„Das ist verdammt sportlich“, räumt der Unfallchirurg ein. Möglich werden soll dieser Kraftakt mit einer großen Helferschar und mithilfe eines klugen Digital-Konzepts, das den bürokratischen Aufwand auslagert und den Impftermin auf das Wesentliche reduziert: Spritzen in Oberarme piksen.
„Jetzt zeigen wir dem Land mal, wie Impfen geht, oder?“, feuert Failenschmid sein Team an und erntet Jubelrufe und Applaus. Die Stimmung erinnert an einen Sportwettkampf. Für einen letzten Motivations- und Adrenalinschub wummert unmittelbar vor Beginn noch ein bisschen Techno-Musik aus den Boxen, dann sind alle startklar.
Großer Medienrummel
Der Impfmarathon sorgt für ein großes Medienecho. Neben Zeitungs- und Radioreportern sind auch TV-Teams vor Ort. Besonders im Blick haben die Pressevertreter den Böblinger Sven Heinkele, der als allererster an diesem Tag seine Spritze bekommen soll. Der 40-Jährige hatte erst tags zuvor um 16 Uhr seinen Termin ergattert und steht jetzt ganz vorne in der Schlange.
Dass so kurzfristig ein Termin frei wurde, lag daran, dass die Organisatoren die Datenbank noch von überzähligen Buchungen bereinigt hatten. Zuvor hatte es einen regelrechten Ansturm gegeben, weil die Stadt das Angebot für den gesamten Landkreis geöffnet hatte. „Einige wollten bei uns ihre Zweitimpfung vorziehen“, berichtet Holzgerlingens Pressesprecherin Valerie Nußbaum. von unberechtigten Anmeldungen. Auch die Termine einiger Jugendlichen habe man wieder stornieren müssen. Astrazeneca ist erst ab 18 zugelassen.
Pünktlich um 7 Uhr ist es soweit: Bürgermeister Ioannis Delakos und Alexander Failenschmid eröffnen unter dem Beifall der Wartenden den Impfmarathon. Den historischen Piks in Sven Heinkeles Oberarm darf dann aber doch keine Kamera einfangen. Der Grund: Die Helfermannschaft will zu Beginn ungestört arbeiten und sehen, ob alle Abläufe funktionieren.
In weniger als drei Minuten geimpft
Und das tun sie: Noch bevor es alle Reporter durch einen Hintereingang in den Nachsorgebereich vor der Halle schaffen, wartet Heinkele dort schon lächelnd mit einer stetig größer werden Gruppe darauf, sich den Stempel für seinen Impfpass abzuholen. Die Stimmung unter den Geimpften ist bestens: „Wo gibt’s Bier?“, fragt Ralf Luther mit Blick auf die Bierbänke scherzhaft. Der 44-jährige Mitarbeiter der Stadt Holzgerlingen hat sich zusammen mit seinem 32-jährigen Kollegen Michael Däubler impfen lassen.
„Also das hat mich jetzt echt überrascht“, sagt einige Minuten später der Schönaicher Christoph Hertfelder, als er in dem Freiluft-Wartezimmer vor der Stadthalle ankommt. Keine drei Minuten zuvor hatte der 30-Jährige noch am Eingang darauf gewartet, dass er an die Reihe kommt.
Drinnen geht alles ganz schnell: Ein als Pate eingesetzter DRK-Helfer führt die Teilnehmer zur Anmeldung und von dort gleich in die Impfkabine. Ohne Film, ohne Ärztevorgespräch (das gibt’s nur auf Wunsch) und dank digitaler Vorabregistrierung dauert der eigentliche Impfvorgang im Schnitt nur 2,46 Minuten. Oft geht’s sogar noch schneller.
Software von Apotheker Björn Schittenhelm und seinem Team
Dass anfangs draußen im Nachsorgebereich die Aufkleber mit den Chargen-Nummern für den Impfpass noch nicht vorliegen, lässt sich verschmerzen – zumal alle die Bestätigung auch per Mail bekommen und die Aufkleber zudem in den nächsten Tagen in der Alamannen Apotheke abholen können.
Deren Chef heißt Björn Schittenhelm. Dem Holzgerlinger Apotheker und IT-Unternehmer verdankt der Landkreis die deutschlandweit als „Böblinger Modell“ bekannt gewordene Teststrategie. Beim Impfmarathon ist er ebenfalls vor Ort. Gemeinsam mit seinem Geschäftsführerkollegen Alex Stamm registriert er mit großer Zufriedenheit, wie die von ihm mitentwickelte „Impfomizer“-Software an diesem Tag dabei hilft, die Immunisierung des Landkreises einen großen Schritt voranzubringen.
Rund 250 Helferinnen und Helfer von DRK, Feuerwehr, lokalen Arztpraxen und Verwaltung sorgen für den reibungslosen Ablauf in der Stadthalle. So kommt es, dass um 8.02 Uhr, nur eine Stunde nach Beginn der Aktion, bereits 341 Dosen verimpft sind.
Um 23 Uhr sind bereits 4500 Dosen verimpft
Das rekordverdächtige Tempo sorgt dafür, dass um 23 Uhr schon 4500 Dosen gespritzt sind. Bürgermeister Ioannis Delakos, der den ganzen Tag über Updates auf seinem Facebook-Account postet, fordert darauf alle verbleibenden Impflinge auf, ganz fix in die Stadthalle zu kommen. Als letzter bekommt Delakos selbst seine Spritze. Um 2.13 Uhr ist der Impfmarathon offiziell beendet.
„Die Resonanz war durchweg positiv“, berichtet Pressesprecherin Valerie Nußbaum am Tag nach dem Impfmarathon. Bis auf eine Person, die im Nachsorgebereich aus bislang ungeklärten Gründen gesundheitliche Probleme bekommen habe, sei die gesamte Aktion reibungslos verlaufen.
Jetzt dürfen sich alle Beteiligten erst einmal ein wenig ausruhen und von möglichen Nebenwirkungen erholen, bis dann am 17. Juli die Zweitimpfung ansteht. Mal sehen, was Dr. Failenschmid dann wieder für seine Motivationsrede vorbereitet hat.