Hospiz in Böblingen „Man lebt nicht besser, wenn man den Tod wegschiebt“
Ein Hospiz in Böblingen zeigt, dass der letzte Lebensabschnitt nicht nur traurig sein muss. Wie das Team den Abschied würdevoll gestaltet.
Ein Hospiz in Böblingen zeigt, dass der letzte Lebensabschnitt nicht nur traurig sein muss. Wie das Team den Abschied würdevoll gestaltet.
Ein Mann sitzt auf seinem Rollator und schaut durchs Fenster hinaus auf die Talstraße und den gegenüberliegenden Böblinger Bahnhof. Er beobachtet eine junge Frau, die ungeduldig auf ihre Uhr schaut, ein Mann kreuzt im Stechschritt die Straße, ein Vater schiebt sein Kind im Kinderwagen vorbei. Es ist das ganz normale Leben, das er aufmerksam verfolgt. Er selbst kann nicht mehr durch die Stadt eilen im vorweihnachtlichen Trubel, denn er ist Gast im Hospiz.
Und trotzdem: „Das Leben steht hier im Mittelpunkt und nicht das Sterben“, sagt Birgit Neuffer, die seit Oktober in dem Hospiz mitten in der Böblinger Innenstadt arbeitet. Im Sommer hatte die Einrichtung ihre Türen geöffnet. Hier leben keine Patienten oder Bewohner, sondern Gäste, die von den Pflegekräften umsorgt werden. Sie treffen eine bewusste Entscheidung, ins Hospiz zu kommen – deshalb sind es Gäste. Acht sind es momentan.
In den Gängen ist es zwar ruhig, doch auf Zehenspitzen geht hier niemand: Angehörige kommen und gehen, es wird gelacht, gemeinsam gegessen und gesungen. Es gibt zwar traurige Momente – oder „Gänsehaut-Momente“, wie Anja Kolb, die ebenfalls seit Oktober im Hospiz arbeitet, sie nennt, aber dennoch herrscht eine lebendige Atmosphäre. „Mich belastet diese Arbeit nicht“, sagt Kolb. Im Gegenteil: Für sie überwiege das Gefühl, dass sie den Gästen auch in ihrem letzten Lebensabschnitt noch ein schönes Leben ermöglichen könne.
Der Tod ist im Hospiz kein Tabuthema und das zeigen die Mitarbeitenden auch nach außen. Immer, wenn ein Gast stirbt, wird eine Kerze vor einem Fenster im ersten Stock angezündet. Wer von der Talstraße aus Richtung Hospiz blickt, kann die Kerze sehen. Die verstorbene Person wird gewaschen, angezogen und das Zimmer dekoriert. „Ich spreche auch immer noch mit den Verstorbenen“, erzählt Anja Kolb. Gespräche über den Tod hinaus? Auch nach dem Tod, sind sich die beiden Pflegekräfte einig, sei da noch etwas, ein Gefühl – die einen nennen es vielleicht Seele. Dem tragen sie Rechnung, wenn sie mit der Person sprechen, die da im Bett liegt und nicht mehr atmet. Das Wort „würdevoll“ fällt im Gespräch immer wieder – so sollen die sterbenden Menschen bis zuletzt behandelt werden. Nach dem Tod herrsche auch keine Hektik: Den Angehörigen wird Zeit gegeben. Wenn sie wollen, können sie sich in ein Buch eintragen, das im Gang auf einer Stehle liegt.
Als Anja Kolb und Birgit Neuffer an dem Tisch im weihnachtlich geschmückten Aufenthaltsraum sitzen, kommt eine junge Frau herein und stellt einen mit Weihnachtsgebäck beladenen Teller mit einer Karte auf den Tisch. Die Karte beginnt mit den Worten „Für die Engel im Dienst“. Dass sie die Wünsche ihrer Gäste erfüllen, hat für die Pflegefachkräfte höchste Priorität – egal, ob es ein Bier oder ein Zitronensorbet ist. Und wer nicht essen mag, muss auch nicht.
Dass sie täglich mit dem Tod konfrontiert sind, stimmt die beiden Fachkräfte nicht traurig. „Ich nehme die Arbeit nicht mit nach Hause“, sagt Anja Kolb. Vielmehr sagen die beiden, dass sie ihr Leben bewusster leben. Angst vor dem eigenen Tod? Nein, das haben sie eigentlich nicht. Vielmehr sei ein gutes Sterben wichtig, damit meinen sie: würdevoll und stimmig. So falle auch die Trauerphase für die Angehörigen leichter.
Eine gewisse Reife und Lebenserfahrung sei schon hilfreich, wenn man im Hospiz arbeiten will, finden die beiden. Vor allem sei eines wichtig: Empathie. Schließlich begleitet das Team aus rund 20 Mitarbeitenden, das immer noch Verstärkung sucht, ihre Gäste durch den Prozess der Akzeptanz, dass sich ihr Leben dem Ende zuneigt.
Die Einrichtung
Im Jahr 2023 erfolgte der Baustart für das Gebäude an der Ecke Karl- und Talstraße. Umstritten war zunächst der Standort des Hospizes mitten in der Stadt. Der Vorwurf, dass die Sterbenden ihre letzten Tage an einer viel befahrenen Straße verbringen, hat sich mittlerweile gelegt. Im Hospiz ist es ruhig, der Lärm der Straße kommt innen nicht an, erklärt der Hospizleiter Patrick Schlecht.
Belegung
Momentan ist die Einrichtung mit acht Gästen voll belegt. Im Hospiz herrscht ein Rundumbetrieb, den rund 20 Mitarbeitende stemmen. Das Team sucht weiter Verstärkung.