Honorarkürzung für Therapeuten Bei vielen Patienten wächst die Angst
Die geplante Kürzung der Honorare in der ambulanten Psychotherapie treibt die Betroffenen auf die Barrikaden. Wie dramatisch wirken sich die Änderungen aus?
Die geplante Kürzung der Honorare in der ambulanten Psychotherapie treibt die Betroffenen auf die Barrikaden. Wie dramatisch wirken sich die Änderungen aus?
Irina Kühnert aus Stuttgart (Name geändert) ist seit einiger Zeit wegen einer psychischen Erkrankung in Therapie. Jetzt hat sie „große Sorgen und steigende Angst“. Die Krankenkassen haben entschieden, zum 1. April die Honorare für Psychotherapeuten um 4,5 Prozent abzusenken. „Dagegen protestiere ich“, erzählt Kühnert. Als Betroffene fürchte sie auch eine große Unsicherheit bei vielen Patienten in psychotherapeutischer Behandlung.
So sehe sie eine große Gefahr, dass Praxen aufgrund der wirtschaftlichen und strukturellen Veränderungen vielleicht schließen müssten. „Das bringt uns Patienten nicht nur organisatorische Schwierigkeiten, sondern auch eine emotionale Belastung“, beklagt Kühnert. Der Zugang zu einer verlässlichen Behandlung sei für die Genesung essenziell. „Das darf nicht durch finanzielle Hürden gefährdet werden.“ Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Patient und Therapeut ist eine wichtige Bedingung für den Behandlungserfolg.
Kühnert befürchtet, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung, wie sie selbst, künftig noch schlechter versorgt werden könnten. Für Patienten könne damit eine notwendige Unterstützung wegbrechen – und die Heilung verzögern. Viele könnten dadurch Rückfälle erleiden oder arbeitsunfähig werden. „Wenn es weniger ambulante Therapeuten gibt, können sich die Klinikaufenthalte erhöhen. Das kostet ja mehrere tausend Euro pro Patient,“ sagt sie und ergänzt: „Wie soll eine gesunde Arbeitsfähigkeit erlangt werden, wenn durch die Kürzungen die Gesundung erschwert wird?“
Ariadne Sartorius bietet in ihrer Praxis in Fellbach Verhaltenstherapie für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an. Sie ist seit über 20 Jahren Psychotherapeutin und engagiert sich im Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (BVVP), also Psychotherapeuten mit einem Kassensitz.
Der BVVP ist 1994 aus regionalen Initiativen entstanden, weil die Psychotherapeuten damals unter großer finanzieller Not litten, so heißt es auf der Website des Verbandes. Die entscheidende Wende hätten die ersten Urteile des Bundessozialgerichts 1999 gebracht, erwirkt von Musterklägern des BVVP. Dies sei eine Sensation gewesen.
„Nun ist es das erste Mal in der Geschichte, dass die Honorare tatsächlich abgesenkt werden“, sagt Sartorius. „Und 4,5 Prozent sind ein riesiger Einkommensverlust,“ sagt Sartorius. Eine Durchschnittspraxis arbeite wie sie circa 28 Stunden pro Woche in etwa 43 Wochen im Jahr. Sie habe für sich ausgerechnet, dass sie ungefähr 5,40 Euro pro Sitzung weniger bekomme. Dies wären dann rund 6500 Euro im Jahr. Sie verdiene also künftig monatlich etwa 500 Euro weniger – und das bei steigenden Praxiskosten.
Das wollten viele nicht hinnehmen. Für Samstag, 28. März 2026, rufen Psychotherapeuten aus der Region daher zu einer Demonstration durch Stuttgart auf. Beginn ist um 16 Uhr an der Lautenschlager Straße (vor der Techniker Krankenkasse).
Der GKV-Spitzenverband hat Anfang März beschlossen, die Honorare für psychotherapeutischen Leistungen ab dem 1. April um 4,5 Prozent abzusenken. Der Verband hatte sich im Erweiterten Bewertungsausschuss damit durchgesetzt. In dem Ausschuss verhandeln die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Spitzenverband Gesetzlicher Krankenversicherungen (GKV) über die Vergütung medizinischer Leistungen.
