Holzbauten in der Region Elegantes Sprungbrett über den Neckar

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Die preisgekrönte Fahrradbrücke am Neckartalradweg ergänzt den Reigen von herausragender Holzbauten in der Region Stuttgart. Ihre besondere Bauweise zeigt einen Weg in ein neues Zeitalter von ökologischer Architektur.

Die Fassade der Weinkellerei Kern in Kernen erhielt ebenfalls ein Preis von Holzproklima. Foto: Horst Rudel 7 Bilder
Die Fassade der Weinkellerei Kern in Kernen erhielt ebenfalls ein Preis von Holzproklima. Foto: Horst Rudel

Neckartenzlingen - Die Brücke von Neckartenzlingen hat das Zeug, ein neues Wahrzeichen des Ortes zu werden. In einem eleganten S-Bogen überspannt sie die Neckarufer, gerne bleibt man auf der Brüstung stehen und schaut auf Kies und Sträucher, auf Enten und Schwäne. Vor Kurzem ist sie von der Vereinigung Proholz Baden-Württemberg mit dem Publikumspreis des Kommunalwettbewerbs Holzproklima ausgezeichnet worden. Zu Recht: die Brücke ist nicht nur schick, sie ist auch sehr nützlich als ein Teil des Neckartalradweges, den das Land seit einigen Jahren immer besser ausgebaut hat. Bislang mussten sich Fußgänger und Radfahrer auf dem Gehweg der Neckartenzlinger Autobrücke vorbeidrängeln, was nicht nur gefährlich, sondern auch ziemlich unbequem war.

In nur drei Tagen war die Brücke im März des vergangenen Jahres von nur vier Mann montiert worden. Die Bürgermeisterin Melanie Gollert schwärmt noch heute über die „Millimeterarbeit, mit der die Brücke auf die Fundamente gesetzt wurde“. Die Brücke ist knapp zehn Meter lang und drei Meter breit. Sie besteht aus verklebten Holzträgern, die abgestuft übereinander liegen, damit das Regenwasser abtropfen kann. Ein bisschen wirkt die Konstruktion wie das Blattfedernbündel eines Lastwagens. Abgedeckt ist die Brücke mit Betonplatten, die den Unterbau vor Wasser schützen. Deswegen braucht die Brücke auch keinen chemischen Holzschutz.

Mutige Entscheidung für eine Holzkonstruktion

Mutig war es aus Sicht der Bürgermeisterin schon, sich für die Holzkonstruktion zu entscheiden. Eigentlich wollte die Gemeinde eine Stahlbrücke haben. Durch persönliche Kontakte mit dem Holzforum in Ostfildern und dem Ortsbaumeister Jürgen Brandt, ist die Idee entstanden, eine Holzbrücke zu bauen. Zumal die Konstruktion nicht teurer ist als die herkömmliche Bauweise in Beton.

Es gibt aber noch mehr Gründe, in Holz zu bauen. Jan Bulmer kennt sie alle. Er ist Clustermanager von Proholz Baden-Württemberg und darüber hinaus ein gelernter Zimmermann, studierter Forstwirtschaftler und Betriebswirtschaftler. Holz ist ästhetisch und funktional. Doch der wichtigste Grund aus heutiger Sicht ist zunächst der ökologische: jeder verbaute Balken bindet das CO2 in der Atmosphäre und trägt dazu bei, den Klimawandel aufzuhalten.

Außerdem sind Holzbrücken schnell aufgebaut. Am längsten dauert es, die Brückenlager zu errichten, denn die sind aus Beton und müssen trocknen. Als schlagendes Beispiel führt Proholz die Grünbrücke über die B 101 bei Luckenwalde in Brandenburg. Sie wurde 2012 in nur vier Tagen montiert, damit verringerten sich die Verkehrsbehinderungen auf der Bundesstraße auf ein Minimum. Selbst bei Bränden, sagen die Experten, habe eine Holzkonstruktion Vorteile, weil sie dem Feuer länger standhalte, als Stahlbeton.

In der Schweiz gibt es mittlerweile sogar Autobahnbrücken aus Holz, die mehr als 40 Tonnen Last tragen können. Weil sie sehr leicht sind, eignen sie sich besonders in Hochwasser-Gebieten. Wenn der Fluss anschwillt, können sie mit Motorkraft hochgezogen werden. Das Wasser fließt unten durch, und wird nicht von der Brücke aufgestaut, um hernach die Landschaft zu überschwemmen.

