Für Alfred Berger ist das Schreiben von Horrorbüchern ein wichtiger Bestandteil seiner eigenen Suchttherapie. Am Samstag hat er aus seinem Werk vor Publikum im Großhöchberger Wald gelesen.
Spiegelberg - Austretende Körperflüssigkeiten und herumliegende Därme oder das psychologische Spiel mit den Urängsten von Menschen – eines dieser Elemente ist in der Regel die Grundsubstanz, mit der Alfred Berger seine Kurzgeschichten würzt. Sein Metier sind Begebenheiten, die dem Horror-, Thriller-, Splatter- oder Low-Fantasie-Genre zuzuordnen sind. Gruseln ist da natürlich erwünscht, was am Samstagabend auch einige Menschen freiwillig getan haben: bei einer ganz speziellen Autorenlesung im „Räuberlager“, jenem Waldstück in Spiegelberg, in dem das Großhöchberger Theater Kabirinett ansonsten regelmäßig den Abschluss seines Stücks „Räuber. Wege“ spielt.
Geschichten wie die von Sabrina, einer körperlosen Frau, die alle 24 Stunden von einem anderen Wirt Besitz ergreifen muss, um nicht zu sterben, und in einer Tageszeitung weniger zitierbare Episoden sind in dem bisher zweibändigen Werk „Spiegelberg“ verewigt, aus dem der Autor gelesen hat. Das rund 100 Seiten starke Buch ist eine Idee von Bergers Ehefrau und gleichberechtigter Mitautorin, die unter dem Pseudonym Christiane Gemmer ganz ähnliche Geschichten schreibt. Die Ausgaben sind auf genau 125 Exemplare limitiert, jedes Buch ist nummeriert und signiert. Der erste Band ist bereits nicht mehr verfügbar und wird es auch nie mehr sein, vom zweiten werden nur noch knapp 60 angeboten. Die Reihe, zu der zurzeit der dritte Band entsteht, ist auf ihren Geburtsort getauft. Der 51-Jährige und seine Frau leben seit dem vergangenen Jahr in der 2200-Seelen-Gemeinde. Die dunklen Wälder der Umgebung, sagt Berger, der sich selbst als „morbiden Autoren“ bezeichnet, inspiriere ihn in seinem Schaffen.
Auf die Frage, wie er zum Schreiben und zu den schwer verdaulichen Inhalten gekommen ist, breitet Berger, der seit fünf Jahren als Autor tätig ist, freimütig seine Vergangenheit aus. Sein ganzes Leben sei von Sucht geprägt gewesen, sagt der Mann, der im bayrischen Rosenheim geboren ist. Erst rückblickend wisse er, dass er als Kind an einer Angststörung gelitten habe, die psychologisch therapiert hätte werden müssen, statt nach der oft gehörten Formel „Reiß dich zusammen“. Nach einem Glas Sekt bei einer Weihnachtsfeier habe er mit zwölf Jahren erstmals die berauschende Wirkung von Alkohol schätzen gelernt. Mit 14 sei er auf Heroin umgestiegen, das ihm jene Geborgenheit gegeben habe, die er gesucht habe. „Danach ging es stetig bergab“.
Eine zwischenzeitlich versuchte Therapie brachte ihn nicht von der Droge ab, „weil ich keine Ahnung hatte, wie ein drogenfreies Leben aussehen könnte“. Als er 2007 abgemagert und „völlig am Ende“ in einem Obdachlosenheim landete, habe er hingegen gewusst, „dass ich bald sterben werde“. Dass es nicht dazu kam, sei nur dem Umstand geschuldet, dass ihm ein Weg aufgezeigt worden sei, die Leere zu füllen, die auftritt, wenn die alles beherrschende Droge fehlt.
Er habe den Entzug als Riesenchance begriffen, sein Leben neu einzurichten, sagt Berger. Die schon immer in ihm schlummernde Leidenschaft zum geschriebenen Wort, die er mittlerweile als Autor, Lektor und Herausgeber auslebe, sei nur eines von zahlreichen Betätigungsfeldern. Seit ein paar Jahren sei er regelmäßig in der Präventionsarbeit als Schauspieler und Komparse der Wilden Bühne in Stuttgart tätig, darüber hinaus engagiere er sich als Jugendbegleiter in einer Ludwigsburger Schule, für Tiere und noch in vielen anderen Bereichen mehr.
Dass sein bisheriges literarisches Werk außer einem Buchbeitrag mit Geschichten zum Suchtverhalten fast ausschließlich fiktive Gräueltaten umfasst, sei ganz sicher seiner bisherigen Vita geschuldet, glaubt Berger. Über Jahrzehnte habe er selbst eine dunkle Seite gelebt: „Wer in der Drogenszene verkehrt, muss skrupellos sein und Dinge tun, die nicht nett sind.“ Diese dunkle Seite sei auch mit der Therapie nicht verschwunden. Der Drang, böse Dinge zu tun – wenngleich nicht solche, die er in seinen Büchern beschreibt – sei nach wie vor vorhanden. Er habe bemerkt, dass dieser Drang verschwinde, wenn er schreibe, sagt Berger. Außerdem bereite es ihm viel Spaß, seine Leser zu erschrecken.
Informationen zu Bergers Büchern findet man auf Facebook unter dem Stichwort Spiegelberg, oder man kann per E-mail mit dem Autoren Kontakt aufnehmen: alfred.berger1@web.de