Im Osten, zwischen der B 14 mit dem angrenzenden Schlossgarten und der Neckarstraße, steht eine Häuserzeile, die nicht so recht ins restliche Stuttgarter Stadtbild passt. Dort stehen weiß verputzte Kuben, dazwischen runde Wellblechdächer, davor grüne Vorgärten mit Hecken. Hierher verirrt man sich eher selten, vielleicht noch am ehesten auf der Parkplatzsuche, wenn man im Schlossgarten grillen möchte. Was passiert in diesen Gebäuden?
Willkommen im Atelier Schlecker
Ein paar Schritte durch das Tor in den Vorgarten, und schon steht man vor einer Holztür, die nur angelehnt ist. Nebenan ein Schild mit vielen Namen und der Aufschrift „Atelier Schlecker“. Ein Stimme ruft nach unten: „Wir sind oben und fangen gerade an mit Mittagessen.“ Ein paar Schritte die Holztreppe hinauf und schon steht man wie im Adlerhorst mit Rundumaussicht vor einem reichlich gedeckten Tisch, an dem viele freundliche Gesichter sitzen. Es gibt grüne Oliven, Salat, Fladenbrot, Gurkensalat. Willkommen im Atelier Schlecker, einem Gemeinschaftsbüro, das von seinen Mieter:innen als selbst organisierter Kulturraum betrieben wird.
Von der Gemeinschaft profitieren
„Die weißen Häuschen in der Reitzensteinstraße sind Modell-Projekte aus den 90er Jahren und wurden von Stuttgarter Künstler:in nen erbaut und von der Stadt erbverpachtet“, umreißt Anja Haas die Geschichte der Häuserzeile, während sie sich Salat auf den Teller löffelt. Haas ist seit April 2021 Teil der kreativen Gemeinschaft, konzipiert als Creative Producerin visuelle Ideen und Bildwelten und realisiert Ausstellungen, arbeitet mit Agenturen, Verlagen und Institutionen zusammen und betreut Künstler:innen. Sie ist eine von zehn Kreativschaffenden, die sich im Atelier Schlecker einen Schreibtisch teilen.
Ihre Mitmieter:innen sind ebenso wie Haas im kreativen Feld tätig. Hier arbeiten Architekt:innen, Journalist:innen, visuelle Gestalter:innen, Schmuck- und Webdesigner:innen. „Uns alle eint, dass wir kreativ arbeiten und selbstständig sind“, erzählt Sven Weber. „Wir haben oft ähnliche Probleme, die man dann gemeinsam lösen kann“, sagt der freischaffende Fotograf. „Hier in der Gemeinschaft kann man von der Expertise der anderen profitieren.“
Kuchen für alle!
Was muss man mitbringen, um hier aufgenommen zu werden? „Kuchen“, sagt Heiko Kern wie aus der Pistole geschossen und lacht laut auf. Der Architekt ist das neueste Mitglied in der Ateliergemeinschaft. Heute Mittag hat er für die Truppe gekocht. „Das ist schon mein zweites Mittagessen diese Woche.“ Er steckt gerade in einem Projekt fest und kann ein bisschen Ablenkung am Herd gut gebrauchen. Kürzlich hat er gemeinsam mit den anderen Tomaten gepflanzt. Kern ist wie die anderen durch gemeinsame Bekanntschaften, Instagram oder persönliche Kontakte ins Atelier Schlecker gestoßen. Dragan Espenschied, der als Restaurator für digitale Kunst arbeitet, erzählt, dass er über einen Aushang auf das Atelier Schlecker aufmerksam wurde.
Feste, Filme und Tischtennis
Die Bürogemeinschaft ist mehr als ein Arbeitsplatz für freischaffende Künstler:innen und Kreative. Hier finden regelmäßig Veranstaltungen statt, zum Beispiel Lesungen, Ausstellungen, Konzerte, Filmvorführungen und Feste im Hof. „Unser Tischtennisturnier ist legendär“, sagt Julie Daniel. Gibt es manchmal Konflikte? „Wir sind eigentlich wie eine große WG, wir kochen jeden Tag für die anderen, machen Pausen mit den Kolleg:innen, sind privat befreundet und wenn es mal Gesprächsbedarf gibt, wird ausgiebig diskutiert“, erzählt Julie Daniel, die Schmuck designt und auch schon mal Workshops im Atelier Schlecker veranstaltet hat. Die Journalistin Marta Popowska pflichtet ihr bei und erzählt, dass jeder Ticks und Eigenheiten hat, es aber immer ein angenehmes Auskommen gibt. Wie in einer guten WG eben.