Isaiah Sieb ist bei der US-Navy und fühlt sich mit Holzgerlingen verbunden. Foto: /Privat
Auf einem US-amerikanischen Kampfjet prangt der Name der Stadt Holzgerlingen. Nach einer aufwendigen Recherche zeigt sich: Des Rätsels Lösung ist ein 22-jähriger Mechaniker.
Was hat ein amerikanisches Kampfflugzeug mit der Stadt Holzgerlingen zu tun? Mit dieser Frage hatte sich vor gut einem Jahr ein passionierter Flugzeugfotograf aus Nordrhein-Westfalen an unsere Zeitung gewandt. Er habe bei einem Nato-Manöver eine sogenannte F/A-18E „Super Hornet“ fotografiert, berichtete Hartmut Feldmann damals. Und: „Auf der Bugfahrwerkschachtklappe stand das Wort Holzgerlingen.“ Auch nach wochenlanger gemeinsamer Recherche blieb das Rätsel ungelöst – bis jetzt.
Doch noch einmal zurück zum Anfang. Im Juni 2023 waren auf dem Fliegerhorst Hohn (Schleswig-Holstein) der deutschen Luftwaffe zahlreiche internationale Kampfflugzeuge verschiedenster Typen stationiert, um beim groß angelegten Nato-Manöver „Air Defender 2023“ zusammenzuarbeiten. 25 Staaten waren daran beteiligt, darunter die USA.
Eingeladen war auch Hartmut Feldmann, der mehrere Bücher über internationale Luftwaffen und Flugmuster geschrieben und mit eigenen Aufnahmen bebildert hat. Er fotografierte auch in Hohn fleißig. Erst beim späteren Sichten der Bilder fiel ihm der Schriftzug „AMANISAIAHSIEB HOLZGERLINGEN,DE“ an einer F/A-18E „Super Hornet“ auf.
Leser befeuert Recherche neu
An Theorien herrschte kein Mangel. Stammt der Pilot etwa aus Holzgerlingen? Wollte ein Flugzeugwart seine Kollegen mit einem ausgefallenen Städtenamen auf dem Flugzeug übertrumpfen? Hatte die Stadt Holzgerlingen eine Patenschaft für den Kampfjet übernommen? Auch weil der Flugzeugträger, auf dem der Jet stationiert war, zum Zeitpunkt der Recherche im Mittelmeer im Einsatz und deshalb nicht für Nachfragen verfügbar war, ließen sich diese Fragen vorerst nicht klären. Bis auf eine: Nein, die Stadt Holzgerlingen hat keineswegs eine Patenschaft für den Jet übernommen.
Seitdem ist das „Hornet-Mysterium“ von Holzgerlingen ein wenig in den Hintergrund gerückt. Ein Leser aus Böblingen regte jedoch kürzlich mit einer Zuschrift zur Wiederaufnahme der Recherchebemühungen an. „Ihre Recherchen waren schon weit vorgedrungen. Gibt es dazu was Neues?“, schrieb Hans Rummel.
Modellbauer ebnet den Weg zur Lösung
Erneut motiviert, wagte Hartmut Feldmann einen weiteren Versuch, um das Mysterium aufzuklären. Und dann ging plötzlich alles ganz schnell. „Es ist gelöst“, schrieb Feldmann knapp eine Woche später triumphierend an unsere Redaktion. Er habe die Bilder des Kampfjets einem Bekannten gezeigt, der hobbymäßig Modelle von Flugzeugen baut. „Unser Fehler in der Recherche war, dass wir nicht richtig eingeordnet haben, was über dem Wort Holzgerlingen stand“, erklärte Feldmann. Und tatsächlich, dort steht eine Reihe von Buchstaben: „AMANISAIAHSIEB“. Die darin enthaltene Buchstabenkombination ISAIAH bedeutet auf Deutsch so viel wie Jesaja. Sollte es sich womöglich um ein verschlüsseltes Bibelzitat handeln? Doch wie oft und wie verschieden auch immer die Buchstaben miteinander kombiniert wurden – es blieb beim rätselhaften Kauderwelsch.
