Die Pille und andere hormonelle Verhütungsmittel sind in Verruf geraten: Nicht nur das Thromboserisiko wird oft unterschätzt. In Beipackzetteln wird künftig deutlicher vor Depression als möglicher Nebenwirkung gewarnt – und vor einem Suizidrisiko.

Politik: Hanna Spanhel (hsp)

Stuttgart - Die Sache mit dem Hormonring schien so einfach. Anderthalb Jahre hatte Mara Frank nicht verhütet, doch mit ihrem neuen Freund kam auch ein neues Verhüttungsmittel. 21 Tage lang gibt der Nuvaring, ein durchsichtiger Kunststoffring, kleine Mengen der Hormone Östrogen und Gestagen in den Blutkreislauf ab und verhindert so den Eisprung. Doch irgendwas war anders. Fast täglich hatte die 29-Jährige auf einmal Panikanfälle, weinte grundlos, wurde dünnhäutig. „Ich dachte erst, es sei der Herbst, und dann irgendwann, dass ich mich einfach verändert hätte“, sagt sie heute. Doch als sie mit Freundinnen sprach, berichteten die von ähnlichen Erfahrungen – und der Vermutung, es läge an der Verhütung. Die Frauenärztin riet Mara Frank (Name geändert) dazu, den Ring abzusetzen. „Schon ein paar Tage danach habe ich mich gefühlt, als wäre eine dunkle Wolke aus meinem Kopf verschwunden“, sagt die Stuttgarterin heute.

Auf Blogs im Netz, in Foren, Büchern und unter dem Hashtag #mypillstory berichten Tausende Frauen von ganz ähnlichen Erfahrungen mit der Pille, der Hormonspirale, dem Verhütungsring. Aktuelle Studien zeigen: Es könnte einen stärkeren Zusammenhang geben zwischen den Hormonpräparaten und Stress, Depressivität oder gar Suizidalität als bislang vermutet. Hormonelle Verhütungsmittel stehen deshalb zunehmend in der Kritik. Doch während manche in Pille und Co. die hormonelle Unterdrückung der Frauen sehen, vermuten andere dahinter eher ein Lifestyle-Projekt: Die Pillenpanik als übertriebenes Gehabe einer urbanen, grünen Generation. Wie schädlich ist hormonelle Verhütung tatsächlich?

Forscher aus Dänemark bringen hormonelle Verhütung in Zusammenhang mit Depression – und sogar Suizid

Mit zwei groß angelegten Studien sorgten Forscher um die Gynäkologen Charlotte Wessel Skovlund und Oejvind Lidegaard aus Dänemark zuletzt für Aufsehen in dieser Debatte. Sie haben die Daten von knapp einer halben Million dänischer Frauen analysiert – und bringen hormonelle Verhütung in engen Zusammenhang mit Depression und sogar Suizid. Sie stellten fest: Vor allem in den ersten Monaten der hormonellen Verhütung haben Frauen deutlich häufiger psychische Probleme als jene, die anders oder gar nicht verhüten. Bei jungen Frauen zwischen 15 und 19 ist der Studie zufolge das Risiko, depressive Zustände zu haben, mit der Antibabypille, der Hormonspirale oder dem Ring bis zu dreimal so hoch wie in der Vergleichsgruppe. Auch das Risiko für einen Suizidversuch ist demnach doppelt so hoch – vor allem in den ersten zwei Monaten nach der hormonellen Umstellung. Kausale Schlüsse zu ziehen sei anhand der Daten nicht möglich, kritisierten manche Experten. Gucke man auf die absoluten Werte, sei die Zahl der Betroffenen sehr gering. Doch andere – wie der Pharmakologe Gerd Glaeske von der Uni Bremen – halten die Aussagen für ernst zu nehmend: „Jede Erhöhung des Risikos ist von Bedeutung“, sagt Glaeske.

Die Europäische Arzneimittelbehörde mit Sitz in London hat diese Ergebnisse geprüft und nun entschieden: Ein kausaler Zusammenhang zwischen hormoneller Verhütung und Suizidalität könne anhand der vorhandenen Daten nicht ermittelt werden. Doch Stimmungsschwankungen und Depressionen können Nebenwirkungen der Verhütungsmittel sein – und die wiederum bergen ein Risiko für Selbsttötungsgedanken. Pharmakonzerne müssen deshalb künftig in den Informationen für Ärzte und im Beipackzettel ihrer Produkte darauf hinweisen, dass manche Frauen im Zusammenhang mit dem Medikament von Depressionen berichtet hätten – und dass Depression mitunter zu suizidalen Gedanken führen könne.

