Holland Eine Nacht in Rotterdam

Von Benjamin Dürr 

Regengüsse und Reggae-Klänge: Rotterdam ist in Bewegung – und wandelt sich zur Metropole.

In der Enge, auf dem Weg zur Bar, reiben sich die Körper aneinander. Immer mehr Menschen drücken herein, und mit ihnen kalte, schwere, nasse Winterluft. Knapp entkommen. Ein Schwung Menschen, der hereindrängt, deutet neue Schauer an – denn der Regen gibt den Takt vor im Nachtleben von Rotterdam. Nachteulen schwärmen aus, fliegen von Bar zu Bar, wenn der Regen nachlässt.

Schnell die Tür zu, bevor es wieder losgeht. Mädchen legen den Mantel ab, schälen sich aus der grauen, nassen Außenhaut und zeigen grell-glitzernde Tops mit Spaghettiträgern. Um kurz vor elf – und mit jedem weiteren Regenguss – wird der Laden von Erikson voll. Elit hat er seinen Club genannt, der seit kurzem am Oude Haven, in einem alten Hafenviertel Rotterdams, die Szene belebt.

Der Pornostar hat Erikson und seine Bar nach oben katapultiert, ihm das Prädikat "angesagt" verliehen. Pornostar, so heißt der berühmteste Cocktail auf der Karte. Ein übermäßig süßes, übermäßig anziehendes Getränk mit einer im sanft aufgesetzten Champagner-Schaum schwimmenden, halben Passionsfrucht. Man will mehr. "Jeder in der Stadt wollte ihn haben", sagt Erikson, ganz Rotterdam sei dem Drink erlegen.

Das Elit liegt im Erdgeschoss des Witte Huis, darüber erheben sich zehn Stockwerke– 1910 war das Gebäude mit 46 Meter Höhe das erste Hochhaus Europas. Schräg hinter dem Club Elit führt die Willems-Brücke auf die andere, südliche Seite der Nieuwe Maas, unter der Brücke gilt das "Vie" als eine der teuersten Adressen Rotterdams: Hier feiern die Fußballstars von Feyenoord.

Gegenüber dem Elit-Club, auf der anderen Seite des alten Hafenbeckens, das wie ein schwarzes Tuch zwischen den Häusern liegt, reihen sich alte Spelunken aneinander. Hier gibt es Bier und Geschichten aus aller Welt. Männer spielen Schach. Grummlige Kapitäne und betrunkene Matrosen, die an zu Tischen umgedrehten Holzfässern sitzen, sucht man aber vergebens. Denn das Viertel des Alten Hafens hat eine Wandlung durchgemacht, die in ganz Rotterdam noch im Fließen ist.

Die graue, industriegeprägte Hafenstadt wandelt sich zur angesagten Ausgehmetropole der Niederlande. Inzwischen kommen Touristen aus ganz Europa, denn Brüssel, Paris und London liegen nur um die Ecke. Das Cinema in der Innenstadt in Rotterdam gilt als Beispiel für das neue Lebensgefühl, für Glitter und Glamour: eine lange, und deshalb strenge Gästeliste jeden Abend; internationale Designer, die Sessel, Lampen und die drei Bars entworfen haben. Auf den Sofas im Cinema sitzt man auf Plüsch, der Sekt kann dreistellige Summen kosten.

Wer dafür nicht das Geld hat, findet in Rotterdam rund 790 weitere Bars, Clubs und Cafés. Dazu knapp 450 Restaurants und noch einmal so viele Kneipen und Imbissbuden, die in Holland Eetcafés heißen. Sie sind die Tankstellen für Feiernde, die ganze Nacht hindurch wird für die Nachtschwärmer gekocht und gebrutzelt. Keine Zeit verlieren, die Nacht ist kurz, in wenigen Stunden wird es hell: Man stärkt sich auf dem Weg von Club zu Bar zu Disco. Vom Edelclub Cinema um die Ecke, dann den Boulevard Coolsingel queren und in den Westteil der Innenstadt.

Beim Stadhuisplein, dem Platz vor dem Rathaus, in einer der Einkaufsstraßen, liegt The Vip-Room. Über Jahrzehnte war es ein Kino. Wer es nicht weiß, würde es nicht erahnen. Der Traum vom Star-Sein, von Kultur und der Geist von kreativen Köpfen stecken aber noch in den Mauern. Denn der Club und die Lounge bieten mehr als Tanz- und Feierflächen. Artisten und Tänzer treten auf, die DJs werden von Musikern unterstützt. Nein, Musiker sind hier die Hauptakteure, die Stars der Nacht.

An diesem Freitagabend steht ein Solo-Saxofonist zwischen den DJs. Der Saal wird in dunkelrotes Licht getaucht, zu den Beats setzt das Saxofon ein. Gänsehaut beim Tanzen. Man liegt dem Saxofon zu Füßen; wie ein Hypnotiseur bestimmt der Saxofonist die Bewegungen der Tanzenden. Und sogar das Licht folgt ihm. Dann wird der Rhythmus schneller, härter, das Licht wird blau, die Bewegungen werden lebhafter. Der Übergang ist fließend, man merkt es nicht, der Körper folgt dem Takt ergeben.

Man muss sich losreißen, bis nach draußen dringt noch der Klang des Saxofons. Aber der Catwalk wartet – die letzte Disco dieser Nacht. Um die Ecke vom Vip-Room liegt der Eingang, klein wie drei zusammengeschobene Telefonzellen, mitten in einer Seitenstraße taucht er zwischen Hochhäusern auf. Zwei Dutzend Treppen führen hinunter zum unterirdischen, 30 Meter langen Catwalk.

Als einer der jüngsten Clubs hat der Catwalk erst vor kurzem geöffnet – in einer Fußgängerunterführung. Oben fahren mehrspurig die Autos über den Weena, die Verkehrsader Rotterdams. Unten tanzen Hunderte. Eine Bar wurde eingebaut, die sich schmal an einer Seite der Tanzfläche entlangzieht. Vorn, am anderen Ende, liefern sich zwei DJs einen Wettstreit. Reggae gegen Hip-Hop, DJs aus aller Welt legen auf und bringen ihre Musik mit. Der Catwalk-Club will die Vielfalt abbilden.

173 Nationalitäten sind in Rotterdam vertreten. Das Nachtleben bleibt davon nicht unberührt, die große Zahl an Lateinamerikanern und Arabern prägt die Gesellschaft der Stadt – und natürlich auch das Nachtleben. Die Beats der House-Musik sind nicht so hart wie anderswo, immer ist ein bisschen karibische Gemütlichkeit, sind marokkanische Klänge untergemengt. Auch das Publikum ist gemischt. Früher seien die Jugendlichen zum Tanzen nach Amsterdam gefahren, sagt Erikson, der Betreiber und Barkeeper vom Elit-Club – heute kommen sie von Amsterdam, Den Haag, aus allen Ecken Europas.

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