Die KBV hat bereits angekündigt, gegen die beschlossenen Kürzungen zu klagen. Man werde sich gegen die „massive Benachteiligung“ der Psychotherapeuten und der Patienten wehren, kündigte Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV, an.
Der GKV-Spitzenverband begründet die Entscheidung in einer Pressemitteilung so: Ein gesetzlich vorgesehener Honorarvergleich mit anderen Arztgruppen habe gezeigt, dass niedergelassene Psychotherapeuten mit einer eigenen Praxis in den vergangenen Jahren überproportionale Honorarerhöhungen erhalten hätten. Ursprünglich hatte der GKV-Spitzenverband geplant, die Honorare um zehn Prozent abzusenken.
Hintergrund der getroffenen Entscheidung sei nicht gewesen, Einsparungen für die GKV zu erzielen. Vielmehr gehe es darum, die Bewertungsrelationen der ambulanten Leistungen in einem ausgewogenen Verhältnis zu halten.
Das Gesetz sehe vor, dass der Bewertungsausschuss jährlich überprüfe, ob die Bewertungshöhe der psychotherapeutischen Leistungen angemessen sei. Die Grundlage dafür bilden Daten der Kostenstrukturerhebung des Statistischen Bundesamtes sowie aktuelle Abrechnungsdaten.
Dabei wird der erzielbare Ertrag eines vollausgelasteten Psychotherapeuten mit dem Durchschnittsertrag anderer Arztgruppen verglichen. Je nachdem wie das Ergebnis dieses Vergleichs ausfalle, passe der Bewertungsausschuss die psychotherapeutischen Leistungen an, so der GKV-Spitzenverband.
Trotz einer stetig steigenden Anzahl von Psychotherapeuten, die immer mehr Leistungen erbringen, „erkennen wir keinen verbesserten Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung oder verkürzte Wartezeiten“, heißt es vom GKV-Spitzenverband. Steigende Investitionen hätten für die Patienten keinen Nutzen, so die Behauptung.
Patienten wie Irina Kühnert befürchten, niedergelassene Psychotherapeuten könnten künftig dann mehr Privatpatienten aufnehmen. „Ich reihe mich da nicht ein“, sagt Sartorius. „Ich werde alle Patienten versorgen wie zuvor. Ich bin weiterhin für alle Patienten da .“ Sie habe das noch nie gemacht, Patienten nach Versichertenstatus aufgenommen. Den Kampf um eine gesonderte Bedarfsplanung für Kinder und Jugendliche führe sie schon seit 20 Jahren mit.
Mathias Heinicke, der in Stuttgart seine Psychotherapiepraxis für Erwachsene hat, plant diesen Schritt ebenfalls nicht, hält dies aber auch für ein Teil des Kalküls der Krankenkassen: „Die meisten von uns erbringen ihre Leistungen natürlich trotzdem – aus berufsethischen Gründen.“ Letztlich müsse man dann geplante Investitionen in die Praxis verschieben. „Einfach mehr schaffen, das ist im Bereich Psychotherapie schwer möglich“, sagt Heinicke. Man könne keine 14-bis- 15-Stundentage mit Patienten machen.
Vor allem ärgert es ihn, wie mit ihnen umgegangen wird. „Das ist respektlos gegenüber den Versicherten und den Behandlern“, sagt Heinicke, der sich ebenfalls im BVVP als Bundesvorsitzender engagiert.
Es sei auch ein Eingriff in laufende Prozesse, denn viele Patienten seien ja schon in Therapie, manche auch in einer Langzeitbehandlung. Die Genehmigung für die Therapie gelte noch, aber man bekomme plötzlich als Behandler weniger dafür. „Da ist bei uns viel Vertrauen zerstört worden“, sagt er.
