Hospiz in Degerloch Aus der Trauerbegleiterin sprüht das Leben
Anke Keil leitet im Hospiz in Stuttgart-Degerloch Gruppen für trauernde Angehörige. Wie sehr ein solcher Verlust einen aus der Bahn werfen kann, hat sie am eigenen Leib erfahren.
Anke Keil leitet im Hospiz in Stuttgart-Degerloch Gruppen für trauernde Angehörige. Wie sehr ein solcher Verlust einen aus der Bahn werfen kann, hat sie am eigenen Leib erfahren.
Degerloch - Aus Anke Keil sprüht das Leben. Die zierliche Frau mit dem kurzen Bob hat ein ansteckendes Lachen, und sie lacht viel. Während sie auf einem Stuhl sitzt, die Beine mit den groben pantoffelartigen Schuhen an den Füßen übereinandergeschlagen, erzählt sie lebhaft. Dabei verfällt sie immer wieder ins Kichern und Strahlen. Kaum zu glauben eigentlich, dass die Frau mit dieser so positiven, lebensbejahenden Ausstrahlung sich täglich mit dem Tod beschäftigt.
Die 40-jährige Esslingerin ist Trauerbegleiterin. Sie hilft jenen zurück in den Alltag, die durch den Tod eines Menschen aus der Bahn geworfen wurden. In Gruppen- oder Einzelgesprächen versucht sie herauszufinden, was es braucht, um Betroffene zu stabilisieren. Es geht um Erinnerungsarbeit, ums Aufarbeiten von Gefühlen, die in Wellen kommen, um eine Begleitung, um offene Ohren. Seit gut einem Jahr arbeitet sie in Teilzeit beim Hospiz St. Martin in Degerloch, wo sie aktuell eine Gruppe für junge Erwachsene leitet und das Konzept für das Trauerpastorale Zentrum mitentwickelt, das in der Kirche und im Pfarrhaus von Mariä Himmelfahrt angesiedelt wird.
Was es heißt, einen Verlust zu erleiden, hat Anke Keil 2015 erfahren. Da war sie mit ihrer dritten Tochter schwanger – und erhielt in der 35. Woche die Nachricht, dass das Kind im Bauch gestorben war. „Klara hat sich nicht mehr bewegt“, sagt sie mit regungsloser Miene. Ohnmacht hätten sie und ihr Mann gespürt, Hilflosigkeit. Ja, in der Theorie wüssten werdende Eltern, dass so etwas passieren könne. Darauf vorbereitet gewesen seien sie trotzdem nicht. „Es hat uns mit großer Wucht getroffen.“ Auch was danach gekommen sei, habe geschmerzt: das Gefühl, mit der Trauer allein zu sein. Anke Keil erinnert sich, wie sie nach dem Tod ihrer ungeborenen Tochter erstmals wieder am Kindergarten ankam. „Da standen 30 Mütter, die getan haben, als würden sie mich nicht sehen.“
Eine passende Trauergruppe für Paare, die ein Kind verloren haben, fand Anke Keil zu der Zeit nicht. „Ich habe es gebraucht zu sehen: Das passiert ganz normalen Menschen. Da war meine Sehnsucht, mich mit anderen zu verbinden“, erzählt sie. Und so fasste sie den Entschluss, zusammen mit einer Psychologin selbst eine Trauergruppe zu gründen. „Ich fand es gut, Betroffene zu treffen, die die gleichen Fragen haben“, sagt sie. Kurze Zeit später begann Anke Keil ihre Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Die Esslinger Gruppe leitet sie bis heute ehrenamtlich.
Die Beschäftigung mit den grundsätzlichen Fragen des Daseins kommt für Anke Keil nicht von ungefähr. Sie hat katholische Theologie studiert. „Für mich persönlich ist der Glaube ein wichtiger Hintergrund“, sagt sie. Sie glaube daran, dass eine Verbindung zu Verstorbenen bestehe. Für manchen sei die Spiritualität in der Trauer eine Ressource. Ein Muss sei sie in der Trauerarbeit jedoch nicht. „Mein Fokus ist: Was braucht der Hinterbliebene?“ Hilfreich seien hier auch die Erfahrungen, die sie 15 Jahre lang als Ehrenamtliche bei der Telefonseelsorge gesammelt habe.
Verlust und Lachen, Schmerz und schöne Erinnerungen: Für Anke Keil schließt sich das nicht aus. „In der Trauer steckt ganz viel Sehnsucht nach dem Leben“, sagt sie. Nach Klaras Tod haben sie und ihr Mann das Leben wiedergefunden. Sie haben zwei weitere Kinder bekommen. Vier Mädchen und ein Bub, das Nesthäkchen, wirbeln heute den Alltag des Paares durcheinander. Wann immer es geht, zieht es die Familie in die Natur. Für Anke Keil ist das ein Ausgleich. Sie nickt. Ja, sie sei viel mit dem Tod konfrontiert. Aber vor allem mit den Lebenden. „Ich arbeite mit Menschen.“
Im Hospiz St. Martin in Degerloch gibt es unterschiedliche Trauergruppen und -treffs, etwa für Verwitwete ab 50 oder für jene, die Vater oder Mutter verloren haben. Gearbeitet wird in Gesprächskreisen, aber auch über Kreativ- und Freizeitangebote. Die Gruppen stehen jedermann offen. Außerdem werden, sobald Corona es wieder zulässt, Vorträge zum Thema gehalten. Mehr unter www.hospiz-st-martin.de.