Holocaust-Gedenken Das Böse bleibt gegenwärtig

Dieser 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung war auf beklemmende Art besonders: Denn die historischen Lehren, die aus dem Holocaust gezogen werden müssen, sind hoch aktuell, kommentiert StZ-Politikchef Rainer Pörtner.

Politik/ Baden-Württemberg: Rainer Pörtner (pö)
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Stuttgart - In der Proklamation, mit der Bundespräsident Roman Herzog im Jahr 1996 den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erklärte, heißt es: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“ In den Jahren seither haben sich der Bundestag und alle Bundespräsidenten, neben ihnen aber auch viele nicht-staatliche Institutionen diesen Auftrag zu eigen gemacht und die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen wach gehalten. So auch diesmal, siebzig Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Gedenktage können durch die Schilderungen der Zeitzeugen, durch das Reden über Schuld und Verstrickung, durch ein gemeinsames Nachdenken über die Lehren der Geschichte eine Gesellschaft zusammenführen. Sie können im besten Falle helfen, einen Konsens über die fundamentalen Werte dieser Gesellschaft herzustellen oder zu sichern. Gedenktage können jedoch auch, und darauf hat Bundespräsident Joachim Gauck in seiner diesjährigen Rede selbst hingewiesen, zu einem Ritual erstarren, zu einer leeren Hülle, gefüllt mit den stets gleichen Beschwörungsformeln.

Die Zeit naht, in der die Opfer nicht mehr selbst erzählen

Dieser 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung war auf beklemmende Art besonders und damit fern der Gefahr, ein hohles Ritual zu sein: für jedermann wurde erkennbar, wie nahe die Zeit ist, in der es keine Opfer mehr gibt, die aus eigenem Erleben von der Vernichtungsmaschinerie des NS-Regimes berichten können. So wie es bald auch keine Täter mehr gibt, die noch zur Rechenschaft gezogen werden.

Es bricht die Zeit an, in der die Kinder und Enkel dieser Generationen allein dafür sorgen müssen, dass es kein Vergessen gibt. Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge – so hat Elie Wiesel, in Rumänien geborener Holocaust-Überlebender, die Aufgabe beschrieben. Wiesel meinte es aufmunternd, hoffnungsvoll. Aber jüngste Umfrageergebnisse und Wahrnehmungen lassen erahnen, wie schwer es wird, der Sehnsucht nach Verleugnen und Verdrängen entgegen zu wirken. Denn sie ist offenbar in Deutschland so stark wie je.

81 Prozent der Befragten sagten in einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung, sie wollten die Geschichte der Juden-Verfolgung „hinter sich lassen“. 58 Prozent der Befragten bekannten, sie wollten einen regelrechten Schlussstrich unter die NS-Verbrechen ziehen. Ungeachtet einer siebzigjährigen Aufarbeitung gibt es ausweichlich wissenschaftlicher Studien noch immer einen stabilen, beängstigend hohen Bodensatz von 15 bis 20 Prozent Antisemiten.

Der zivilisatorische Firnis ist oft dünn

Diese Daten müssen ernüchtern, ja: erschüttern angesichts einer Welt, in der jeden Tag aufs Neue sichtbar wird, wie aktuell die geschichtlichen Lehren aus Holocaust und NS-Zeit sind. Mit dem Hitler-Regime haben wir gelernt, wie dünn in einer Gesellschaft der zivilisatorische Firnis sein kann, unter der sich äußerste Brutalität und Mordbereitschaft verbergen. Erschreckende Parallelen mit der Jetztzeit lassen sich nicht nur in den Gewaltorgien des „Islamischen Staates“ entdecken.

Der Ruf des „Nie wieder!“, der nach 1945 erschallte, mahnte nicht nur, sich terroristischen Regimen entgegen zu stellen, sondern auch, den Opfern dieser Regime Hilfe und Schutz zu gewähren – ein mehr als aktueller Appell. Die Juden dienten den Antisemiten des Tausendjährigen Reiches als Projektionsfläche für Ängste, Vorurteile und Feindbilder. Das Sündenbock-Schema, dass sich hier offenbarte, funktioniert offensichtlich noch immer – und wieder sind es Juden, die zu den Ausgegrenzten und Angegriffenen gehören.

Das Erinnern und Nachdenken, das Reden und Schlussfolgern darf nicht enden. Wir bleiben es den Opfern schuldig, aber auch uns selbst. Denn ohne Erinnern ist, um es erneut mit Roman Herzog zu sagen, ein Überwinden des Bösen nicht möglich.




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