Hope Theatre Nairobi in Köngen Theater aus Afrika wirbt für fairen Handel

Von  

Das Hope Theatre Nairobi feiert sein zehnjähriges Bestehen mit einer Europatournee. Das 2009 von dem in Stuttgart und Nairobi lebenden Regisseur Stephan Bruckmeier ins Leben gerufene Projekt gastiert auch in Köngen.

Aus den Slums in die Welt: Die Theatergruppe hat zehn erwachsene Mitglieder und eine 20-köpfige Kindergruppe. Foto: Bruckmeier 4 Bilder
Aus den Slums in die Welt: Die Theatergruppe hat zehn erwachsene Mitglieder und eine 20-köpfige Kindergruppe. Foto: Bruckmeier

Köngen/Stuttgart - Es dauert lange, bis sich etwas etablieren kann, länger jedenfalls als ein oder zwei Jahre, wenn man es wirklich ernst meint mit der Entwicklungsarbeit. Davon ist Stephan Bruckmeier überzeugt. Der deutsch-österreichische Regisseur weiß, wovon er spricht. Vor zehn Jahren hat er ein Theaterprojekt in Kenias Hauptstadt Nairobi gegründet, das sozial-politische Themen aufgreift und heute die Lebensgrundlage einiger beteiligter Schauspieler und Tänzer ist.

„Arbeit statt Mitleid“ ist das Motto des Projekts, das eine afrikanische Sicht auf Themen wie Entwicklungshilfe, fairen Handel, Klimawandel oder Gleichstellung aufzeigen will. „Wenn wir das nur kurzfristig gemacht hätten, hätten wir die Truppe nicht aufbauen können, dann hätte das Ganze auch kaum Auswirkungen auf das Leben der Beteiligten gehabt. Manche bauen einen Brunnen und dann freuen sich alle, zwei Jahre später funktioniert er vielleicht nicht mehr und das interessiert dann niemanden“, sagt er mit Nachdruck. Seit 2012 geht sein Hope Theatre Nairobi regelmäßig auf Tour durch Deutschland und Österreich, um Denkanstöße zu geben. „Wir finden es wichtig, eine afrikanische Sichtweise aufzuzeigen.“

Zuschauer in Deutschland und Kenia reagieren unterschiedlich

Bruckmeier arbeitet sich an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen ab, schlägt die Themen den Theatermachern in Nairobi vor, die daraus ihre Stücke entwickeln. „Die Gruppe arbeitet selbstständig. Gemeinsam machen wir den Feinschliff.“ Die Sicht der Darsteller unterscheidet sich oft fundamental von der in Europa. Das erleben Pauline Atieno und Monica Oduor bei ihren Auftritten jede Woche. Wir treffen die beiden kurz vor ihrem Gastspiel in Köngen zu einem Gespräch am Stuttgarter Schlossplatz. „Viele Leute in Deutschland denken, Afrika besteht aus traditionellen Tänzern, wilden Tieren und armen Kindern. So einfach ist es nicht“, beschreibt Pauline, welche Haltung ihr bei den Touren oft begegnet.

Wie unterschiedlich ist das deutsche Publikum und seine Reaktionen auf die Stücke? „In Kenia, kennt das Publikum die Problematiken aus dem Alltag. Etwa wenn es um sauberes Wasser, Fairness und Unterdrückung geht. In Deutschland fragen die Zuschauer: Gibt es das wirklich noch?“, so die 29-Jährige, die von Anfang an Teil des Projekts ist. „Wir haben gemerkt, dass die Leute unsere Sicht der Dinge brauchen. Wir leben dort und kennen die Umstände, den Alltag. Das sind andere Erfahrungen, als etwa ein Reporterteam aus Europa oder Touristen dort machen können.“ Besonders beeindrucken Pauline Kinder, die nach den Vorstellungen fragen, wie sie helfen könnten. „Natürlich können die Kinder hier nicht das Wasserproblem in Afrika lösen. Wir sagen dann, dass es um einen bewussten Umgang geht, dass sie daran denken sollen, dass es irgendwo anders auf der Welt vielleicht kein sauberes Trinkwasser aus dem Hahn gibt und sie deshalb sparsam und bewusst damit umgehen sollen.“

