Das Stuttgarter Dillmann-Gymnasium erlebte eine Geschichtsstunde, die in Erinnerung bleiben wird: Der in Stuttgart geborene Holocaust-Überlebende Garry Fabian hatte für die junge Generation eine eindringliche Botschaft mitgebracht.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Er bräuchte gar nicht viel zu sagen. Allein sein Kommen und sein Dasein füllen den Raum und entfalten eine starke Wirkung. Dazu werden Sequenzen aus dem Propagandastreifen eingespielt, den die Nazis 1944 in Theresienstadt drehen ließen, um der Außenwelt Normalität vorzugaukeln. Der Film stoppt, als ein Kindergesicht zu sehen ist, das Fußballspieler anfeuert. Es ist das Gesicht des damals zehnjährigen Gerhard Fabian, der sich später Garry nannte.

 

Jetzt ist er 90 Jahre alt und sitzt auf der Bühne der voll besetzten Aula des Dillmann-Gymnasiums, um aus seinem Leben zu berichten und von seinem Überleben. Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen, Eltern, Lehrer, viele Interessierte – mehr als 400 Besucher sind am Dienstagabend gekommen, um ihn zu erleben. Garry Fabian ist neben Inge Auerbacher der letzte Stuttgarter Holocaust-Überlebende.

Die ersten beiden Lebensjahre verbrachte er in Stuttgart; die jüdische Familie wohnte in der Wagenburgstraße 90. Unter dem Druck der Nazis wich sie 1936 nach Bodenbach ins Sudetenland aus und floh von dort nach dem Einmarsch der Wehrmacht nach Prag. 1942 wurde die Familie ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Fabian und seine Eltern überlebten, die Großeltern kamen im KZ um. Nach dem Krieg emigrierte er mit den Eltern nach Australien.

Großer Andrang beim Zeitzeugengespräch im Dillmann-Gymnasium Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Er bräuchte wie gesagt nicht viel zu sagen. Er ist sozusagen ein wandelnder Stolperstein, auf dem nur das Geburtsdatum – 11. Januar 1934 – vermerkt ist. Denn Garry Fabian lebt. Er weiß nicht warum. Bis heute fragt er sich, warum er davongekommen ist und nicht die anderen. Und er weiß, er wird diese Frage nie beantworten können.

„Es war wie eine Lotterie“, sagt er im Gespräch mit den Schülerinnen Nora Al-Lami Romera und Lotta Zellmer. Fabian spricht auf Deutsch, seiner Muttersprache. Von den rund 15 000 jüdischen Kindern unter 14 Jahren, die die Nazis nach Theresienstadt verschleppten, überlebten etwa 150. Fabian war einer, die 89-jährige Inge Auerbacher eine von ihnen. Für das Dillmann-Gymnasium ist sein Besuch ein großes Ereignis. Fabian, der seit der Auswanderung 1947 in Australien lebt, wollte schon vor vier Jahren kommen und zu den Schülern sprechen. Die Pandemie verhinderte seine Reise.

Das Dillmann-Gymnasium empfängt ihn herzlich

Jetzt ist er da, und die Schule bereitet ihm einen großen Empfang. Schulleiter Manfred Birk erinnert an den ehemaligen Dillmann-Schüler Max Horkheimer, der vor den Nazis in die USA floh und den die Frage umtrieb, warum sich nach Jahrhunderten der Aufklärung der menschliche Geist so verdunkeln konnte. Auch darauf hat Fabian keine Antwort, er weiß jedoch, was daraus zu folgern ist: „Nie wieder!“, sagt er eindringlich. Zwei Worte, die seine Präsenz noch unterstreichen.

Und er bittet die junge Generation auf dieses „Nie wieder“ aufzupassen, weil die Zeit von Zeitzeugen wie ihm endlich ist und der Antisemitismus wieder auflebt. „Es ist wichtig, die Geschichte weiterzugeben und daraus zu lernen“, sagt er. Andernfalls müsse man sie wieder erleben. Am Dillmann-Gymnasium hat man das verstanden. Marfa Stoll, eine Schülerin erinnert an den Auschwitz-Überlebenden Elli Wiesel und seinen Satz: „Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.“ So gesehen gibt es seit Dienstag in Stuttgart viele neue, junge Zeugen. Der Zeitzeuge Garry Fabian richtet der Blick zugleich auch in die Zukunft. Er ermutigt die Schüler, hoffnungsvoll zu sein.

Der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt ist ihm „eine Ehre“

Tags zuvor war der 90-Jährige, begleitet von seiner Tochter Carole Fabian, seinem Schwiegersohn Kim Carr und seinem Enkel Seamus Carr, aus Australien angereist. Anlass für seine Reise auf Einladung der Stadt Stuttgart und der Stiftung Geißstraße ist die Einweihung des neu gestalteten Joseph-Süß-Oppenheimer-Platzes an diesem Freitag, wo künftig mit einer Erinnerungsstätte an Joseph Süß Oppenheimer erinnert wird. Der Hoffaktor des Herzogs Karl Alexander von Württemberg war 1738 in Stuttgart Opfer eines antisemitischen Justizmordes geworden.

Am Dienstagvormittag hatte sich Fabian mit Oberbürgermeister Frank Nopper im Rathaus getroffen, der ihn mit den Worten begrüßte: „Welcome to your hometown!“ Anschließend trug er sich ins Goldene Buch ein: „Es ist eine große Ehre, dass ich mich in das Goldene Buch der Stadt Stuttgart eintragen darf. Meine Geburtsstadt“, lautet sein Eintrag. An diesem Donnerstagabend (19 Uhr) wird er im Stiftungssaal der Stiftung Geißstraße mit Alon Bindes, dem Vorsitzenden der Jüdischen Studierendenunion Württemberg, über das Thema Antisemitismus sprechen.