Hollywoods Filmpreis Prügel für den Oscar

Schauspieler Will Smith (vorn) attackiert den Komiker Chris Rock bei der Oscar-Verleihung mit einem gezielten Handschlag. Foto: dpa/Chris Pizzello

Nach zwei Jahren Coronakrise wollte Hollywood mit der Oscar-Verleihung einen frischen, selbstbewussten Neustart hinlegen. Und dann gab’s Prügel. Warum es dazu kommen musste.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Hollywood wollte alles richtig machen. Seit Wochen belieferte die Academy of Motion Picture Arts and Sciences die Welt mit immer neuen Mitteilungen, wie anders, wie toller, wie bunter, wie abwechslungsreicher die diesjährige Gala zur Verleihung der 94. Academy Awards werden sollte. Mehr Show, Musik und Abwechslung! Weniger Dankesreden-Rituale. Mehr Würdigung der Filmkunst und Erinnerung an die große Kinotradition! Weniger Grußworte und Werbeunterbrechungen. Nach zwei Jahren Pandemiekrise sollte der diesjährige Oscar zeigen: Das Kino und der Film leben! Wir sind wieder da, und wir werden wieder wer! Ein Millionenpublikum bleibt uns sicher.

 

Alles bleibt einstudierte Routine.

Doch wer bei der fast fünfstündigen Gala im Dolby Theatre in Los Angeles auf frischen, kreativen Wind gehofft hatte, wurde enttäuscht. Die Academy zelebrierte vor voll besetztem Saal ein geradezu krampfhaftes Festhalten an alten, längst überlebten Ritualen: Die drei Gastgeberinnen Amy Schumer, Regine Hall und Wanda Sykes begrüßten mit einer Kaskade an „funny gags“, zu denen vom Computer Saallachen eingespielt wurde. Die Laudatoren spielten ihre zuvor abgesprochenen Witze ab. Die Preisgekrönten danken allen Familienangehörigen, lebenden wie bereits verstorbenen. Und aus dem Nichts bricht plötzlich eine große Shownummer hervor, die bis zur nächsten Werbepause auf der Bühne Tumult verursacht.

Wenn dem Publikum nicht zuvor die Neuerungen als Neuerungen verkauft worden wären, hätte es diese vermutlich gar nicht bemerkt. Lieblos wird an die 30-, 50- und 60-Jahre-Jubiläen der Filmklassiker „Weiße Jungs bringen’s nicht“, „Der Pate“ und „James Bond jagt Dr. No“ erinnert. Der angebliche „Publikumspreis“ entpuppt sich als eine Filmschnipselreihe unter dem Titel „Die magischsten Kinomomente der Kinofans“, die Keiner-weiß-wer ausgewählt hat. Doch der größte Grusel weht herbei, als die Academy an ihre 2021 verstorbenen Mitglieder erinnert – früher stets ein sehr stiller und berührender Moment, in dem Fotos und Filmausschnitte der Künstler gezeigt wurden. Die gibt es zwar immer noch, aber dazu springt, tanzt und tobt nun eine Showtruppe vor der Leinwand, als wenn der Evangelische Kirchentag im Berliner Berghain feiert.

Chris Rock macht einen sehr dummen Witz

Man denkt, schlimmer wird’s nimmer, da betritt als nächster Laudator der Komiker Chris Rock die Bühne. Eigentlich soll er nur die Nominierungen zum Dokumentarfilm-Oscar aufsagen, doch zuvor sieht das Programm eine weitere launige Einlage vor: Rock lobt nach und nach alle unten sitzenden nominierten Schauspieler, aber nach jedem Lob folgt stante pede eine Sottise gegen den Angesprochenen. Auch das ein Gala-Ritual, so hat das Publikum erst etwas zu beklatschen und gleich darauf zu belachen. Und der Verulkte muss natürlich Humor beweisen und selbst am herzlichsten lachen; deswegen zeigt ihn die Saalkamera an dieser Stelle in Großaufnahme.

Will Smith stürmt die Bühne

Als Rock auf Will Smith zu sprechen kommt, der für seine Hauptrolle im Film „King Richard“ nominiert ist, macht er einen besonders zynischen Witz über dessen Ehefrau Jada Pinkett, die infolge einer Immunkrankheit seit einiger Zeit einen fast kahlen Schädel trägt. Und da passiert’s: Smith stürmt auf die Bühne und versetzt Rock einen Hieb, den die Agenturen später als Ohrfeige bezeichnen, den man vom Fernseher aus aber auch als leicht abgerutschten Kinnhaken gesehen haben kann. Von einer Sekunde zur anderen fällt das komplette Gala-Ritual in sich zusammen; Schockstarre und zunehmend hilfloses Schweigen im Publikum. Und so kann alle Welt hören, wie Smith zweimal brüllt: „Keep the name of my wife out of your fucking mouth!“ Daraufhin wird der Oscar-Sendeton vom Veranstalter abgedreht.

Will Smiths Reaktion auf die Oscar-Auszeichnung

Als Smith eine halbe Stunde später tatsächlich den Oscar als bester Hauptdarsteller bekommt, versucht er, mit einer verweinten Selbstanklage den Abend, das Ansehen der Akademie und vor allem seine weitere Karriere halbwegs zu retten. Aber sein Gewaltausbruch decouvriert gerade in seiner Erklärbarkeit die dünne Hülle der gesamten Show. Hier stimmt wirklich nichts: weder der Humor noch der Respekt vor den Kollegen.

Der Hauptpreis geht ans Archiv.

Und es stimmt zum Schluss noch nicht mal der Hauptpreis für den „besten Film“. Nach Jahren des Verzögerns kann eine Mehrheit der Akademie-Mitglieder die Verdienste der Streamingproduzenten nicht mehr übergehen. Doch wer bekommt erstmals die Ehre? Nicht etwa das Netflix-Solitär „The Power of the Dog“ (Jane Campion bekommt den Regie-Oscar), sondern die Apple+-Komödie „Coda“ – das bloße US-Remake einer französischen Gehörlosen-Tragikomödie, von Eric Lartigau bereits 2014 mustergültig verfilmt und seitdem Teil des Filmarchivs.

Überreicht wird der Hauptpreis von Lady Gaga und Liza Minnelli. Letztere sitzt im Rollstuhl und ist körperlich und psychisch offenbar so schwer angeschlagen, dass kein Mensch dieser Welt sie auf eine Showbühne schicken sollte. Zum Glück weiß ihrem Namen zum Trotz Lady Gaga die schreckliche Situation zu meistern. Die Academy hat wirklich fast alles falsch gemacht.

Die wichtigsten 94. Academy Awards 2022

Bester Film:
„Coda“ von Siân Heder

Beste Regie:
Jane Campion für „The Power of the Dog“

Bester Hauptdarsteller:
Will Smith in „King Richard“

Beste Hauptdarstellerin:
Jessica Chastain in „The Eyes of Tammy Faye“

Beste Nebendarstellerin:
Ariana DeBose in „West Side Story“

Beste Nebendarsteller:
Troy Kotsur in „Coda“

Bester Internationaler Film:
„Drive my Car“ von Ryusuke Hamaguchi

Beste Kamera:
Greig Fraser für „Dune“

Beste Filmmusik:
Hans Zimmer für „Dune“

Bester Filmsong:
„No Time to die“ von Billie Eilish and Finneas O’Connell

Beste Visuelle Effekte:
Paul Lambert, Tristan Myles, Brian Connor, Gerd Nefzer für „Dune“

Bester Animationsfilm:
„Encanto“ von Byron Howard, Jared Bush

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