Für die Hersteller ist das offensichtlich zu viel Aufhebens um ein bekanntes Problem: So heißt es bei der Firma Bayer, dass „die Möglichkeit des Auftretens von depressiver Verstimmung und Depression bei der Verwendung hormoneller Kontrazeptiva“ bekannt und auch in den Produktinformationen aufgeführt sei. Man habe an der Diskussion zu diesem Thema während der Signalbewertung teilgenommen und werde die vereinbarte Formulierung umsetzen. Allerdings betonte Bayer auch, dass der Zusammenhang zwischen Pille und schweren psychiatrischen Störungen wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden konnte.

Nicht jede Hormonkombination wirkt bei jeder Frau gleich – das macht eine Aussage über die Risiken schwer

Doch warum ist es so schwer, eine eindeutige Antwort auf die Frage nach den Risiken hormoneller Verhütung zu finden? Das Problem ist: „Man kann andere Einflussfaktoren kaum je ausschließen“, sagt Claudia Schumann, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenhilfe und Geburtshilfe. Ist es tatsächlich der Einfluss der Hormone, der depressiv macht? Oder sind es die Lebensumstände – etwa der Frust durch einen zurückgehaltenen Kinderwunsch? „Klar ist: Diese Verhütungsmittel sind ein enormer Eingriff in den Hormonhaushalt einer Frau – und das kann durchaus eine negative Wirkung haben.“

Hinzu kommt: Nicht jedes Hormon oder jede Kombination von Hormonen wirke auf jede Frau gleich, sagt Claudia Schumann. Deshalb gebe es viele Frauen, die überhaupt keine Probleme oder Nebenwirkungen haben, andere, die beispielsweise Östrogene nicht vertragen, und manche, bei denen schon geringe Hormondosierungen wie bei der Spirale negativ wirken. „Wir Ärzte und Ärztinnen müssen genau abklären, welche Krankheitsgeschichte jemand hat, welche Veranlagung zu einer Depression oder ob eine Frau vielleicht auch bereit ist, Stimmungsschwankungen für eine sehr sichere Verhütung in Kauf zu nehmen.“

Dass die ärztliche Aufklärung entscheidend sei, heißt es auch vom Bundesinstitut für Arzneimittel- und Medizinprodukte. Selbst die Firma Bayer findet: Das Bewusstsein der Ärzte und Frauen für das Auftreten psychischer Symptome unter Anwendung hormoneller Kontrazeptiva müsse geschärft werden. Denn Studien zeigen, dass Hinweise in den Packungsbeilagen von Medikamenten häufig kaum wahrgenommen werden. Und noch immer sei die Annahme vieler junger Frauen, dass die Pille ganz ohne Risiken komme – und nicht nur extrem bequem sei, sondern nebenbei auch noch die Haut reiner mache, das Haar voller und beim Abnehmen helfe, heißt es vom Bundesinstitut. Guckt man sich Kampagnen und Broschüren der Hersteller oder Packungen der Pillen an, scheinen die genau dies vermitteln zu wollen: Rosafarbene Schriftzüge, Blumenmuster, Namen wie Yasminelle oder Lilia und der Hinweis, das antiandrogene Pillen Testosteron senken. Schon 2015 kritisierten die Autoren des Pillenreports der Techniker- Krankenkasse die Entwicklung der Pille hin zu einem Lifestyle-Produkt – und warnten, dass insbesondere neuere Pillen der dritten und vierten Generation beispielsweise ein höheres Thromboserisiko aufweisen.

Die Einnahme der Pille habe sich zu stark normalisiert

„In den 70er Jahren war die Pille eine Befreiung für uns Frauen“, sagt Claudia Schumann. Und natürlich sei das Mittel eine Errungenschaft, ungewollte Schwangerschaften seien für Betroffene schlimm – und keine Verhütung sei so sicher wie die hormonelle. „Inzwischen hat sich deren Einnahme aber viel zu sehr normalisiert. Es ist wichtig, das aufzubrechen.“ Dazu gehöre auch die Frage danach, warum Verhütung überhaupt fast immer und automatisch Frauensache sei. Denn über die Hälfte der Paare in Deutschland – 52 Prozent – verhüten mit der Pille, zeigt ein Blick in die Statistikdatenbank Statista. „Dass jetzt im Beipackzettel von einem Suizidrisiko die Rede ist, wird manche Frauen skeptischer machen.“ Schumann hält das für einen wichtigen Schritt, um das Bewusstsein für mögliche Risiken zu schärfen. Sie betont aber auch: Verdammen dürfe man die Pille nicht.

Auch die Stuttgarter Frauenärztin von Mara Frank sieht das so: Nicht alle, aber ein großer Teil ihrer Patientinnen vertragen hormonelle Verhütungsmittel gut – gerade niedrig dosierte Produkte wie die Hormonspirale. Für Mara Frank verschrieb sie deshalb erst einmal eine östrogenfreie Pille. Seit die junge Frau das neue Arzneimittel nimmt, hat sie jedenfalls keine Stimmungsschwankungen bemerkt. Nur die Libido, die scheint seit der Einnahme der Minipille nicht mehr so stark. Ob das auch an der Pille liegt?