Homeoffice im Ausland „Workation“: Viele Arbeitgeber im Kreis Esslingen sind zurückhaltend

Christine Sing arbeitet einen Teil des Jahres auf der Kanareninsel Teneriffa. Foto: privat

Workation – das mobile Arbeiten im Ausland – ist ein Trend, dem bislang aber nur wenige Unternehmen im Kreis Esslingen folgen. Für Arbeitgeber bedeutet die Umsetzung einen großen Aufwand. Und viele Tätigkeiten lassen es nicht zu, mobil zu arbeiten.

Reporterin: Greta Gramberg (gg)

Ein paar Stunden am Schreibtisch, ein paar Video-Coachings und Präsenztrainings – und wenn die besten Wellen angesagt sind, geht es mit dem Surfbrett aufs Wasser. Christine Sing hat sich vom Nine-to-five-Arbeitsleben verabschiedet. Die 35-Jährige aus Esslingen hat sich vor ein paar Jahren selbstständig gemacht als Beraterin für eine lebenswertere Arbeitswelt. Einen Teil des Jahres verbringt sie auf Teneriffa mit Beruf und Freizeit. Den Wunsch nach Flexibilisierung des Joballtags spürt sie auch bei ihren Kundinnen. Doch während Großkonzerne wie Vodafone, SAP und Bosch es Mitarbeitern ermöglichen, mobil im Ausland zu arbeiten, reagieren viele kleine und mittelständische Firmen im Kreis Esslingen zurückhaltend beim Trend „Workation“, eine Fusion der englischen Begriffe „work“ und „vacation“.

 

„Mobiles Arbeiten hat sich bei vielen Mitgliedsunternehmen etabliert“, sagt Christoph Nold, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Esslingen-Nürtingen. Auch weil mehr Flexibilität ein Faktor im Fachkräftewettbewerb sei und in vielen Bewerbungsgesprächen eingefordert werde. Doch diese Flexibilisierung habe Grenzen – wenn Landesgrenzen überschritten würden. „Mein Eindruck ist, dass die Unternehmen im Kreis Esslingen da noch eher zurückhaltend sind“, so Nold. Einige Betriebe tolerierten es, wenn etwa das Wochenende in Österreich mit einem Homeoffice-Tag verlängert werde. Längere Phasen im Ausland würden aber von den wenigsten erlaubt. Entsprechende Angebote gebe es eher in Branchen, die ohnehin IT-affin sind, wie Start-ups, EDV-Supportfirmen und Unternehmensberatungen. Im klassischen Mittelstand sei das eher Ausnahme. „Ich kann es jetzt noch nicht als Trend erkennen“, sagt Nold. Doch es sei viel im Fluss.

Eberspächer und Balluff machen’s möglich

Ein ähnliches Bild ergibt sich in den Antworten einiger befragter Unternehmen. Der Esslinger Autozulieferer Eberspächer hat mobiles Arbeiten im Ausland bereits im Einzelfall ermöglicht. Doch das unterliege verschiedenen rechtlichen Regelungen, die eingehalten werden müssten, erklärt die Pressestelle. „Ein grundsätzliches mobiles Arbeiten im Ausland ist deshalb in unseren Betriebsvereinbarungen derzeit nicht vorgesehen, wir setzen hier auf die Einzelfallprüfung.“ Der Neuhausener Sensorspezialist Balluff prüft derzeit, ob und wie mobiles Arbeiten im Ausland möglich werden kann. „Wir bringen unserer Belegschaft Vertrauen entgegen: Unsere Mitarbeiter arbeiten flexibel und produktiv von zu Hause, unterwegs oder bei Balluff – der Arbeitsort ist dabei zweitrangig. Deshalb wollen wir unser Angebot für mobiles Arbeiten auch international ausweiten. Wichtig ist uns dabei eine effiziente und schnell umsetzbare Lösung ohne hohen administrativen Aufwand“, sagt Personalchef Michael Weinfurter. Die IHK hat laut Nold dagegen mobiles Arbeiten im Ausland für ihre Mitarbeiter ausgeschlossen, aus Gründen der Datensicherheit.

