Rund 35 ehrenamtliche Hospizbegleiter gibt es am Marienhospital Stuttgart. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle
Der Tod wird von den meisten Menschen verdrängt. Doch für Ulrich Metzger ist er Teil seines Ehrenamts: Als Hospizbegleiter am Marienhospital Stuttgart betreut er sterbende Menschen.
Als es ans Sterben ging, begann der 89-Jährige vom Leben zu erzählen: von seiner Kindheit und Jugend. Von den Reisen, die ihn rund um die Welt geführt haben. Als Ingenieur eines großen Stuttgarter Konzerns war er einst mit seiner Frau viel unterwegs gewesen. „Während ich bei ihm saß, hat er mir einen Rückblick auf seine Lebenszeit gegeben“, schildert Ulrich Metzger. „Und er hat zugleich Abschied davon genommen.“
Der 52-jährige Hospizbegleiter denkt oft an diese Treffen mit dem demenzkranken Mann in dem kleinen Patientenzimmer, der sich an der Schwelle zum Tod mit ungewöhnlicher Klarheit an seine Erlebnisse erinnerte. Es war eine von vielen Begegnungen in den vergangenen eineinhalb Jahren, die das Ehrenamt als Hospizbegleiter am Marienhospital Stuttgart mit sich gebracht hat. „Doch jede einzelne Begegnung hinterlässt eine Erinnerung, die man sich bewahrt“, sagt er.
Im Frühjahr 2024 hatte er die Ausbildung an dem Stuttgarter Krankenhaus begonnen. Ein dreiviertel Jahr lang – zwei Treffen pro Monat und drei Wochenenden – umfasste die Ausbildung zum Sterbebegleiter. Auslöser war der Tod des eigenen Vaters, dessen letzte Stunden er an einem Klinikbett beiwohnte: „Ich hatte mich zuvor nicht wirklich mit dem Thema Tod befasst“, sagt er. „Plötzlich musste ich mich damit auseinandersetzen.“ Dabei habe er gemerkt, dass die Sehnsucht nach menschlicher Nähe am Lebensende besonders groß ist. „Und ich habe gelernt, dass ich das kann: einem sterbenden Menschen beistehen.“
Begleitung von Sterbenden kostet auch Kraft
Auch jetzt, Ende Januar 2026, beginnt wieder ein solcher Kurs, in dem unterschiedliche Referenten zeigen, wie Menschen an die Schwelle zum Tod begleitet werden. „Wir bilden seit mehr als 15 Jahren Freiwillige als Hospizbegleiter aus“, sagt Stefan Böck, Ehrenamtsbeauftragter am Marienhospital. Inzwischen gibt es ein Team von rund 35 Ehrenamtlichen jeglichen Alters und jeder Konfession, die sich bei Bedarf für zwei bis drei Wochenstunden an das Bett einer schwerkranken Person setzen, sich mit ihr unterhalten, ihr vorlesen, ihr beim Brille putzen helfen oder eine Nachricht per Smartphone an Freunde und Verwandte schicken. „Manchmal hilft es den Menschen, wenn jemand einfach nur da ist“, sagt Böck.
Ulrich Metzger begleitet in seiner Freizeit Menschen, die sich an der Schwelle zum Tod befinden. Foto: Marienhospital Stuttgart
Aber er stellt auch klar: Die Begleitung von Sterbenden ist kein reiner Akt der Menschenfreundlichkeit. Es ist auch eine psychische und mentale Herausforderung. „Das Leiden, die Erkrankung, die Schmerzen und die Unruhe aushalten zu müssen, kostet Kraft“, sagt Böck. Daher werden die Ehrenamtlichen im Kurs auch auf solche Situationen vorbereitet: „Es gilt, instinktiv zu erkennen, wann eine Person pflegerische Hilfe braucht – etwa ein Kissen unter die Beine, eine aufrechte Lagerung oder ein Schmerzmittel“, sagt Böck. Oder ob schon eine beruhigende Berührung an der Hand oder der Schulter ausreichend ist.
