Das wäre eine Erleichterung auch für Sparer mit größeren Guthaben, die derzeit von Negativzinsen auf ihre Kontoeinlagen betroffen sind. Viele Banken erheben die sogenannten Verwahrentgelte auf Guthaben über 50 000 Euro, einige wenige aber auch schon auf Beträge über 5000 oder 10 000 Euro. In den vergangenen Wochen haben jedoch erste Finanzinstitute die Freibeträge erhöht. Als erste überregionale Bank kündigte am Dienstag ING Deutschland an, Negativzinsen ab Juli nur noch auf Guthaben über 500 000 Euro zu berechnen.

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Hintergrund ist der bereits seit Monaten zu beobachtende Anstieg der Kapitalmarkt- und Kreditzinsen, der den Banken höhere Einnahmen beschert. Gleichwohl dürften viele Institute ihre aktuellen Regeln für die Erhebung für Minuszinsen erst dann ändern, wenn die EZB ihren Einlagenzins tatsächlich anhebt. „Auch wenn aktuell eine Erhöhung der EZB-Einlagenfazilität bereits absehbar erscheint, entstehen uns als Bank bis dahin weiterhin Kosten durch die Einlagenfazilität“. erklärte die BW-Bank auf Anfrage. Änderungen seitens der EZB werde man „taggleich“ weitergeben, bis dahin sehe man „leider wenig Spielraum“.

Auch die Volksbank Stuttgart bleibt bei ihrer bisherigen Position: „Sobald die EZB die Einlagenzinssatz auf Null oder höher setzt, werden auch wir kein Verwahrentgelt mehr erheben.“ Ganz ähnlich äußerte sich die Deutsche Bank. Die Commerzbank erklärte: „Wir schauen uns die Entwicklung genau an und werden reagieren, wenn sich die steigenden Zinsen als nachhaltig erweisen.“

Der Kampf gegen die Inflation wird lange dauern

Der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, erwartet bis zum Jahresende drei Zinserhöhungen. Eine rasche Eindämmung der Inflation sei illusorisch, sagt er: „Es geht nicht darum, jetzige Preissteigerungen einzufangen, sondern darum, eine Verstetigung zu verhindern.“ Diese drohe, wenn sich Unternehmen und Haushalte auf einen weiteren Anstieg der Inflationsrate einstellten und über hohe Tarifabschlüsse eine Lohn-Preis-Spirale in Gang komme. Wenn die EZB mit der Verteuerung von Krediten Investitionen und Konsum dämpft, liefert sie Unternehmen indirekt Argumente, hohen Lohnforderungen entgegenzutreten. „Praktisch ist eine Zinserhöhung das Signal: Wir schalten um von Konjunkturunterstützung auf Inflationsbekämpfung“, sagte Kater. Im schlimmsten Fall müsse die Notenbank auch bereit sein, „eine Rezession zu riskieren“.

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Bundesbankchef Nagel warnte indes vor überzogenen Erwartungen. Die Straffung der Geldpolitik müsse einerseits schnell genug erfolgen, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen. Gleichzeitig müsse die Notenbank aber darauf achten, dass Haushalte, Unternehmen und Investoren den Zinsanstieg bewältigen könnten. Wie sehr rasche Zinserhöhungen die Kalkulation größerer Investitionen erschweren, erleben derzeit viele Häuslebauer.

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