„Tribute to Tetley“: Das Stuttgarter Ballett verbeugt sich vor seinem ehemaligen Direktor Glen Tetley. Anlass ist der 100. Geburtstag des 2007 verstorbenen Choreografen. Foto: Stuttgarter Ballett, dpa/Bernd Weißbrod
Das Stuttgarter Ballett tanzt von Samstag an „Tribute to Tetley“ im Opernhaus. Kammertänzerin Birgit Keil blickt zurück auf ihre Arbeit mit dem amerikanischen Choreografen.
Nach dem Tod John Crankos hatte Glen Tetley für zwei Spielzeiten das Stuttgarter Ballett geleitet; aus Anlass seines 100. Geburtstags verbeugt sich die Kompanie mit einem „Tribute to Tetley“ vor dem amerikanischen Choreografen. Birgit Keil, Kammertänzerin und damals Erste Solistin, blickt zurück.
Frau Keil, können Sie sich an die erste Begegnung mit Glen Tetley erinnern?
Ja, das war im Ballettsaal in Stuttgart, als Tetley kurz nach dem Tod John Crankos damit begann, „Voluntaries“ zu choreografieren. Für die trauernde Kompanie war diese Zusammenarbeit ein wichtiger Moment. Cranko hatte die Beziehung zu Glen Tetley ja selbst noch eingefädelt. Überhaupt hatte Canko uns zu einer großen Offenheit geführt, sodass wir uns bestens auf die Stile anderer Choreografen einlassen konnten.
Sie waren eine klassisch geprägte Ballerina. Wie haben sich Tetleys damals sehr moderne Stücke für Sie angefühlt?
Ich liebte seine Bewegungen, wir alle haben durch ihn so viel gelernt. Tetleys Vokabular und die ihm zu Grunde liegende Grahamtechnik waren absolut bereichernd. Für mich war das sehr spannend und eine große Befreiung.
Birgit Keil Foto: dpa
Inwiefern?
Durch die Technik der Contraction lernte ich, den gesamten Körper einzubeziehen und meinen Bewegungsradius enorm zu erweitern. Zum hohen klassischen Niveau kam nun ein Reichtum an Bewegungen und ein Gewinn an Körpergefühl. Das führte dazu, dass ich auch die Klassiker anders getanzt habe und Emotionen durch Bewegungen noch besser ausdrücken konnte. Das war für mich und sicherlich auch für andere in der Kompanie eine überaus positive Weiterentwicklung.
Was war neu in der Zusammenarbeit mit Glen Tetley?
Wenn er kreiert hat, wollte er immer die ganze Besetzung im Ballettsaal um sich herumhaben. Cranko hat nur die Tänzer zur Probe bestellt, mit denen er konkret arbeiten wollte. Bei Tetley kam es vor, dass viele unbeteiligt herumsaßen. Ungewöhnlich war, dass er manchmal ohne Musik choreografiert hat und uns Tänzern dann die Freiheit ließ, das Schrittmaterial nach unserem Empfinden der Musik anzupassen. Für mich war neu, barfuß zu tanzen wie in „Mythical Hunters“. In „Laborintus“ war ich dagegen auf Spitze, obwohl das Stück für Schläppchen kreiert war. Tetley meinte, dass seine Choreografie auf Spitze zu schwierig sei. Mir traute er es aber zu und empfand es bei der von mir verkörperten Figur als Steigerung des Ausdrucks.
Wie kam das beim Publikum an?
Das Publikum war etwas zwiegespalten. Aber die großen Cranko-Werke blieben ja weiter auf dem Spielplan. Im Rückblick war die Arbeit mit Glen Tetley, auch wenn sie nur kurz war, sehr lehrreich für das Stuttgarter Ballett und ein einschneidender Moment in seiner Entwicklung.
Kamen Sie gut mit dem neuen Direktor klar?
Ja, er war ein feiner, sensibler Mensch. Vladimir Klos und ich hatten damals einen Rauhaardackel, Glen Tetley kam mit zwei an, da gab es sofort eine Verbindung. Als Tetley 1976 spontan den Ballettsaal verließ, war ich dabei. Aber ich kann nicht mehr sagen, was seinen Weggang ausgelöst hat. Irgendetwas war vorgefallen, was ihn sehr verletzt hat.
Hommage mit drei Balletten von Glen Tetley
Termine „Tribute to Tetley“ an diesem Samstag um 19 Uhr im Opernhaus zeigt „Voluntaries“, „Ricercare“, „Le sacre du printemps“. Weitere Aufführungen bis 8. Mai. Am 2. Mai wird im Anschluss an die Vorstellung der Birgit-Keil-Preis an Riccardo Ferlito verliehen, der an diesem Abend den Hauptpart in „Sacre“ tanzt.
Personen Glen Tetley, 1926 in Cleveland geboren, stieß nach Stationen bei Martha Graham, George Balanchine und Jerome Robbins 1962 zum Nederlands Dans Theater. Von 1974 bis 1976 leitete er in der Nachfolge von John Cranko das Stuttgarter Ballett. Er starb 2007 in Florida. Birgit Keil, 1944 in Kowarschen (heute Kovárov/Tschechien) geboren, tanzte von 1961 bis 1995 beim Stuttgarter Ballett. Bis 2019 leitete sie die Akademie des Tanzes in Mannheim und das Badische Staatsballett in Karlsruhe. Bis heute steht sie der 1995 gegründeten und nach ihr benannten Tanzstiftung in Stuttgart vor.