Homestory in Schorndorf Radikaler Schritt: Mit 62 Jahren ins Tiny-House – „Der Flügel musste mit“

, aktualisiert am 07.02.2025 - 12:47 Uhr
Joachim Maresch vor seinem Tiny House. Foto: Gottfried Stoppel

Joachim Maresch musste sich verändern und entschied sich für die radikale Variante: Vom großen Einfamilienhaus zog der 62-Jährige in ein Tiny House in Schorndorf. Dafür warf der passionierte Musiker und Segler viel Ballast ab.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Joachim Maresch ist ein Schöngeist. Einer, dem Details wichtig sind, der einen Blick für die kleinen Dinge hat und genau weiß, wie er etwas haben möchte. In seinem Tiny House, das der 62-jährige Musiklehrer Mitte Dezember vergangenen Jahres bezogen hat, ist noch lange nicht alles so, wie er es sich vorstellt. „Eigentlich stimmt hier noch gar nichts“, sagt Joachim Maresch und schaut sich kritisch in den knapp 50 Quadratmetern um.

 

In der Küche fehle noch die richtige Arbeitsplatte, da werde ihm seine jüngste Tochter Clara, die Schreinerin ist, helfen. Zudem sei für die Eingangstüre noch ein Lichtband geplant. Außerdem will der Hausherr die Regale verändern und eine Empore für Gästebett und Schreibtisch einbauen lassen, die darunter Stauraum ermöglicht und so den nicht vorhandenen Keller ersetzen soll. Im Frühling will Maresch dann seine Terrasse bauen, die Hölzer liegen schon bereit. Und aufs Dach soll in naher Zukunft noch eine Solaranlage kommen. Und wenn dann alles passt, will er endlich die Bilder an die Wand hängen.

Wer ihn im Tiny-House besucht, gerät ins Staunen

Klingt, als wohne der Tiny-House-Besitzer mehr oder weniger auf einer Baustelle. Das Gegenteil ist der Fall. Wer ihn am Ende des Mühlwiesenwegs im Schorndorfer Stadtteil Haubersbronn besucht, gerät ins Staunen. Das mit Holz verkleidete Minihaus in der Siedlung des Bauunternehmers Ulrich Egelhof wird dominiert von einem großen und hohen Raum mit Blick ins Grüne, Fenstern und Oberlichtern. „So einen Raum habe ich mir gewünscht, und es hat geklappt.“

Und auch wenn vielleicht noch nicht alles so ist, wie es sich der Waldorfschullehrer am Engelberg vorstellt, der zentrale Raum ist luftig und hell. Auf dem Boden liegt ein Orientteppich – ein Erbstück von den Großeltern –, der für Gemütlichkeit sorgt. Pflanzen und Bücherregale bringen Ruhe rein und leiten über zum wichtigsten und für ein Tiny House wohl auch außergewöhnlichsten Möbelstück: Ein großer Flügel steht da und scheint nur darauf zu warten, bespielt zu werden. Besonders gern sitzt der Chorleiter und Dirigent abends an seinem Lieblingsinstrument und entlockt ihm Töne, die dank der Raumhöhe erstaunlich gut klingen. „Der Flügel musste mit. Deshalb wollte ich eine Art kleinen Konzertsaal haben“, erklärt Joachim Maresch, setzt sich zufrieden hin und stimmt Beethovens Mondscheinsonate an.

Radikaler Schnitt: Vom Einfamilienhaus ins Tiny-House

Doch so idyllisch und einfach, wie es rund eineinhalb Monate nach dem Einzug klingt, war der Prozess nicht, der ihn in sein Tiny House gebracht hat. Eigentlich hat er sehr gerne in dem großen Einfamilienhaus in Oberberken gewohnt, in dem die Familie, zu der fünf Kinder gehören, viele schöne Jahre verbracht hat. Doch nach der Trennung von seiner Frau musste eine Veränderung her, und Maresch entschied sich für die radikale Variante. „Mit meinem Flügel funktioniert eine Zweizimmer-Mietwohnung nicht. Meine Tochter brachte mich dann auf die Idee mit dem Tiny House.“

Und nach langem Suchen wurde er in der jetzigen Siedlung fündig, für die der Haubersbronner Bauunternehmer Ulrich Egelhof, Geschäftsführer von Egelhof-Bau, das Konzept entwickelt und sie erschlossen hat. Die Idee: Man pachtet seinen Platz für zehn Jahre und verwirklicht dort sein Wunschhaus. Und so sehen denn auch alle Tiny Houses in der Nachbarschaft anders aus. Seines ist mit vier maßgefertigten Containern und einer Höhe von 2,90 Metern das größte.

Trotzdem gab es für vieles aus seinem alten Leben keinen Platz mehr. Doch auch wenn das Ausmisten, das Abwerfen von Ballast und das Loslassen ihn schmerzten, war es auch gut und heilsam. „Ich trauere unserem Haus und dem Garten nach. Und natürlich tat es mir in der Seele weh, Bücher wegzugeben und auszusortieren, aber die Frage ist doch auch, wie viel brauchen wir wirklich. Es war auch ein Befreiungsschlag“, sagt der 62-Jährige, der auf seinen Segeltörns mit wenig auskommt und die Freiheit liebt. „Es ist eine Charakterfrage. Viele schwärmen von der Wohnidee, aber nur wenige wagen es wirklich.“ Joachim Maresch hat den Schritt nicht bereut.

Der 62-Jährige an seinem Flügel. Foto: Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel

Auch Egelhof ist Tiny-House-Fan

Auch Bauunternehmer Ulrich Egelhof ist ein Fan der Tiny Häuser, aber das Konzept der Siedlung will er trotzdem nicht weiterentwickeln. „Die Gesetze machen zu viele Probleme. Das Baurecht kennt den Begriff Tiny House nicht, das führt dazu, dass man alles so genehmigen lassen muss, als wäre es ein normales Haus, obwohl es eigentlich eine mobile Wohnform ist.“ Da sei keine Flexibilität, und die Lobby sei zu klein.

Diese fehlende Flexibilität bekam auch Maresch zu spüren: Als er sein Häuschen aufgrund des Starkregens im Juni höher setzen lassen wollte, machte das eine neue Runde im Genehmigungsverfahren nötig. Doch er bewies langen Atem und gab auch nicht auf, als die beauftragte Firma vieles nicht so lieferte und umsetzte, wie es der studierte Architekt geplant hatte. „Es war mir unbegreiflich, und ich habe Abstriche machen müssen, aber ich bin zufrieden und habe alles, um gut zu leben“, sagt Maresch und zeigt die großzügige Küche mit Spülmaschine. Kochen und gutes Essen sind ihm wichtig.

Auch das Bad mit Duschkabine und der Schlafraum mit den blauen Vorhängen können sich sehen lassen. Draußen liegt noch der Baum, der Weihnachten geschmückt vor den Fenstern stand. „Da hat das Haus den Test bestanden. Man kann hier gut feiern. Ich freue mich schon auf meine Enkel.“

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