Homo-Segnung auf den Fildern Homo-Segnung polarisiert Gemeinden

Für Regenbogen-Segnungen muss eine Dreiviertelmehrheit einer Kirchengemeinde dafür sein. Foto: dpa/Benedikt Spether

Derzeit segnet nur eine einzige evangelische Gemeinde im Kirchenbezirk Bernhausen gleichgeschlechtliche Paare. Heißt das, dass alle anderen konservativ denken? Tatsächlich sind die Stimmen deutlich vielfältiger.

Eine einzige Kirchengemeinde von 15 im evangelischen Kirchenbezirk Bernhausen. Das ist die aktuelle Zahl, wenn es darum geht, wo gleichgeschlechtliche Paare den kirchlichen Segen erhalten. „Von anderen Gemeinden sind mir keine Initiativen bekannt, den Weg zu einer geänderten Gottesdienstordnung entsprechend der landeskirchlichen Regelung zu gehen“, sagte der Dekan Gunther Seibold jüngst im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Frage nach der Segnung queerer Menschen sei keine Kernfrage im Kirchenbezirk. Warum, dazu lieferte er keine Erklärung.

 

Aber: Teilen alle Pfarrer im Bezirk die Auffassung des Dekans, dass die Ehe grundsätzlich der Konstellation Frau und Mann vorbehalten sei sollte? Nein. Die Plattenhardter Pfarrerin Carola Längle etwa wäre offen für die Segnung von Mann und Mann oder Frau und Frau, und dies aus theologischen Gründen. „Schon Luther hat gesagt: Es gibt einen Schlüssel für die Bibel, das ist die Liebe.“ Aus ihrer Sicht sei jede Gemeinschaft, die auf gegenseitiger Liebe gegründet sei, eine gute. „Es geht um Nächstenliebe“, findet sie. Gleichwohl weiß sie, dass es in der Landeskirche ein großes Spektrum an Meinungen gibt. „Es hängt wirklich am Bibelverständnis“, sagt Carola Längle.

Gemeinden müssen den Prozess selbst anstoßen

Die Entscheidung pro Regenbogen-Segnungen liegt bei den Gemeinden selbst. Zunächst muss sich intern eine Dreiviertelmehrheit dafür aussprechen, dann kann das Interesse, den Prozess anzustoßen, beim Oberkirchenrat bekundet werden. Wie die Stimmung in den Gemeinden ist, dazu ist wenig zu erfahren. Die meisten Pfarrpersonen, die nicht gerade im Urlaub sind, sind zurückhaltend. Mancher verweist darauf, noch nicht lang genug vor Ort zu wirken, um sich ein Bild machen zu können. Andere antworten gar nicht auf die Anfrage. Es sei kein Thema, es habe noch keine Anfragen gegeben, man wolle keine Konflikte schüren; eine Argumentation, die der des Dekans gleicht.

Einer der wenigen, die Stellung beziehen, ist der Musberger Pfarrer Lukas Balles. Er spricht von einem polarisierenden Thema, bei dem es, je nach weltanschaulichen Prämissen, verschiedene Meinungen gebe. „Da wir unsere Ethik nicht beliebig aktuellen Entwicklungen der Gesellschaft anpassen können, sondern uns als Christinnen und Christen eben auf die Heilige Schrift beziehen, müssen wir immer auch die Spannung der Meinungsvielfalt aushalten, die sich aus verschiedenen Lesarten der Bibel ergibt.“

Bezirk Bernhausen traditionell stark pietistisch geprägt

Er wirbt für Toleranz, „ganz besonders in einer Frage, in der viele Christinnen und Christen ernsthaft um eine sowohl dem Wort Gottes als auch der Lebenswirklichkeit angemessene Haltung ringen“. Eine pietistisch geprägte Gemeinde – der Bezirk Bernhausen ist traditionell stark pietistisch geprägt – werde sich „tendenziell auch stärker dem biblischen Wortlaut verpflichtet wissen, als eine progressive Gemeinde, die aus ihrer Hermeneutik heraus großzügiger über unliebsame Textpassagen hinwegsehen kann“. Dass alle Pfarrpersonen ihrem eigenen Gewissen verpflichtet seien und individuelle Lösungen vor Ort suchten, begrüße er.

In der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde in Ostfildern, jener einzigen Gemeinde im Kirchenbezirk, die queeren Personen eine Segnung ermöglicht, war das Ganze unstrittig. „Wir waren gleich dabei“, sagte Bernd Schönhaar, der Pfarrer, jüngst im Gespräch mit unserer Zeitung. Allerdings: In Kürze wird die Gemeinde ihren Status wieder verlieren. Zum 1. Januar 2023 fusioniert sie mit Nellingen. Die neu formierte Gemeinde muss den Prozess hin zur Segnung Homosexueller von Neuem durchlaufen. Und das wird sie auch tun, bestätigt die Nellinger Pfarrerin Lena Illek. „Das ist hier in der Gemeinde bekannt, dass das kommen wird.“

Mehrheit hat sich laut Pfarrerin dafür ausgesprochen

Die Mehrheit des Kirchengemeinderats habe sich längst dafür ausgesprochen, wegen der anstehenden Fusion sei der Prozess nur aufgeschoben worden. „Ich persönlich befürworte das und werde das auch durchführen“, sagt sie, gleichwohl gebe es „Kollegen und Menschen in der Gemeinde, die das sehr unterschiedlich sehen. Dem muss man auch Rechnung tragen.“

Carola Längle aus Filderstadt-Plattenhardt gehört zu den offenen Pfarrpersonen. Dennoch können sich in ihrer Kirchengemeinde Homosexuelle nicht segnen lassen, und es gebe auch keine Bestrebungen, den Prozess anzustoßen. Vor Corona habe es mal einen Vorstoß gegeben, nun „habe ich das Gefühl, es ist gerade kein Thema“. Zumal: Seit dem Weggang von Andreas Streich ist die Stelle des geschäftsführenden Pfarrers vakant. Es fehlten momentan schlicht die Kapazitäten.

Zahl der Regenbogen-Gemeinden stagniert

Homo-Segnungen
1200 evangelische Kirchengemeinden gibt es in Württemberg, nur ein Bruchteil von ihnen hat in den bald drei Jahren, in denen in der Landeskirche die Möglichkeit besteht, in bis zu einem Viertel der Gemeinden sogenannte Homo-Segnungen durchzuführen, den Umstellungsprozess komplett durchlaufen. Und: Die Zahl stagniert momentan, womöglich aufgrund der Sommerferien. 81 Gemeinden hatten den Prozess Mitte Juni dieses Jahres abgeschlossen. „Es hat sich seither nichts geändert, es sind immer noch 81 Gemeinden“, heißt es Anfang September aus der Landeskirche.

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