Hohenheimer Studierende feiern 40 Jahre TMS Eine Scheuer als Symbol des Widerstands

Hohenheimer Studierende feiern die endgültige Eroberung ihrer Thomas-Müntzer-Scheuer. Foto: Horst Rudel
Hohenheimer Studierende feiern die endgültige Eroberung ihrer Thomas-Müntzer-Scheuer. Foto: Horst Rudel

Seit 1976 kämpfen Hohenheimer Studierende um ihren Kulturtreff. Jetzt dürfen sie ihn selbst verwalten. Das wird gefeiert – zusammen mit der Unileitung.

Lokales: Inge Jacobs (ja)
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Stuttgart - Seit 40 Jahren haben Studierende der Uni Hohenheim darum gekämpft, die Thomas-Müntzer-Scheuer (TMS) als Lern-, Kultur- und Kommunikationstreff selber verwalten zu dürfen. Jetzt dürfen sie. Harte, zähe Kämpfe waren dem vorausgegangen, Nutzungsuntersagungen, Polizeiräumaktionen, Begehrlichkeiten des bisherigen Pächters, des Studentenwerks, die Scheuer als Mensaerweiterung zu nutzen. Dem folgten Mensaboykott und Studibegehren. Jetzt lud die Verfasste Studierendenschaft zur großen Sause. Die Kommilitonen ließen sich nicht lange bitten, aber auch Hochschulleitung und Studierendenwerk gaben sich die Ehre.

Anlass der Party sei „etwas ganz Besonderes“, betonte der Asta-Vorsitzende Benedikt Gulde: „Die Verfasste Studierendenschaft hat die TMS vom Studierendenwerk übernommen – und wir verwalten die TMS jetzt eigenständig.“ Aber es sei ein mühsamer Kampf gewesen, und viele Studis hätten unzählige Arbeitsstunden dort zugebracht, immer wieder wurde die denkmalgeschützte Scheuer renoviert. „Aus dem Streitobjekt ist ein Leuchtturmprojekt geworden – viele Ehrenamtliche setzen sich tagtäglich ein.“ Sei es für die Cafete, für die Treffs mit den Flüchtlingen, für kulturelle oder politische Veranstaltungen, aber auch für die Donnerstagspartys.

Unirektor Stephan Dabbert als Ehrengast

Auch Unirektor Stephan Dabbert erhielt das Wort: „Hohenheim war ganz anders damals“, sagte er. Und klärte die heutige Studentengeneration darüber auf, wer dieser Thomas Müntzer gewesen sei, nach dem die damalige Öhmd-Scheuer benannt worden war: „ein Sozialrevolutionär, der gleichzeitig Theologe war“. Dass es auch einer war, der vor Gewalt nicht zurückschreckte, weshalb sich Martin Luther von ihm distanzierte, konnten die Studierenden durch aufmerksame Betrachtung der Ausstellung herausfinden, in der die Geschichte der TMS nachgezeichnet war. Für Dabbert steht jedenfalls fest: „Wir sind froh, dass Sie die TMS selber betreiben.“

„Allen Respekt“ äußerte auch Marion Johannsen, die Vorsitzende des Unirats. Insbesondere die Beharrlichkeit und das strategische Geschick, mit dem die Studierenden ihr Ziel verfolgt hatten, die TMS zu übernehmen, hätten sie beeindruckt. Dass so auch weiterer Lernraum für die Studierenden entstanden sei, hob Johannsen ebenfalls hervor. All dies führe sie auf den „Hohenheim-Spirit“ zurück.

Michael Max vom Studierendenwerk Tübingen-Hohenheim merkte trocken an: „Es war nicht immer einfach für das Studierendenwerk, die TMS zu verwalten.“ Nicht selten trafen die Reinigungskräfte am Morgen noch auf Tanzlustige oder stolperten über schlafende Partygänger. „Das Studierendenwerk“, so Max, „wünscht Ihnen viele ausgelassene Feste“.

Ein Alumnus erzählt aus härteren Zeiten

Die hatte Bernhard Fuchs auch, der von 1974 bis in die 80er Jahre in Hohenheim Agrarwissenschaften studiert und sich in der studentischen Selbstverwaltung und Unigremien engagiert hatte. Der Alumnus Jahrgang 1953 machte den verblüfften Nachgeborenen allerdings klar, es sei „ein unglaublicher Vorgang, dass der Rektor der Uni Hohenheim die TMS betritt“. Das, so Fuchs, hätte sich ein Präsident wie George Turner, mit dem es anno 1976 heftige Auseinandersetzungen gegeben habe, „nur unter Polizeischutz“ getraut. Inzwischen haben sich die Zeiten, die Strategien und die Frontlinien geändert. Wenn’s sein muss, wie vor zwei Jahren geschehen, demonstriert ein Hohenheimer Rektor auch gemeinsam mit seinen Studierenden für ein höheres Budget. Übrigens mit Erfolg. Nun also ein gemeinsames Prosit auf die erstmalig selbstverwaltete TMS.




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