Was bedeutet es, wenn man 70 Jahre nach dem Tod des Vaters einen letzten Brief von ihm bekommt? „Wir wissen jetzt, dass er von uns Abschied genommen hat“, sagt der Niederländer Joop Will. Sein Vater Peter war im Widerstand gegen die Nazis. 1943 wurde er verhaftet und bis zu seinem Tod in mehrere Lager verschleppt. Er starb an völliger Entkräftung während eines Transports auf dem Weg ins KZ Neuengamme.
Dass sein Sohn nun den Brief mit seinen Abschiedsworten in den Händen hält, hat er einem Projekt der Arolsen Archives zu verdanken. Zusammen mit vielen auch jugendlichen Helfern hat das Archiv die Kampagne #stolenMemory gestartet. Die Idee dahinter: Gegenstände und Besitztümer ehemaliger KZ-Häftlinge, die noch in Bad Arolsen lagern, sollen deren Nachfahren übergeben werden.
Jede Suche bedeutet für Schülerinnen und Schüler, tief einzutauchen in die Lebenswege der NS-Verfolgten. Jede Spurensuche wird so zu einem kleinen Geschichtsstudium. Es ist die Mischung aus neuen didaktischen Zugängen, die das Portal so attraktiv machen, dass es 2021 mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde.
Die Rückgabe der letzten Besitztümer ist ein Akt später Gerechtigkeit. Aber die Recherche und der Weg bis zu diesem Zeitpunkt ist auch eine Möglichkeit, Jugendlichen Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus zu vermitteln – und das auf eine sehr direkte und emotionale Art.
Denn fast auf den Tag genau 90 Jahre nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und 78 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 stellt sich die Frage: Wie sensibilisiert man Jugendliche für diesen Abschnitt der deutschen Geschichte? Und wie vermittelt man Wissen über eine Zeit, die für viele gefühlt so weit weg ist wie der 30-jährige Krieg?
Oder vielleicht doch nicht? Eine Studie des Rheingold-Instituts von 2022 sagt, dass sich die Generation Z, Menschen also zwischen 16 und 25 Jahren, mit 75 beziehungsweise 66 Prozent deutlich stärker für die NS-Zeit interessiert als ihre Eltern.
Schüler füttern die Datenbank
Einer, der das digitale Angebot aus Arolsen in den Geschichtsunterricht der neunten Klasse eingebaut hat, ist Daniel Dietrich (49), Lehrer am Schorndorfer Burg-Gymnasium. Er nützt damit den Freiraum, den ihm der Bildungsplan gibt. Als vor einiger Zeit eine weitere Aktion aus Arolsen, #everynamecounts („Jeder Name zählt“), begann, haben auch seine Schülerinnen und Schüler die Häftlingsnamen von den KZ-Karteikarten in die große Arolsener Datenbank eingetragen. Mit den Daten zu den Leben von 17,5 Millionen Menschen gehört die zum Unesco-Weltkulturerbe. Jeder Name, der erfasst ist, erinnert an ein Leben und ermöglicht weitere Forschung.
So erlebte es auch Elias Roth (17). Er ist einer von Dietrichs Schülern. „Wenn man die Karteikarten der Gefangenen anschaut, merkt man erst richtig, dass sich hinter den Namen Menschen verbergen“, sagt er. Für ihn sei das eine wichtige Ergänzung zu den Zahlen und Fakten aus dem regulären Geschichtsunterricht.
„Wenn man den Wohnort liest und sieht, dass die Menschen Familien hatten, kann man sich deren Leben ausmalen und sieht, dass sie alle ein ganz normales Leben wie wir geführt haben. Dann versteht man vieles besser.“ Das sei wichtige Aufklärungsarbeit, damit so was nie wieder passiere.
Wie ist es den jüdischen Schülern ergangen?
Entscheidend dafür, das Interesse von Jugendlichen zu wecken, ist offenbar, dass sie von den historischen Fakten eine Verbindung zu ihrem eigenen Leben herstellen können. Auch Hilke Rapp (55), Geschichtslehrerin am Friedrich-Eugens-Gymnasium, erlebt das so. Sie sagt aber auch, dass das Interesse am Unterrichtsthema NS-Zeit und Holocaust nicht automatisch gesetzt sei.