Unter Psychotherapeuten ist die Befürchtung groß, die Krankenkassen könnten langfristig planen, die Psychotherapie ganz aus dem gesetzlichen Leistungskatalog herauszunehmen. „Das wird sicher nicht passieren“, wiegelt Heinicke ab. Dennoch glaubt er, dass man versuchen werde, die Leistungen einzugrenzen. „Das wird sicher politisch eine Idee sein.“
Man habe in den letzten Jahren in den Praxen viel verändert, um die Versorgung zu verbessern, wie die Einführung einer psychotherapeutischen Sprechstunde, sagt Sartorius. Damit könne man Patienten kurzfristig einen Termin anbieten, um abzuklären, wo deren Behandlungsbedarf liege. „Und wir machen das alles gerne“, betont Sartorius. Unter Psychotherapeuten gebe es eine hohe Zufriedenheit mit dem eigenen Beruf. „Aber wir lassen uns nicht ausnutzen.“ Dennoch, betonen Sartorius und Heinicke, seien sie beide bekennende Verfechter des Kollektivvertragssystems. „Mit allen Rechten und Pflichten.“
Die Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg hat inzwischen eine Resolution aufgesetzt. Man verurteile die im erweiterten Bewertungsausschuss beschlossene Abwertung der Honorare um 4,5 Prozent „aufs Schärfste“. Dies sei ein „Schlag ins Gesicht“ der niedergelassenen Psychotherapeuten, die sich schon immer an der untersten Stelle der Einkommenstabelle aller Arztgruppen befunden hätten. „Aber es ist auch ein Angriff auf alle Menschen mit psychischen Erkrankungen.“
Der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung sei gerade in einer Zeit, die von vielfältigen Krisen, internationalen Konflikten und gesellschaftlichen Belastungen geprägt sei, sehr hoch. Zudem verursachten gerade psychische Erkrankungen oft lange Zeiten der Arbeitsunfähigkeit.
Laut dem Schulbarometer 2025, einer repräsentativen Studie der Robert Bosch Stiftung, zeigt jedes vierte Kind in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Besonders betroffen sind laut dem Bericht Kinder aus einkommensschwachen Familien. Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen hat in Deutschland seit der Corona-Pandemie erstmals wieder zugenommen.
Laut der Studie fühlt sich ein Viertel der Schülerinnen und Schüler derzeit „psychisch belastet“, im Jahr 2024 waren es noch 21 Prozent. Für das Schulbarometer hatte die Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der Universität Leipzig Schüler und ihre Eltern befragt. „Auch wenn es dem Großteil der jungen Menschen in Deutschland gut geht, ist der erneute Anstieg der psychischen Belastung ein Warnsignal, das wir nicht ignorieren dürfen“, sagt Anna Gronostaj, Bildungsexpertin der Robert Bosch Stiftung.
Die Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sei noch nie so hoch gewesen wie derzeit, heißt es auch von der Kammer. „Gerade an dieser Stelle den Rotstift anzusetzen, ist nicht nur Missachtung der betroffenen Patientinnen und Patienten, sondern auch volkswirtschaftlich fatal“, so die Vertreter der Landespsychotherapeutenkammer, die alle Psychotherapeuten in Baden-Württemberg vertritt. Man fordere das Bundesministerium für Gesundheit auf, den Beschluss zu beanstanden.
Irina Kühnert hofft nun, dass Patienten wie sie auch weiterhin ihre Behandlung fortführen können. Aber es ärgert sie auch, weil ihr keine Berufsgruppe bekannt sei, bei der es plötzlich zu Gehaltskürzungen gekommen sei. „Das darf nicht sein“, betont sie. Dies sei eine totale Abwertung des Berufes. Und die Wartelisten bei ambulanten Therapeuten würden sich dadurch noch mehr verlängern. „In vielen Regionen warten Patienten monatelang auf einen Platz.“ Die ganze Entscheidung hält sie für „einen Irrsinn“.
Demonstration
Am Samstag, 28. März 2026, rufen Psychotherapeuten aus der Region ihre Kollegen, aber auch Patienten, Betroffene oder auch Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen zu einer Demonstration durch Stuttgart auf. Beginn ist um 16 Uhr an der Lautenschlager Straße (vor der Techniker Krankenkasse). Geplant sind verschiedene Beiträge geplant, abschließend soll es ab 16.30 Uhr einen Demo-Zug in Richtung Marktplatz geben. Dort findet die Abschlusskundgebung zwischen 17.15 und 18.15 Uhr statt. (nay)