Unabhängigkeit durch Schaupielerei

Unterschiedlich sei auch die Wertschätzung der Kultur, betont Monica Oduor: „In Kenia gibt es kaum politisches Theater, die Leute wollen sich amüsieren. Sie lachen und rufen uns Dinge zu. In Deutschland sind alle still und lachen nicht einmal, wenn wir einen Witz machen“, so die Sängerin und Darstellerin.

Beide Frauen gehören zum Leitungsteam der NGO, die 2016 für die Theatergruppe gegründet wurde. Mit ihrer Arbeit haben Pauline und Monica einen Vollzeitjob, der gehaltsmäßig vergleichbar ist mit dem einer Grundschullehrerin in Kenia. Pauline lebt dadurch unabhängig. „Ich habe einen Sohn und lebe in einer Partnerschaft, aber es ist mir trotzdem wichtig, mein eigenes Geld als Schauspielerin zu verdienen, das ist ungewöhnlich in Kenia“, sagt sie. Beide Frauen stammen aus Slums und sind anderen mittlerweile Vorbilder. Insgesamt zehn Schauspieler fasst das Hope Theatre Nairobi, das sechs Stücke im Programm hat. Die Gruppe gibt Workshops in Gefängnissen und Waisenhäusern und veranstaltet interkulturelle Chats zwischen Kindern aus Kenia und Deutschland zur Förderung des interkulturellen Austauschs.

Hätte Bruckmeier nicht an das Projekt geglaubt und sich um die Finanzierung gekümmert, hätten die beiden Frauen heute vermutlich nicht das Leben, das sie führen. Die beiden 29-Jährigen touren mittlerweile bis zu zweimal jährlich mit einem fünf- bis siebenköpfigen Team durch Deutschland und zeigen ihre Stücke in Schulen, wie etwa kommenden Dienstag an der Burgschule in Köngen, wo es um fairen Handel geht. Oder auf Veranstaltungen – wie etwa am Tag der Deutschen Einheit vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Insgesamt sind es bis zu 100 Auftritte im Jahr. „Wenn wir nach Deutschland fliegen, dann heißt es oft, jetzt gehen wir wieder zu den reichen Weißen, die schlechte Laune haben“, sagt Bruckmeier, der sowohl in Stuttgart als auch in Nairobi lebt und arbeitet. „Mentalitätsunterschiede gehören dazu.“ Wichtig sei ein Umgang auf Augenhöhe. „Wenn man von Afrikanern spricht, ist oft von Laien die Rede, diese Haltung muss sich ändern“, sagt der 57-Jährige.

Die Zukunft steckt in der Nachwuchsgruppe

Pauline ist es wichtig, dass den Zuschauern klar wird, dass Themen wie Umweltschutz und fairer Handel keine westlichen Themen sind. „Wir haben in Kenia ein Plastiktütenverbot. Wenn das bei uns geht, kann das auch in Deutschland funktionieren. Wir wollen dafür sensibilisieren, genauer hinzuschauen. Auch bei Fair- Trade-Siegeln.“ Wenn man etwas unterstützen wolle, dann sollte man sich damit auseinandersetzen, was genau dahinterstecke, so die Schauspielerin. Besonders am Herzen liegt ihr die 20-köpfige Kinder-Theatergruppe des Hope Theatre Nairobi. „Wir alle wollen etwas weitergeben und die Zukunft des Hope Theatre sichern, weil wir an das Projekt glauben, der Nachwuchs ist dafür die beste Voraussetzung.“

Öffentliche Aufführung:
15. Oktober, 19 Uhr, Eintrachthalle, Kiesweg 10, Köngen.

Noch mehr Infos zum Hope Theatre Nairobi gibt’s hier.