Die Flexibilisierung der Arbeit und auch das mobile Arbeiten im Ausland werden von immer mehr Beschäftigten gewünscht, wie Befragungen zeigen. Christine Sing arbeitet in Teneriffa und in Zukunft vielleicht in anderen Ländern, weil sie Neugier auf andere Kulturen spürt, die sie so im Alltag kennenlernen kann. Sie kritisiert Firmen, die an starren Arbeitszeitfenstern festhalten, Homeofficemöglichkeiten wieder einschränken und Präsenzzeiten im Büro einfordern, die nicht von den Arbeitnehmern mitbestimmt werden. „In Coronazeiten haben sich viele an ein anderes, gesünderes Arbeitsleben gewöhnt. Sie wollen nicht mehr zurück“, sagt Sing. Sie wirbt für mehr Eigenverantwortung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und Vertrauen seitens der Arbeitgeber. Das fördere Freude am Beruf und damit Eigeninitiative, Kreativität und Produktivität.

Rechtliche Herausforderungen

Doch es ist nicht damit getan, die Mitarbeiter mit einem Laptop an den Strand zu schicken. Firmen müssen sich mit ausländischem Recht auseinandersetzen. „Wir haben zu früheren Zeiten aus Risikogründen eher davon abgeraten“, sagt Ralph Wurster, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Südwestmetall Neckar-Fils. Doch wegen des steigenden Interesses bietet der Verband Mitgliedern ein Seminar an, das über die rechtlichen Herausforderungen informiert.

Homeoffice im Ausland wird aber nicht für jeden Arbeitnehmer möglich sein, sei es am Band, im Handwerk, bei der Polizei, in der Gastronomie oder in der Pflege. Darüber hinaus ist eine Reise mit Kosten verbunden. Ist Homeoffice im Ausland nur etwas für Reiche? Nein, meint Christine Sing, die auf Teneriffa Menschen mit unterschiedlichen Einkommen begegnet ist. Es komme auf die eigenen Ansprüche und die Art der Reisegestaltung an. Doch schadet es nicht Umwelt und Klima, wenn immer mehr Menschen zum Arbeiten in ein Land mit Strand fliegen? „Wenn tatsächlich viel mehr Menschen Speed-Workation auf Knopfdruck, das heißt nur ein bis zwei Wochen per Flugzeug machen, sehe ich das genauso problematisch für unsere Erde wie den aktuellen Speed-Erholungs-Tourismus“, räumt Karriereberaterin Sing ein. Ein Weg könne vielleicht sein, etwas länger und mit umweltfreundlicheren Verkehrsmitteln auf Reisen zu gehen. Ganz klimaneutral werde es aber schwierig. Ohnehin plädiert Sing dafür, sein Berufsleben auch zu Hause so zu gestalten, dass man keine Erholung davon braucht. Auch in Esslingen sitzt sie selten acht Stunden am Stück am Schreibtisch. Allerdings müssten auch hier die Arbeitgeber mehr Spielraum für eine individuelle Arbeitszeitgestaltung geben.

Homeoffice im Ausland – welchen Aufwand bedeutet das für Firmen?

Rechtliche Fragen
 Laut Barbara Breuer-Stegmann, Rechtsanwältin aus der Abteilung Arbeitsrecht und Soziale Sicherung bei Südwestmetall, tangiert das mobile Arbeiten im Ausland Aufenthalts-, Arbeits-, Sozialversicherungs-, Steuer- und Datenschutzrecht. „Das muss alles beachtet und in Einklang gebracht werden.“ Problem sei, dass es weder EU- noch weltweit einheitliche Regelungen gebe.

Manches ist machbar
 Aus Sicht Breuer-Stegmanns bedeutet das Thema mobiles Arbeiten im Ausland für Arbeitgeber viel zeitintensiven Klärungsbedarf im Einzelfall. „Es gibt Fallkonstellationen, die zu viel Klärungsbedarf erfordern würden“, glaubt sie. „Aber es gibt auch Konstellationen, wie ein um einen Tag verlängertes Wochenende oder eine Woche im Ferienhaus innerhalb der EU, die sicherlich machbar wären.“ Bei maximal 25 bis 30 Tagen pro Jahr mobilem Arbeiten in der EU seien Aufwand und Risiko wohl überschaubar. 

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