Holzgerlingen Gute Brezeln, guter Bäcker, gute Inklusion

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Es ist nicht jedermanns Sache, von 3.30 Uhr bis nachmittags in einer Backstube zu stehen. Wie gut, dass die Bäckerei Binder mit dem behinderten Patrick Wipperfeld jemanden gefunden hat, der stolz darauf ist, den Bäckern zur Hand zu gehen.

Patrick Wipperfeld bestreut Brezel-Teiglinge Foto: factum/Simon Granville
Patrick Wipperfeld bestreut Brezel-Teiglinge Foto: factum/Simon Granville

Holzgerlingen - Morgens um 3.30 Uhr geht in der Bäckerei Binder in Holzgerlingen alles Hand in Hand. „Wenn der Teig ruht, dürfen nicht die Bäcker auch noch ruhen“, sagt der Chef Eberhard Binder. Denn bis sechs Uhr muss das Gros des Sortiments aus Brezeln, Brötchen und Brot fertig sein. Und deswegen muss in seinem Betrieb in der Altdorfer Straße in Holzgerlingen jede Hand wissen, wo sie hinzulangen hat.

Seit drei Jahren gibt es zwei neue Hände in der Kette. Sie gehören Patrick Wipperfeld, der zu 50 Prozent sprachbehindert ist. Er bezeichnet sich selbst als „behindert“ und weiß, dass er mache Dinge einfach nicht kann. Um jedoch ein wertvoller Mitarbeiter in Binders Backstube zu sein, muss man auch nicht alles können.

Gute Brezeln guter Bäcker, schlechte Brezeln, schlechter Bäcker

Patrick Wipperfeld hilft, Brezeln zu machen, zu salzen, mit Lauge zu bestreichen und sie in den Ofen einzuschießen. Brezeln schlingen, das kann er nicht. Wobei sein Chef Eberhard Binder berichtet, dass man dafür auch eine jahrelange Übung braucht, bis man die Ärmchen der Brezel so dünn gerollt kriegt, dass sie so schön knusprig werden, wie sie eben bei einer echten schwäbischen Brezel sein müssen: „Gute Brezeln, guter Bäcker, schlechte Brezeln, schlechter Bäcker“ sagt Binder. So einfach sind manchmal die Dinge.

Auch der Chef hat einen behinderten Sohn. Er wusste, dass es ein Experiment sein würde, Patrick Wipperfeld einzustellen. Das Experiment ist geglückt. So gut sogar, dass Binder nun seinen Kollegen empfiehlt, selbst die Inklusion auszuprobieren. Mehr noch: Die Kreishandwerkerschaft hat ein Video über die Arbeit von Patrick Wipperfeld auf Youtube veröffentlicht. Beim Dreh war auch der Böblinger Landrat Roland Bernhard dabei, der berichtet, Inklusion finde am besten bei der Arbeit statt. Der Kreishandwerksmeister Wolfgang Gastel sagt, die Handwerkskammer und die Kreishandwerkerschaft seien gerne bei der Vermittlung von Menschen mit Behinderungen in Betriebe behilflich.

Der frisch gebackene Youtube-Star Patrick Wipperfeld ist 33 Jahre alt, aufgewachsen in Weil im Schönbuch und war auf der Sprachheilschule in Calw. Jetzt wohnt er mit seiner Freundin in einer Eigentumswohnung, nur fünf Minuten weg von Binders Backstube.

Manchmal geht es in der Backstube etwas rustikal zu

„Ich bin hier ein Hilfsarbeiter“, sagt Wipperfeld. Eberhard Binder muss sich ganz genau überlegten, zu welchen Tätigkeiten er ihn einteilt. „Es ist eine Gratwanderung zwischen Unterforderung und Überforderung.“ Und manchmal gehe es auch in der Backstube etwas rustikal zu, „handwerkermäßig direkt“, umschreibt es Binder. Patrick Wipperfeld kommt damit klar. Wenn Mitarbeiter ihn tatsächlich mal anfahren, kommen diese, wenn das Tageswerk getan ist, auf ihn zu und entschuldigen sich bei ihm.

Bei der Arbeit sieht Patrick Wipperfeld glücklich aus. Er hat eine Reihe von vielen guten Arbeitstagen hinter sich. Einer der besten war der Tag, als er in Holzgerlingen den Arbeitsvertrag unterschrieben hat. Zuvor war er jahrelang im CAP-Markt in Stuttgart gewesen. Das sind Frische-Märkte, die hauptsächlich von Behinderten betrieben werden, daher auch der Name vom englischen Wort „Handicap“. Patrick Wipperfeld ist klaglos jeden Tag eineinhalb Stunden in eine Richtung mit der S-Bahn gefahren, um dort Gemüse und andere Waren zu verkaufen. Schon allein deswegen wusste Eberhard Binder, er würde sich einen absolut loyalen und motivierten Mitarbeiter ins Haus holen.

Gegen 12 Uhr, manchmal auch erst gegen 13.30 Uhr, ist für Patrick Wipperfeld der Arbeitstag zu Ende. Wenn er nach der Schicht heimkommt, dann putzt er den Mehlstaub von der Brille, zieht das T-Shirt mit der Aufschrift „Brezelhelden“ ab, ebenso die Schürze und die Schaff-Hose. Danach legt er sich meist ein Stündchen schlafen. Freitags und Samstags hat er frei, dann kann er auch mal mit seiner Freundin ausgehen.

Bevor er nach Hause geht, putzt er mit schnellen Handbewegungen den Backofen. An diesem Tag posiert er jedoch für das Foto. In der Hand hält er die Bäckerschaufel. Auf dem Handrücken ist ein bisschen Mehl verteilt. Oberhalb der Handgelenke sind ein paar rote Flecken, wo er in der Frühe ans heiße Backblech gekommen ist. Hände wie sie auch sein Chef Eberhard Binder hat. Wie sie alle Mitarbeiter in der Backstube haben. Echte Bäckershände eben.