Studenten haben am Beispiel des Leuschnerplätzles die Orte der Demokratie in Stuttgart erkundet. Im Hospitalviertel soll die Geschichte sichtbar werden.

S-Mitte Wir installieren eine Sprechanlage am Leuschnerplatz. Direkt in den Bundestag.“ Fett schwarz leuchten die Buchstaben auf dem Papier, darunter Fotos einer rufenden Frau und Hausklingeln. Jochen Wagner und Jonas Monib, Kunststudenten an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, haben diese Collage gestaltet, die hinterfragt, wie in einer repräsentativen Demokratie der Einzelne zu Wort kommt. „Wenn das einen Denkanstoß bewirkt, ist schon etwas erreicht“, sagt Wagner. Die Arbeit ist im Stuttgarter Rathaus mit weiteren 19 Entwürfen zu sehen: In der Ausstellung „Platz schaffen! Kunst. Demokratie. Geschichte.“ zeigen Studierende des Historischen Instituts der Universität Stuttgart sowie der Fachgruppen Architektur und Kunstwissenschaften-Restaurierung der Kunstakademie, wie Geschichte im Städtebau dargestellt werden kann. Im vergangenen Semester beschäftigten sie sich mit der Leuschnerstraße und dem Leuschnerplätzle.

 

Die Idee dazu entstand im Jahr 2014, im Zuge der Sanierung des Hospitalviertels. „Wir haben mit dem Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung und dem Stadtmuseums überlegt, wie wir das Leuschnerplätzle nicht nur städtebaulich neu gestalten können, sondern auch den Straßenraum künstlerisch und seiner Bedeutung gemäß erlebbar machen“, beschreibt Pfarrer Eberhard Schwarz, der Vorsitzende des Forums Hospitalviertel.

Die Idee von der Achse der Demokratie

So entstand mit Astrid Schmelzer und Martin Holch vom Stadtplanungsamt das Konzept, vom Leuschnerplätzle aus eine „Achse der Demokratie“ zu legen, Gebäude und Plätze, die Wegmarken zur modernen Demokratie waren, sichtbar zu machen. „Also starteten wir mit Geschichtsprofessor Carsten Kretschmann sowie den Professoren Nils Büttner und Mark Blaschitz von der Akademie dieses interdisziplinäre Projekt zur Demokratiegeschichte und deren Vernetzung im öffentlichen Stadtraum.“

Das Projekt habe viele Ebenen, bestätigt Astrid Schmelzer vom Stadtplanungsamt. Dazu gehöre nicht nur die Umgestaltung der Leuschnerstraße zwischen Fritz-Elsas- und Lange Straße zu einem Quartiersplatz, dessen ‚Genius loci‘, also Identität herausgebildet werde. Auch das Thema Partizipation der Bürger komme hinzu. Das werde im Hospitalviertel intensiv gelebt, nun durch die Gedanken und Ideen der Studierenden ergänzt. „Auch dem Stadtmuseum ist wichtig, Geschichte im öffentlichen Raum nicht nur mit Worten oder einer nackten Stele aufzuzeigen“, so Schmelzer. Weitere Aspekte seien schließlich das Rumpfparlament, das sich am Leuschnerplätzle niederlassen wollte nach der Vertreibung aus der Frankfurter Paulskirche, dann aber gewaltvoll aufgelöst wurde. Den großen Bogen bildeten die „demokratischen Orte“. „In Stuttgart gibt es viele. Der Arbeitsbegriff ‚Achse der Demokratie‘ hat sich zu ‚Orte der Demokratie‘ im Zuge der Projekterkenntnisse geändert, der Ausstellungstitel wurde zu ‚Platz Schaffen! Kunst Demokratie Geschichte‘.“

Mittelfristig sei die Idee, ein ganzes Netz von Orten, die für die Weiterentwicklung der Demokratie stehen, zu bilden – stets anders erlebbar. „Die Leuschnerstraße soll Prototyp und Initiator sein“, so Schmelzer. Die Ausstellung sei „work in process – wir hoffen, weitere Mitstreiter zu finden.“ Der Prozess solle weitergehen, mit konkreten Ergebnissen.

Ob die Ideen Wirklichkeit werden, ist offen

Das wünschen sich auch die Studierenden. „Es wäre schön, wenn einige Ideen tatsächlich umgesetzt würden“, sagt der Kunststudent Benjamin Gräbner. Einig sind sich alle: Interdisziplinär mit anderen Fakultäten zusammenzuarbeiten, habe viel gebracht. „Jeder hat eine andere Herangehensweise, die Architekten haben sich wie die Transformer entfaltet!“ Und während der Recherchen wurden vielen nochmals deutlich, was Demokratie bedeutet und wie hart sie errungen wurde. „Bis das Stuttgarter Rumpfparlament 18. Juni 1849 aufgelöst wurde, bestand es nur 14 Tage, und die Vertreter mussten in dieser Zeit ständig den Tagungsort wechseln“, beschreibt Geschichtsstudent Tilman Leitz. „Heute ist Bürgerbeteiligung und Teilhabe in aller Munde, dafür müssen wir einstehen.“ Er verweist auf die anstehenden Wahlen und den gefährlichen Populismus, der derzeit grassiere.

So sieht das auch Renate Konrad. „Das Thema hat politische Brisanz“, sagt die angehende Geschichtslehrerin, die sich mit den symbolischen Aspekten wie die Farben der Deutschlandfahne beschäftigte. Die Architekturstudentinnen Deborah Kunz und Pia Phanaphet ergänzen, dass genau deshalb Geschichte neu in der Öffentlichkeit präsentiert werden müsse als nur mit einem Denkmal oder einer Gedenktafel. Phanaphet: „Es muss interaktiv sein, man könnte beispielsweise mit Apps arbeiten.“