Die Schweiz ist führend im Holzbrückenbau

Dass die Schweiz führend im Holzbrückenbau ist, sei kein Zufall, sagt beispielsweise der renommierte Professor Andreas Müller von der Berner Fachhochschule. Die Eidgenossen seien Spezialisten in der Klebetechnik ist, würden nicht durch EU-Vorschriften ausgebremst und könnten auf ihre eigene Ingenieurskraft vertrauen. Wegen ihrer speziellen Topografie braucht die Schweiz viele Brücken einerseits, andererseits wird in der Schweiz sehr viel mit Holz gewirtschaftet. Ein bisschen hat es aber auch mit Schweizer Traditionsbewusstsein zu tun. Denn Holz ist auch ein sehr dauerhafter Baustoff. Die Experten rechnen mit einer Lebensdauer von 80 Jahren, die damit vergleichbar ist zu Brücken aus Stein oder Stahl. Minimum. Berühmt ist etwa die Holzbrücke in Luzern aus dem Jahr 1365 mit ihrem Ziegeldach.

Allerdings ist die Zeit, wo Holzbrücken aussahen wie ein Güterschuppen, lange passé. Mussten die Balken früher mit einem Schutzdach vor dem Verfaulen geschützt werden, wird heute einfach eine wasserdichte Decke aus Asphalt oder Beton über die Balken gelegt, damit weder Feuchtigkeit noch Regen in den hölzernen Untergrund eindringen.

In Deutschland hätten Städte- und Verkehrsplaner den Holzbau viel zu selten auf dem dem Radar, findet Proholz. Besonders in der Region Stuttgart habe der Holzbau noch Spielraum nach oben, doch der Rückstand werde langsam aufgeholt. Jan Bulmer jedenfalls schwärmt von einem zehnstöckigen Holzhaus in Heilbronn, das bald eingeweiht werde und weiteren Projekten, wie etwa dem futuristische Schönbuchturm in Herrenberg (Kreis Böblingen) aus heimischen Lärchenholz mit seinen 30 Metern Höhe. Immer wieder zeichnet Proholz gute Holzbauten aus. Beispielsweise den neuen Riesbergturm in Murrhardt (Rems-Murr-Kreis). Er ersetzt den abgebrannten Vorgänger aus dem Jahr 1974 und wurde 2010 errichtet. Die Jury begeisterte sich vor allem für das Fachwerk, das eine gute Lastverteilung ermögliche und zeige, dass Eleganz durchaus pragmatisch sein könne.

Im waldreichen Landkreis Göppingen haben zwei Holzbauten das Gefallen der Jury von Proholz gefunden. Wunderschön ist der Aussichtsturm in Rechberghausen geworden, der in den Jahren 2008 und 2009 zur Gartenschau gebaut wurde. Ganz passend hat der Turm den Spitznamen „Luftikus“ erhalten.

Putzig ist das Technikgebäude für die Zentralheizung der evangelischen Akademie Bad Boll. Oben werden Pellets gelagert, unten liegt der Brennraum. Preiswürdig war der kompakte Bau der Jury deshalb, weil reine Technikbauten selten gut gestaltet würden, obwohl sie genauso Teil der menschlichen Umgebung seien. Das Holz hat die Fassade des Weingutes Kern in Kernen (Rems-Murr-Kreis) interessant gestaltet, aber auch konstruktiv genützt. Durch die leichten Leimbinder überspannt die Decke eine 30 Meter breite Halle und sorgt für Atmosphäre im sonst sterilen Keller mit seinen Edelstahltanks, so die Architekten.

Dass das Holzbauforum im Scharnhäuser Park in Ostfildern aus Holz sein muss, versteht sich von selbst. Das Holz strahle Ruhe und Gelassenheit aus, begründete die Jury, was sich wohltuend auf die Tagungsteilnehmer auswirke.

Bauen für die Klimaziele

Es ging beim Forum Holzbau aber auch darum, die Leistungsfähigkeit des Holzbaus widerzuspiegeln. So wurde unter anderem auch der Aufzugsschacht aus Sperrholz gebaut. Natürlich verfolgt die Vereinigung Proholz handfeste wirtschaftliche Interessen, wenn es für Holzbauten wirbt. Anderseits gibt es wirklich objektive Vorteile für Konstruktionen aus nachwachsenden Rohstoffen, das hatte auch der Forstminister Peter Hauk betont, als die Brücke in Neckartenzlingen eingeweiht wurde: Heimisches Holz werde nachhaltig produziert und trage zum Erreichen der Klimaschutzziele bei.

Übrigens wunderte sich schon Mark Twain 1878 während seiner Deutschlandreise, dass in einem so waldreichen Land die Menschen lieber in feuchten Steinhäusern wohnen wollten als in Holzhäusern. Der amerikanische Spötter vermutete, dass die Deutschen wohl darauf achten wollten, dass ihren berühmten Rheuma-Bädern die Kunden nicht ausgingen.




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