Das Telefon schrillt, eine ältere Dame schreckt aus ihrem Sessel hoch. „Mama, ich bin’s“, meldet sich eine tränenerstickte Stimme. „Ich hatte einen Unfall und habe ein Kind totgefahren“, versteht die entsetzte Seniorin zwischen Schluchzen und Wimmern durch den Hörer. Dann meldet sich eine strenge Männerstimme zu Wort. „Hier spricht die Staatsanwaltschaft“, blafft der Mann und erklärt der Dame, dass die Tochter jetzt ins Gefängnis gehen müsse – es sei denn, die Mutter würde eine Kaution von 20 000 Euro überweisen. Zur Not könne auch jemand vorbeikommen und das Geld in bar abheben, sagt der Mann. „Bitte Mama, hilf mir!“ Das ist das Letzte, was die Seniorin hört, bevor die Verbindung getrennt wird.
Die Geschichte von diesem Anruf klingt haarsträubend, hat sich allerdings genau so schon vielfach zugetragen. Hier und heute in der Begegnungsstätte „Haus am Ziegelhof“ in Holzgerlingen ist es zum Glück nur Theater. Genauer gesagt eine von sechs kurzen Theaterszenen rund um das Thema „Enkeltrick“ und andere Betrugsmaschen. Die Theatergruppe in der Begegnungsstätte neben dem Seniorenheim unter der Leitung von Doris Mittelmeier hat die jeweils nur zwei bis drei Minuten langen Sketche gemeinsam mit der Polizei erarbeitet.
Tagtäglich Berichte über Betrugsfälle
An zwei aufeinanderfolgenden Tagen spielen die Ensemblemitglieder typische Situationen nach, mit denen Trickbetrüger tagtäglich insbesondere ältere Menschen um ihr Erspartes bringen. Nach jeder Szene melden sich Polizeihauptmeisterin Julia Schmalz und Polizeihauptkommissar Detlef Langer von der Prävention Böblingen sowie Holzgerlingens Kreissparkassen-Filialleiter Tobias Kirschner zu Wort, um nützliche Tipps und Abwehrstrategien zu vermitteln.
Die Initiative für dieses Angebot geht vom Holzgerlinger Stadtseniorenrat aus. „Man liest ja fast täglich von solchen Fällen in der Zeitung“, sagt die Vorsitzende Margret Blascheck. Und tatsächlich vermeldet eine Schlagzeile an eben diesem Tag, dass Senioren in Aidlingen Opfer der als „Enkeltrick 2.0“ bekannten WhatsApp-Masche geworden sind und dabei viel Geld verloren haben. „Die Fallzahlen sind unfassbar hoch, auch wenn so viel darüber berichtet wird“, bestätigt Polizeihauptkommissar Langer.
Wie erklärt sich das? „Die Täter sind psychologisch so gut geschult, dass sie ihre Opfer mittels geschickter Gesprächsführung massiv unter Druck setzen können“, erklärt seine Kollegin Julia Schmalz. Deshalb loben die beiden dieses Theaterangebot in der Begegnungsstätte, das dem Publikum auf eindrückliche Weise klarmacht, wie solche Betrugsmaschen funktionieren und warum so viele Menschen darauf hereinfallen.
Die erste Darbietung am Donnerstagnachmittag stößt auf großes Interesse: Knapp 60 überwiegend betagte Menschen haben in dem gut gefüllten Veranstaltungssaal Platz genommen. Während der Spielszenen wird immer wieder gelacht – zum Beispiel als ein falscher Polizeibeamter sein Opfer anweist, Schmuck und Bargeld zum Abholen für den Kollegen auf der Mülltonne zu platzieren, damit es später nicht von einem Einbrecher gestohlen werden kann.
Erschrockenes Raunen im Publikum
Gelegentlich geht aber auch ein erschrockenes Raunen durch die Runde, zum Beispiel wenn ein vermeintlicher Notfallchirurg für die OP des angeblich schwer verunglückten Sohns eine horrende Summe einfordert. „Oder wollen Sie, dass ihr Sohn stirbt?“ Mit diesen Worten endet die Szene.
Die weiteren Fallbeispiele reichen von banal bis bitterböse: Da wäre etwa die falsche Gewinnbenachrichtigung einer angeblichen Anwaltskanzlei, die vor die Auszahlung eine ganze Reihe von „Bearbeitungsgebühren“ stellt. Oder der falsche Polizeibeamte, der sein Opfer davon überzeugen will, dass die Mitarbeiter seiner örtlichen Bank gemeinsam mit den Einbrechern unter einer Decke stecken würden, weswegen das dort eingelagerte Geld nicht mehr sicher sei.
Bankfilialleiter fragt bei hohen Beträgen lieber zweimal nach
Hier schaltet sich Tobias Kirschner ein, der als Filialleiter der Kreissparkasse vor Ort zunächst grinsend versichert, „dass wir natürlich nicht mit denen unter einer Decke stecken“. Dann berichtet Kirschner, warum er misstrauisch werde, wenn insbesondere ältere Kundinnen und Kunden unvermittelt größerer Geldbeträge abheben wollen. Zwar seien über das Bankgeheimnis klare Grenzen gesetzt, aber zum Schutz der eigenen Kundschaft frage er doch lieber zweimal nach, bevor er zum Beispiel eine Auslandsüberweisung über Tausende von Euros veranlasse.
Am Ende der sechs Spielszenen gibt es zahlreiche Fragen und Wortmeldungen aus dem Publikum. Eine Seniorin reicht sogar ihr Handy nach vorne zu Polizeihauptmeisterin Schmalz, die daraufhin den WhatsApp-Chatverlauf mit einer mutmaßlichen Betrügerin vorliest. Wie die Beamtin anerkennend feststellt, hat die Seniorin richtig reagiert und sich nicht in die Falle locken lassen.
Die Zuschauerresonanz bestätigt die Veranstalter, dass sie hier ein wichtiges Thema auf die Bühne gebracht haben. „Es ist gut möglich, dass wir dieses Angebot auch in anderen Orten präsentieren“, sagt deshalb Seniorenrat-Leiterin Margret Blascheck.
Info
Einfallsreiche Betrüger
Die Tricks und Methoden, mit denen insbesondere ältere Menschen gezielt in die Falle gelockt werden, sind vielfältig. Die derzeit häufigste Variante ist der Anruf falscher Polizeibeamter, die ihre Opfer zum Beispiel vor angeblich bevorstehenden Einbrüchen warnen und so zu Herausgabe von Geld oder Schmuck drängen.
Europol liegt im Trend
Laut Polizei geht der klassische Enkeltrick im Kreis Böblingen eher zurück. Steigende Zahlen gebe es dagegen bei WhatsApp-Betrugsfällen („Enkeltrick 2.0“). Den größten Anstieg verzeichnet die Polizei bei den erst in diesem Jahr aufgekommenen Anrufen falscher Europol-Beamter. Hier gab es bereits mehr als 200 Fälle im Kreis.
Tipps
Neben einer Portion Misstrauen rät die Polizei, sich am Telefon nicht unter Druck setzen zu lassen, nicht über persönliche und finanzielle Verhältnisse zu sprechen, niemals Geld oder Wertgegenstände an Unbekannte zu übergeben und im Zweifel Familienmitglieder oder Polizei anzurufen – und zwar nur unter der 110 und nie via Rückruffunktion.