Homestory im Leonhardsviertel So lebt es sich mit 16 Leuten im WG-Haus

, aktualisiert am 21.01.2023 - 13:00 Uhr
Saki übt meistens an der Hochschule – dort kann sie am Flügel spielen. Aber manchmal muss das E-Piano in ihrem WG-Zimmer reichen. Foto: Karolina Justus

Wenn man vom Leonhardsviertel spricht, denken die meisten Stuttgarter:innen an das Rotlichtviertel. Doch die Gegend kann noch mehr. Zum Beispiel bietet sie 16 jungen Stuttgarter:innen ein zuhause. Wir waren im WG-Haus zu Besuch. [Plus-Archiv]

Der denkmalgeschützte Altbau in dem 16 Menschen im Alter zwischen 19 und 31 Jahren wohnen, ist nicht das, was man erwartet, wenn man das Wort „Altbau“ hört. Hier finden sich keine drei Meter hohen Decken mit Stuck und kein Parkettboden im Fischgräten-Muster. Auf den ersten Blick fallen angeknackste Treppengeländer und alte Heizkörper auf. Doch die Stuttgarter:innen, die in diesem WG-Haus im Stuttgarter Leonhardsviertel wohnen, haben sich einen ganz eigenen Wohlfühlort geschaffen. 

 

Das Haus besteht aus vier Stockwerken, in denen sich jeweils vier Menschen eine Wohnung teilen. Vier Schlafzimmer, eine Küche, ein Bad und je nach Etage manchmal noch ein Wohnzimmer. Die einzelnen Etagen bilden also eine in sich geschlossene WG mit eigenen Regeln, Putzplänen, WG-Kassen - und Marotten.

Hier leben zum Beispiel eine Klavierstudentin und ein Breakdancer, eine Kunstvermittlerin und ein Ingenieur, eine Architekturstudentin und ein Arzt. Zwischen der jüngsten und der ältesten Mitbewohnerin liegen zehn Jahre. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, funktioniert das Zusammenleben.

Der Delikatessen-Donnerstag

Im Haus ist immer etwas los. Die eine kommt aus der Nachtschicht, und brät sich um sieben Uhr morgens in der Küche etwas zu Essen an, während ein anderer daneben das Frühstück für die Arbeit vorbereitet. Es ist nicht immer leicht, die unterschiedlichen Leben aller Mitbewohner:innen in Einklang zu bringen. Aber mit offener Kommunikation und Verständnis geht es ganz gut. „Wenn jemand früher ins Bett möchte oder müde ist, dann sagt die Person das einfach und wir machen den Delikatessen-Donnerstag halt in einem anderen Stockwerk.“

Der Delikatessen-Donnerstag - kurz DD - ist eine Tradition, die von den Bewohner:innen vor knapp drei Jahren eingeführt wurde. Von den Initiator:innen leben aktuell nur noch ein paar wenige im Haus, dennoch wird die Idee bis heute fortgeführt: Jeden Donnerstag einigen sich alle auf ein Thema. Das können Regionen wie Italien, Mexiko oder Äthiopien sein oder etwas Abstrakteres wie grün oder der Buchstabe "F". Dann wird zusammen gekocht. Im Winter quetschen sich zum Essen alle in einem der Wohnzimmer an den Esstisch und im Sommer wird der Bürgersteig zur Terrasse umfunktioniert.

Die Sache mit der Eingangstür

Letztes Frühjahr ist Saki ins Haus eingezogen. Sie war zu dem Zeitpunkt erst 18 Jahre alt und hat ihr Klavier-Studium in Stuttgart begonnen. „Als ich eingezogen bin, haben sich die ersten zwei Wochen angefühlt wie ein Landschulheim“, sagt sie lachend. Saki wohnt im Erdgeschoss, dem wahrscheinlich komischsten Stockwerk des Hauses. Das Treppenhaus ist quasi im Wohnungsflur integriert. Um das Haus zu verlassen, muss man durch die Wohnung im EG. „Ich habe hier viel besser gelernt, auf Menschen zuzugehen aber gleichzeitig auch Grenzen zu ziehen und einfach mal zu sagen: ‚Nein sorry, ich kann heute Abend nicht.‘“

Wie bei den meisten anderen waren auch Sakis Eltern erstmal nicht begeistert vom WG-Haus. Mehr als die Hälfte der Schlafzimmer sind um die acht Quadratmeter klein und damit so winzig, dass das Einrichten dem Spiel Tetris gleicht. Teilweise hängen Kabel aus den Wänden, die Fassade bröckelt an manchen Stellen und um die Eingangstüre problemlos aufzuschließen, braucht man drei Insider-Tipps und zwei Wochen Übung. „Als dann aber am Tag meines Umzugs gleich Leute unten standen, um beim Tragen zu helfen, meinten meine Eltern, dass es wichtig sei, gute Menschen um sich zu haben.“

Une maison en construction

Peter ist 30 Jahre alt, Assistenzarzt und lebt seit circa einem Jahr im dritten Stock des Hauses. Er könnte theoretisch überall in Stuttgart leben, sich eine eigene Wohnung mieten oder in eine WG ziehen, in der nicht der Putz von den Wänden abblättert. Doch er entschied sich bewusst dazu, in diese WG zu ziehen. „Hier kommen Menschen aus den verschiedensten Welten zusammen. Nicht nur Studierende oder Arbeitende, auch Menschen, die eine Ausbildung machen oder vielleicht auch nichts definieren wollen. Das Haus ist offen für alle.“

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Was den Zustand des Hauses angeht, hat Peter seine ganz eigene Sicht auf die Dinge: Was die meisten Menschen stören würde, sieht er als Potential an. „Klar, ist es nicht perfekt, aber dadurch hat man Möglichkeiten, Sachen zu verändern. Wenn ich eine saubere weiße Wand sehe, habe ich Angst einen Nagel reinzuhauen und alles zu verunstalten. Hier kann man alles mögliche bauen und es macht das Haus schöner. Es ist ein Haus, das sich im Werden befindet – une maison en construction.“

Das Gefühl von Zugehörigkeit

Hier zu leben ist eine unfassbar prägende Erfahrung. Auch für Gerry, der mittlerweile schon über zwei Jahre in der WG lebt. Die vielen Lebensrealitäten, Ansichten, Meinungen, aber auch der Zusammenhalt der Gruppe, alles beeinflusst einen. Man lernt von den Blickwinkeln der anderen dazu. „Ganz egal was los ist, ich kann alles teilen, ohne verurteilt zu werden. Die Leute hier haben mir einen Ort gegeben, an dem ich wirklich das Gefühl habe, zuhause zu sein.“

Wer in das WG-Haus im Leonhardsviertel zieht, sucht nicht nach Schick oder einem pastell-beigen Fotohintergrund. Wer hier einzieht, sucht nach Menschen, Zusammensein und dem Gefühl von Zugehörigkeit.

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