Holocaust-Gedenken in der Region Theater Lokstoff fährt zum KZ – Erinnern mit jungen Stimmen

Auf dem Weg zur Gedenkstätte in Vaihingen an der Enz: Das Theater Lokstoff erinnert mit einer Performance an die Opfer des Holocausts und warnt vor neuer Ausgrenzung. Foto: Lokstoff/Zoia Domaskina

Mit immer weniger Holocaust-Zeitzeugen muss Gedenken neue Wege gehen. Das Stuttgarter Theaterkollektiv Lokstoff zeigt mit jungen Künstlerinnen, wie das gelingt.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Mehr als achtzig Jahre ist es her, dass die Konzentrationslager befreit wurden, am 7. April 1945 zum Beispiel als eines der ersten auf deutschem Boden das in Vaihingen/Enz. Dorthin führte am Gedenktag für die Opfer des Holocausts eine von Lesungen begleitete Reise des Theaterkollektivs Lokstoff.

 

„Wege der Erinnerung“ war der Titel dieser „performativen Bahnfahrt“. Als einziger überregionaler Beitrag ist sie Teil der Berliner Veranstaltungsreihe „Kultur gegen das Vergessen“, die in diesem Jahr erstmals bundesweit auftritt. Ein Blick ins Lokstoff-Repertoire zeigt, dass die Stuttgarter, die Theater niederschwellig und mit gesellschaftlichem Engagement spielen, auch bei diesem Thema gut aufgestellt sind.

Und so waren die „Wege der Erinnerung“ eine in jeder Hinsicht bewegende Collage aus neuem und bestehendem Lok-Stoff. Die abendliche Reise, die bei nassem Wetter rund 50 Gäste mitmachten, zeigte, wie Gedenken lebendig bleiben kann, wenn eines Tages keine Überlebenden mehr persönlich Zeugnis ablegen können.

Startpunkt von „Wege der Erinnerung“ war am Stuttgarter Hauptbahnhof: Kathrin Hildebrand und Simon Kubat lesen während der Zugfahrt aus letzten Briefen von Deportierten. Foto: Lokstoff/Zoia Domaskina

Vor allem aber bewegte die Fahrt, weil die Lokstoff-Macher die „Nie wieder!“-Mahnungen solcher Gedenktage als Aufforderung zum Handeln nehmen. Terror und Deportationen kamen auch in der NS-Zeit nicht plötzlich; Ausgrenzung stand am Anfang. „Es war ein Prozess voller Schritte, Warnungen, Zeichen“, sagt Kathrin Hildebrand. Was passiert, wenn man sie ignoriert, schildern die letzten Briefe deportierter Stuttgarter, aus denen die Lokstoff-Gründerin mit Simon Kubat liest.

Fußmarsch zur Gedenkstätte

20 Minuten Zugfahrt reichen, um den Zwischenraum zwischen Hoffnung und absoluter Hoffnungslosigkeit auszuleuchten. Was einpacken, wenn man nicht weiß, was Sinn und Ziel der Reise ist? In Vaihingen/Enz geht es über den KZ-Friedhof, wo heute Reihen von Grabsteinen an die rund 1700 Opfer erinnern, die hier zwischen August 1944 und April 1945 in Massengräbern endeten, durch die Nacht zur Gedenkstätte.

Junge Darstellerinnen treten in den Dialog mit Holocaust-Überlebenden. Foto: Lokstoff/Zoia Domaskina

Vier Nachwuchs- Darstellerinnen, die jüngste 15 Jahre alt, leihen auf einem Hügel den Porträts und Erinnerungen zweier Holocaust-Überlebender ihre Stimme, spielen Franck Pavloffs Fabel „Der braune Morgen“ mit einer Lebendigkeit, als klopfe der Terror schon an die Tür. Auch im Dialog mit den von Luigi Toscano Fotografierten berühren die jungen Frauen: Sie machen Zeit und Rahmen, die sie von den Opfern trennen, vergessen und richten den Blick zugleich mutig nach vorn. Man kann dieser Zeitreise nur eine Wiederholung wünschen, etwa am 7. April, wenn sich die Befreiung des Lagers jährt.

Auf den Spuren des Terrors in Vaihingen/Enz

Ort
Die Gedenkstätte des Lagers in Vaihingen/Enz ist von Februar bis November an Sonn- und Feiertagen von 14 bis 17 Uhr geöffnet; der Eintritt ist frei. Neben den Fundamenten der ehemaligen Bade- und Entlausungsbaracke erinnert eine Medieninstallation an Leben und Sterben im KZ-Vaihingen, das bei der Befreiung im April 1945 den Beinamen „Lager der Toten“ erhielt. Zum Gedenkort gehört auch der Friedhof, der auf dem Gelände der ehemaligen Massengräber an alle NS-Opfer in Vaihingen/Enz erinnert.

Stücke
Auf dem aktuellen Lokstoff-Spielplan finden sich passend zum Thema Erinnern für die Zukunft die Produktionen „Familienabend“ und „Der wiedergefundene Freund“.

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