Hospitalviertel in Stuttgart Ein Tresorraum wird zur Bar

Eric Bergmann ist der Profi hinter der Bar. Unter seiner Führung sollen Eigenkreationen über die Theke gehen, aber auch altbekannte Klassiker. Foto: Ina Schäfer
Eric Bergmann ist der Profi hinter der Bar. Unter seiner Führung sollen Eigenkreationen über die Theke gehen, aber auch altbekannte Klassiker. Foto: Ina Schäfer

Einbruchsicherer geht kaum: In den nächsten Wochen soll eine neue Bar in einem alten Tresorraum an der Stuttgarter Gymnasiumstraße eröffnen. Sie will das Nachtleben im Quartier aufwerten.

Digital Unit : Sascha Maier (sma)
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S-Mitte - Als Mark Tzschoppe ein Loch in die Wand bohren wollte, arbeitete er sich viereinhalb Stunden an ihr ab. „Normalerweise brauchen wir für ’ e Wand 15 Minuten“, sagt Tzschoppe, der eigentlich Profi und seit Jahren im Baugewerbe tätig ist. Aber die Wände, mit denen er es aktuell zu tun hat, haben es auch in sich. Denn Tzschoppe ist Gesellschafter an einer neuen Bar, die gerade in einem Tresorraum an der Gymnasiumstraße im Hospitalviertel entsteht. Das Projekt verrät auch viel über die Entwicklung des Quartiers. So will die Bar durchaus eine Klientel ansprechen, die Sinn für etwas Exklusivität mitbringt. In Anbetracht der massiven Aufwertung, die das Viertel nicht zuletzt durch das Engagement des Vereins Forum Hospitalviertel erfahren hat, wirtschaftlich womöglich keine schlechte Entscheidung.

Bereits das Prozedere beim Betreten der Bar ist in Stuttgart einmalig: Wer rein will, muss klingeln, nichts als das dezente Namensschild mit der Aufschrift „Jigger & Spoon“ weist auf die Bar hin. Der Gast läuft durch einen Gang auf einen Aufzug zu, ohne einer Menschenseele zu begegnen, und fährt dann ins Untergeschoss. Dort führt ihn eine Kordel rechts ums Eck, wo er im Empfangsbereich begrüßt wird und es durch die tonnenschwere Tresortür Marke Ostertag in die Bar im Tresorraum geht.

In diesem trennen Gitterstäbe die einzelnen Bereiche der Bar ab. „Wir planen, im Oktober zu eröffnen“, sagt Mark Tzschoppe. Bis dahin ist noch einiges zu tun. Am Ende soll alles irgendwo wie zwischen Speakeasy-Bar, Gentlemen’s Club und „Der große Gatsby“ wirken. Noch wirkt der Tresorraum wie ein Tresorraum.

Viertel wird immer teurer

Der wurde 1985 gebaut und ist ungefähr 130 Quadratmeter groß, soll maximal hundert Gästen Platz bieten, 85 davon sitzend. Wände und Tresortüren sind 80 Zentimeter dick, die ehemalige SEB-Bankfiliale dort schützte 300 Schließfächer zusätzlich mit einem engen Kontrollgang zwischen der Hauswand und der Wand des Tresorraums. „Der kann auch als Fluchtweg genutzt werden, wenn eine Dame in anderer Herrenbegleitung als ihrem Ehemann ist, und dieser plötzlich auftaucht“, scherzt Tzschoppe. Das Gesicht der Bar soll Eric Bergmann werden. Der Stuttgarter Bar­keeper ist Mitglied der Deutschen Bar­keeper-Union, hat Bartender-Wettbewerbe gewonnen und betreibt derzeit ein eigenes Cocktail-Catering-Unternehmen. „Ich möchte eigene Drinks kreieren, aber auch alte Klassiker wiederaufleben lassen “, sagt Bergmann.

Die rechtlichen Hürden sind laut den Machern bereits genommen. Aus brandschutztechnischer Sicht ist der Tresor, der auch über genug richtige Fluchtwege verfügt, unbedenklich. Und obwohl die Mieten im Hospitalviertel aufgrund der Sanierungen noch stärker steigen, als es in Stuttgart ohnehin der Fall ist, sind die Gesellschafter vom Jigger & Spoon von diesem Effekt offenbar nicht betroffen. „Unser Vermieter hat uns sehr günstige Konditionen eingeräumt“, sagt Mark Tzschoppe.

Das gilt für die Nachbarschaft im Hospitalviertel ganz und gar nicht. Der Immobilienexperte Stefan Willwersch vom Architektenbüro Willwersch-Architekten beobachtete bereits im März dieses Jahres, dass der komplette Immobilienmarkt im aufpolierten Quartier von In­vestoren abgegrast sei. Einige Mieter im Gewerbebereich konnten sich die daraus resultierenden Mieterhöhungen schlicht nicht mehr leisten und kehrten dem Viertel den Rücken.

Kein Schickimicki-Schuppen

Das Verhältnis zwischen Gewerbe- und Wohnfläche im Hospitalviertel hat sich dagegen zu mehr Wohneinheiten gewandelt. Immerhin mehr als 1000 Menschen leben mittlerweile dort, vor der Sanierung waren es noch 800. Als Hinterhof der City verschrien, gehörten die billigen Büromieten damals zu den wenigen verlockenden Dingen des Viertels.

Ob das jetzt für den Barbetrieb eine große Rolle spielt, kann Mark Tzschoppe noch nicht abschätzen. „Einerseits wünschen wir uns klassisches After-Work-Publikum. Andererseits hoffen wir auch auf viel Stammkundschaft“, sagt er. Trotz Klingel und Aufzug soll das Jigger & Spoon aber kein Schickimicki-Schuppen werden: „Wir wollen uns halt nicht mit Besoffenen von der Theo rumschlagen“, der Partymeile auf der Theodor-Heuss-Straße.

Auf jeden Fall könnte die neue Bar der Startschuss für ein gastronomisches Gegengewicht in der nordwestlichen City sein. Innerstädtische Neueröffnung, die ausgehtechnisch Aufsehen erregten, hat es in den letzten Jahren vor allem Richtung Süden gegeben: Das Paul & Georg, das Le Petit Coq, das Immer Beer Herzen, zuletzt die Sattlerei und auch das Cape Collins liegen auf der anderen Seite der Theodor-Heuss-Straße. Vielleicht wird bald auch das Hospitalviertel für Nachtschwärmer attraktiver. Die Infrastruktur dafür steht jedenfalls.




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