Holzgerlinger Apotheker Björn Schittenhelm Neue Corona-Testreglung ist ein „Bürokratiemonster“

Als ein „ mittleres Desaster“ bezeichnet der Apotheker Björn Schittenhelm das Ende der kostenlosen Corona-Bürgertests. Foto: Stefanie Schlecht

Ab Freitag gibt es keine uneingeschränkt kostenfreien Corona-Tests mehr in der Apotheke oder im Testzentrum. Der Holzgerlinger Apotheker Björn Schittenhelm sieht ein „mittleres Desaster“ voraus.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Das Bundesgesundheitsministerium streicht zum Monatsende das Angebot von Gratis-Bürgertests. Die Folge: Ab dem 1. Juli ist es nur noch bestimmten Personengruppen möglich, sich in der Apotheke oder im Testzentrum kostenlos auf Corona testen zu lassen. Der Holzgerlinger Apotheker Björn Schittenhelm, der als Pionier in Sachen Schnelltestzentren bundesweit Bekanntheit erlangt hat, fürchtet ein „Bürokratiemonster“.

 

Mit drei Euro Eigenbeteiligung übernimmt ein Großteil der Bürgerinnen und Bürger künftig rund ein Drittel der Kosten. Ausgenommen sind weiterhin vulnerable Gruppen. Dazu zählen auch Kinder bis fünf Jahren, Frauen zu Beginn der Schwangerschaft sowie Bewohnerschaft und Personal in Kliniken und Pflegegruppen.

„Gut gemeint, aber schlecht gemacht.“

Dass auch Angehörige von pflegebedürftigen Menschen sich vor ihrem Besuch weiterhin kostenlos testen dürfen, ist aus Schittenhelms Sicht im Grunde die einzige gute Nachricht bei dieser Neureglung.

„Das alles ist gut gemeint, aber schlecht gemacht“, sagt er. Der 38-Jährige sieht ein „mittleres Desaster“ auf Apotheken und Hausärzte zukommen. Zwar könne er den Einspargedanken hinter der Entscheidung nachvollziehen – schließlich kostet das bisherige Testkonzept laut Bundesgesundheitsminister Heiner Lauterbach monatlich im Schnitt eine Milliarde Euro. „Aber unterm Strich macht die Kostenbeteiligung als Steuerungselement keinen Sinn“, findet Björn Schittenhelm. Damit führe man das Prinzip der kostenlosen Gesundheitsversorgung in Deutschland ad absurdum.

Schittenhelm fordert: „Kommerzielle Teststellen abschaffen!“

Hausärzte- und Apothekerverbände wehren sich vehement dagegen, diesen Verwaltungsaufwand zu übernehmen. Konkret wären diese verpflichtet, in jedem einzelnen Fall abzufragen, wer Anspruch auf einen kostenlosen Test hat. Zudem müssten Hausärzte für die Drei-Euro-Beiträge eine Barkasse führen, was zusätzlich Zeit und Personal binden würde. „Das kann eigentlich nur ein Scherz sein“, wird Ulrich Weigeldt, der Vorsitzendes Deutschen Hausärzteverbands, deshalb in der Ärztezeitung zitiert.

Björn Schittenhelm fordert aus diesem Grund, die aus seiner Sicht unnützen und qualitativ oft fragwürdigen kommerziellen Teststellen abzuschaffen. „Die machen keinen Sinn, das sehen wir tagtäglich“, meint er. Dort werde oft überhaupt nicht richtig getestet, sondern einfach nur „leicht in der Nase gekitzelt“, sagt der Holzgerlinger Unternehmer. „Außerdem gibt es hier so manches schwarze Schaf“, verweist er auf Berichte über milliardenschwere Betrugssummen im Zusammenhang mit unseriösen Anbietern.

Das Testen den Profis überlassen

Stattdessen solle der Staat das Testen lieber den Gesundheitsprofis überlassen, also Apothekern und Hausärzten. Dafür bräuchte es allerdings eine entscheidende Änderung in der Testverordnung: Nämlich, dass sich nur noch Menschen mit Symptomen testen lassen und nicht schon bei einem leichten Schnupfen auf der Matte stehen. „Die Hürden für einen Test müssten dafür höher sein und die Profis sollten die Auswahl vornehmen“, fordert Schittenhelm.

Bisher war es ja so: Wer abends kurzentschlossen mit Kumpels ein Bier trinken wollte, besorgte sich dafür noch schnell einen kostenlosen Test. Vor der weitgehenden Lockerung der Pandemiemaßnahmen im März bildeten sich deshalb lange Schlangen vor den Testzentren. Mit Blick auf die mittlerweile wieder steigenden Fallzahlen könnte das schon bald wieder so sein. Zumal im Herbst die saisonale Grippewelle Apotheker und Hausarztpraxen erneut an die Belastungsgrenze bringen könnte.

Apotheker sieht gesundheitlichen und wirtschaftlichen Nutzen

Sollten diese dann auch noch dazu verpflichtet werden, den mit der Kostenbeteiligung verbundenen Verwaltungsaufwand zu stemmen, führt das zum Systemzusammenbruch, prophezeit Schittenhelm. Zumindest, solange der Bund an der Praxis der asymptomatischen Testung festhält.

Würde der Staat die Tests stattdessen auf diejenigen beschränken, die sie auch tatsächlich brauchen – also vulnerable Gruppen und Menschen mit Symptomen – könnte man aus Sicht des 38-Jährigen die Teststruktur aufrechterhalten und zugleich die Forderung von FDP-Chef Christian Lindner umsetzen. „Der fordert ja eine Halbierung der Testkosten. Dann wäre das gesundheitlich und wirtschaftlich sinnvoll“, sagt Björn Schittenhelm.

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