Ein Foto dieser Maschine vom NATO-Manöver löste diese Recherche aus. Foto: privat/Hartmut Feldmann
Rang und Name gaben Rätsel auf
Allerdings ist der Name Isaiah tatsächlich die Lösung des „Hornet-Mysteriums“. Jedenfalls, wenn man ihn mit den letzten vier Buchstaben der Reihe, SIEB, kombiniert. Feldmanns Kontakt erklärte, dass es sich um den Namen eines an dem Flugzeug Beschäftigten handele – einen sogenannten „Airman“ der US Navy. Die Buchstaben AMAN vor Isaiah seien die Abkürzung für diesen Rang. „AMANISAIAHSIEB“ bedeute also Airman Isaiah Sieb.
Mit dieser Information ist der Weg zum leibhaftigen Isaiah Sieb nicht weit. Die Spur führt ins Internet und dort in ein großes soziales Netzwerk. Eine getippte Nachricht später steht der Kontakt. Und tatsächlich gibt sich Isaiah Sieb aufgeschlossen und amüsiert, dass er von einer Zeitung aus seiner Wahlheimat kontaktiert wird.
Und wie kommt ein US-Soldat denn nun dazu, „Holzgerlingen“ auf ein Kampfflugzeug zu schreiben? Das liege daran, dass er eine bestimmte Qualifikation in seinem Beruf erreicht habe, erklärt Sieb. Name, Rang und Spezialisierung würden dann auf die Bugfahrwerkschachtklappe geschrieben. Darunter komme die Heimatstadt des Mechanikers. Und das ist für den Amerikaner Sieb Holzgerlingen? „Ich bin dort zwar nicht aufgewachsen, aber früh in meiner Teenagerzeit bin ich mit meiner Familie dorthin gezogen“, sagt Sieb. Die Familie seines Vaters stamme aus Deutschland, sei aber vor einigen Generationen in die USA emigriert.
Sieb selbst ist 22 Jahre alt, verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Zur Navy ging er, weil er seine Reiseleidenschaft und sein handwerkliches Geschick beruflich kombinieren wollte. Inzwischen ist er auch kein Airman mehr – somit hat sich auch der Schriftzug auf dem Kampfjet in „AM3 ISAIAH SIEB“ geändert. Er wurde befördert – zum „Airframe Mechanic Second Class Petty Officer of the Navy“. Das entspricht einem Maat oder Obermaat der deutschen Marine.
Starke Verbindung zu Holzgerlingen
Sieb ist als Mechaniker für Reparatur und Wartung der Hydraulik, der Flugsteuerung, des Rahmens und der Anzeigen im Cockpit verantwortlich. Achteinhalb Monate lang war er zuletzt mit dem Flugzeugträger „USS Gerald R. Ford“ im Einsatz. Jetzt ist er zurück zu Hause, nahe der Naval Air Station Oceana im US-Bundesstaat Virginia, wo überwiegend Fluggeschwader stationiert sind. Marinesoldaten seien abwechselnd an Land und auf See im Dienst. Nach Holzgerlingen kommt Isaiah Sieb gerne zurück – seine Eltern leben noch dort. „Von allen Orten, an denen ich gewohnt habe, fühlte sich Holzgerlingen am meisten wie ein Zuhause an.“
Über das Flugzeug auf dem Foto
Das Flugzeug Die F/A-18E/F Super Hornet ist ein Kampfflugzeug, das unter anderem in der US-Marine eingesetzt wird. Es kann bis zu 1900 Kilometer pro Stunde schnell fliegen und hat ein Leergewicht von mehr als 13 Tonnen.
Geschichte Das erste Geschwader dieser Kampfflugzeuge wurde laut Hersteller Boeing im Juni 2001 zusammengestellt. Neben den USA nutzen Kuwait und Australien die Super Hornets.
Aktuell Derzeit sind Hunderte Super Hornets für die USA im Einsatz. Das Flugzeug auf dem Foto des Artikels war bis Anfang dieses Jahres auf der „USS Gerald Ford“ untergebracht. Auf dem 337 Meter langen und am Flugdeck 78 Meter breiten Flugzeugträger haben insgesamt bis zu 43 Luftfahrzeuge verschiedener Typen Platz.
Zukunft Boeing hat angekündigt, Ende 2025 – spätestens aber 2027 – die Produktion der Super Hornets einzustellen.