Schülerinnen und Schüler aus Familien mit anderen Herkunftsländern fragen manchmal: Was geht uns das an? Dann setzt die Arbeit von Hilke Rapp an. Ihre Antwort: Du lebst jetzt hier. Damit ist es auch Teil deiner Identität und der Story deines Landes – und deiner Schule. „Wir sind eine alte Schule und haben jüdische Schüler gehabt.“ Ein Kollege Rapps hat deren Biografien erforscht. „Wir wissen, wie es ihnen ergangen ist“, sagt Rapp. Angefangen habe die Ausgrenzung „mit purem Mobbing“. Daran könne fast jedes Kind anschließen.
Es geht Rapp immer um die Frage: Was heißt das heute für mich? Gelingt eine Antwort, wird die Beschäftigung bei den Schülern „zu einer Kraft, die auch politisch im Sinne einer Erziehung zu Demokratie wirkt“. Um diese Haltung bei ihren Schülern zu stärken, nutzt Rapp auch außerschulische Angebote. „Ich kann nur allen raten, das Angebot der Gedenkstätten im Land zu nutzen.“
Jugendguides für Jugendliche
Dort könnte sie auf Schülerinnen wie Rosalie Schütze treffen. Zusammen mit 14 anderen aus dem Hans-Furler-Gymnasium Oberkirch (Ortenaukreis) durchläuft die 17- Jährige im Rahmen eines Seminarkurses gerade die Ausbildung zum Jugendguide. Träger dieses Programmes sind die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und die Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen.
Die Idee: Jugendliche eignen sich sowohl inhaltliche als auch didaktische Kenntnisse an. Die sollen Rosalie Schütze und die anderen befähigen, am Ende selbst Jugendliche durch das kurz hinter der Grenze zu Frankreich gelegene ehemalige Arbeits- und Straflager Natzweiler-Struthof zu führen.
Auch für Rosalie Schütze gilt: Der Gang durch einen Ort, an dem Menschen gequält und gestorben sind, konkretisiert das abstrakte Wissen. Sie erinnert sich an die erste Fahrt nach Natzweiler. Immer ruhiger wurde es im Auto. „Wir haben angefangen zu begreifen, dass die Menschen auf den gleichen Wegen gelaufen sind. Da hat man wirklich begriffen, was passiert ist.“ Es ist die Authentizität des Ortes, die auch hier wirkt. Die Konstanzer Kulturwissenschaftlerin Alida Assmann spricht in diesem Zusammenhang von begehbaren Geschichtsbüchern.
Johanna Rost (26) hat genauso angefangen – als Jugendguide, arbeitete bis vor Kurzem in der Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen, einem der vielen ehemaligen Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof. Sie studiert in Tübingen Empirische Kulturwissenschaften und arbeitet auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Geschichtswerkstatt Tübingen.
Sie hat erlebt, dass „es für viele Jugendliche schockierend war festzustellen, dass es nicht nur die großen Lager wie Auschwitz und Dachau gab, sondern dass es auch vor der eigenen Haustür Lager gab, in denen die Menschen gestorben sind. Und örtliche Profiteure.“ Das mache Geschichte jenseits von Zahlen und Fakten greifbar. Und noch eine Botschaft gehe von den Jugendguides aus: „Es ist nicht uncool, sich mit Geschichte zu beschäftigen.“
Projekte für Jugendliche
Arolsen Archives
„Eine Woche – 30 000 Namen“ lautet eine Aktion im Rahmen von #everynamecounts. Die Namen von 30 000 Häftlingen des Lagers Stutthof sollen in die Datenbank eingetragen werden. Die Ausstellung #stolenMemory ist vor der Oper in Stuttgart bis 15. Februar zu sehen.
Jugendguides
Die Landeszentrale für politische Bildung und der Gedenkstättenverbund bilden Jugendliche zu Gedenkstättenführer aus.