Stuttgart - Lichtschwerter, Raumschiffe, Jedi-Ritter, Sturmtruppen, behelmte Kopfgeldjäger und Weltraummonster: In jedem Kaufhaus führt die Spielwarenabteilung den Erfolg von „Star Wars“ vor Augen. Der Blick auf die Merchandise-Umsätze fasst nur einen Teil des Phänomens, die Profitmaschine. Jeder Fan aber weiß, dass „Star Wars“ – wie alle erfolgreichen Marken der Unterhaltungsindustrie – vor allem den Fans gehört.
„Star Wars“ lebt nur, weil Film- und Serienschauer, Computerspieler, Buch- und Comicleser, Live-Rollenspieler, Klemmbausteinfreunde und Myriaden von Kindern inmitten ihrer Actionpüppchen gerne in „Star Wars“ leben, weil sie unaufhörlich emotionale Energie in das investieren, was George Lucas einst zusammengebastelt hat.
George Lucas und die Selbstbestimmung
Wie „Star Wars“ entstand, sich entwickelte, ins Schlingern geriet und wieder auf Kurs kam, das kann man multiperspektivisch nacherleben mit dem gerade im englischen Original erschienenen Buch „Secrets of the Force – The complete, uncensored, unauthorized oral History of Star Wars“. Die Autoren Edward Gross und Mark A. Altman haben eigene Interviews geführt und fremde ausgewertet. Ihr Meinungs- und Histörchenmosaik bietet keine Nerd-Infos über banale Details, sondern die großen Widersprüche und Entwicklungslinien, Konflikte und Hintergründe der „Star Wars“-Geschichte.
Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ von 1975 und George Lucas’ „Star Wars“ von 1977 haben das moderne Blockbuster-Kino aus der Taufe gehoben. Aber Spielberg und Lucas begriffen sich nicht als Goldjungs des Studiosystems, sondern als Rebellen. In einer Traumfabrik im Umbruch wollten sie die absolute kreative Selbstbestimmung erkämpfen, sich jede Einmischung durch Studioapparatschiks vom Hals halten und unverfälscht Ideen umsetzen.
Dramatische Wendungen
Mit diesem Vorhaben waren Spielberg und Lucas spektakulär erfolgreich – für sich selbst. Aber sie haben dabei für andere jene Freiräume vernichtet, die sie für alle zu erkämpfen meinten. Von nun an nahm ein neues Studiosystem junge Zuschauer in den Blick und konzentrierte sich ganz auf die Suche nach Blockbuster-Projekten.
Ausgerechnet der 1944 in Kalifornien geborene Studioverächter Lucas hat mit der Prequel-Trilogie ab 1999 sein Franchise beinahe ruiniert. Und 2012 seine Firma Lucasfilm an den Disney-Konzern verkauft. Erst unter neuer Führung berappelte sich „Star Wars“ wieder. Das sind dramatische Wendungen, die zig Millionen Fans in aller Welt sehr wach miterlebt haben: Noch der kommerziell solideste Popkulturtraum hat die Fragilität einer Seifenblase.
Die Macht ist mit dem Streaming
„Star Wars“ war 1977 ein Monument der Überlegenheit des Kinos über das Fernsehen. Diese Weltenschöpfung überrannte die Sehgewohnheiten. Im Jahr 2021 aber scheint das neue Herz von „Star Wars“ ins Fernsehen gewandert zu sein. Die für den Streamingdienst Disney+ produzierte Serie „The Mandalorian“ ist der bislang reinste Ausdruck des „Star Wars“-Geistes. Wie Lucas’ frühe Filme mischt sie Grimm und Juxerei, kreuzt Science-Fiction mit Western und Eastern, mit Märchen und Mythen. Aber sie hat sich gelöst vom großen Schicksal-des-Universums-Brimborium. Sie bewegt sich souverän durch eine Welt, die für viele Figuren und Geschichten Platz hat, ganz unabhängig davon, was einzelnen Helden oder ganzen Staatsgebilden widerfahren mag. Und sie hält optisch mit den Kinoproduktionen mit.
Das spiegelt die große Machtverschiebung in der Bewegtbildwelt vom Kino hin zum Streaming. Und geht wohl einher mit einem Machtkampf hinter den Kulissen. Eine der wenigen Frauen, die in Hollywood kräftig was zu sagen hat, führt Lucasfilm: die 68-jährige Kathleen Kennedy. Früher hat sie die Filme von Spielberg produziert, nun lenkt sie die Geschicke von „Star Wars“. Sie hat die Enttäuschung nach Lucas’ verwurstelter Prequel-Trilogie aufgefangen, aber nicht alle Fans glücklich gemacht. Und so stark bis solide „Rogue One“, „Die letzten Jedi“ und Kennedys andere Kinoprojekte auch liefen: Disney hatte wohl mehr erwartet.
Mann gegen Frau
Offiziell ist Kennedy auch für „The Mandalorian“ verantwortlich. Tatsächlich aber bestimmt der energische Produzent, Autor, Regisseur und Schauspieler Jon Favreau die Serie. Alles laufe in bester Harmonie, hört man von Lucasfilm, Kennedy und Favreau seien sich in allem einig. Aber immer wieder mal wird anderes gemunkelt, und manche Fanseite im Netz macht Lobby gegen Kennedy, deren Vertrag im Oktober ausläuft.
Niemand weiß, ob sie verlängern will, darf oder gar aufsteigen wird. Mann gegen Frau, Fernsehen gegen Kino, Fanwünsche gegen Konzernwillen – man kann da manche Front erkennen. Aber „The Mandalorian“ und nicht das Bündel Kinofilme der vergangenen Jahre hat den Weg in die Zukunft des Franchise aufgezeigt. Die helle und die dunkle Seite der Macht sind im realen Leben schwer zu trennen.
Die Welt von „Star Wars“
Erfinder
George Lucas wollte früh alles Mögliche werden, Rennfahrer zum Beispiel, aber zunächst nicht Filmemacher. Seine Begeisterung für Autorennen schimmert in vielen Gefährten und Ritualen in „Star Wars“ durch. Ab wann er tatsächlich was von „Star Wars“ im Kopf hatte, wird sich nie mehr klären lassen. Lucas hat sich selbst mehr und mehr von der Legende überzeugt, er habe früh einen ausgeklügelten Plan für Fortsetzungen gehabt.
Einflüsse
Die knalligen Abenteuerreihen des alten Kinos wie „Flash Gordon“ und „Buck Rogers“, Samurai-Epen und Western, Mantel-und-Degen-, Piraten- und Kriegsfilme, die Bibel und Tolkiens „Herr der Ringe“ – George Lucas hat sich für „Star Wars“ links und rechts bedient. Alle Menschen hätten eine Sehnsucht nach Märchen, hat er immer wieder gesagt. Auf Physik, Logik und ein paar andere Hinderlichkeiten hat er bei seinem Weltentwurf daher frohgemut verzichtet.
Lektüre
Das Oral-History-Buch „Secrets of the Force“ von Edward Gross und Mark A. Altman ist bei St. Martins Press erschienen: 496 Seiten, ca. 27 Euro. Ähnliche Bücher haben die Autoren schon zu den Universen von James Bond, Buffy und Battlestar Galactica vorgelegt.