Mit Sterbebegleitung nur positive Erfahrungen gemacht
Ein- bis zweimal pro Woche besucht Ulrich Metzger im Schnitt einen Patienten im Marienhospital, der von den Ärztinnen und Ärzten, den Pflegekräften oder den Hospizkoordinatoren auf das Angebot hingewiesen wurde. Es gibt auch Wochen, in denen keine Anfrage anfällt. Bislang habe er nur positive Erfahrungen gemacht, sagt Metzger: „Ich kann an der Zeit, die dem Menschen bleibt, nichts mehr ändern“, sagt er. Die Qualität, mit der dieser sie erlebt, kann er verbessern. Und so geht er in den Raum zu dem ihm zugeteilten Patienten oder der Patientin und stellt sich erst einmal vor: „Hallo, ich bin Ulrich Metzger, und ich würde gerne etwas Zeit mit ihnen verbringen.“
Dabei versucht er, sich selbst zurückzunehmen und sich nur auf sein Gegenüber einzulassen: „Empathisch sein, aber nicht seinen eigenen Gefühlen zu viel Raum geben“, nennt er sein Vorgehen und erzählt – um ein Beispiel zu nennen – vom Besuch einer alten Dame. Die hatte ihn beim ersten Treffen unwirsch des Zimmers verwiesen. Metzger versuchte es noch einmal und dann noch ein drittes Mal. Erst dann ließ ihn die Dame herein und auch ein Stück weit an sich heran. „Es ist oft auch für die Betroffenen nicht einfach zu erkennen, dass sie am Ende des Lebens angelangt sind.“
Sterbebegleiter haben eine Schweigepflicht
Vielen hilft es, zu verstehen, dass Metzger wie auch Ärzte und Pflegekräfte der Schweigepflicht unterliegen. „Sie sehen es dann als Chance, mit mir über Sorgen, Ängste und Empfindungen zu sprechen, über die sie mit Angehörigen vielleicht nicht reden können.“
Sterben ist ein Prozess, der sich oft über Tage, manchmal über Wochen hinzieht. Ein bis zwei Stunden dauern die Treffen mit den Patienten – auch an mehreren Tagen in Folge, bis sie nach Hause entlassen oder in ein Hospiz verlegt werden. Die Besuche erfolgen oft nach Feierabend: Dann fährt Metzger direkt aus dem Remstal, wo er als Betriebsleiter eines mittelständischen Unternehmens arbeitet, ins Marienhospital nach Stuttgart. Es ist für ihn kein Gegensatz, vom geschäftigen und an Zahlen orientiertem Treiben seines Berufs hinein in ein Krankenzimmer zu kommen, wo es sprichwörtlich um Leben und Tod geht. „Es ist für mich eine sinnvolle Ergänzung.“
Unter Begleiten versteht Metzger, auf alle Wendungen gefasst zu sein – auch bei den Angehörigen: Nicht immer seien sie so verbunden mit dem Sterbenden wie die Gattin des 89-jährigen demenzkranken Ingenieurs. „Es waren auch schon Angehörige anwesend, die sich dabei sichtlich unwohl oder überfordert fühlten.“ Er versuche dann, auch in diesen Begegnungen Brücken zu schlagen: „Ich gehe mit ihnen dann mal raus, wir holen einen Kaffee zusammen und gebe so die Gelegenheit, einmal tief durchzuatmen.“
Manchmal versuche er, die Beklommenheit und Bedenken zu zerstreuen, wenn es eine Familie mit dem Tod zu tun bekommt. Metzger weiß aus eigener Erfahrung: Es ist nicht leicht, an die eigene Sterblichkeit erinnert zu werden. „Letztlich muss sich jeder irgendwann mit dem Tod befassen – er gehört zum Leben nun mal dazu.“
Hospizbegleiter werden
Info Das Marienhospital Stuttgart organisiert einen Infoabend für Interessierte, die sich in der Hospizbegleitung engagieren wollen – und zwar am 12. Januar 2026, 18 Uhr im Bildungszentrum Vinzenz von Paul, Eierstraße 55.
Kurs Der Qualifizierungskurs für ehrenamtliche Hospizhelfer*innen startet dann am Freitag, 30. Januar, und endet im Oktober. Er beinhaltet drei Wochenenden und zwei monatliche Treffen. Themen sind unter anderem „Mit kranken Menschen im Gespräch“, „Spiritualität am Lebensende“, „Trauererfahrungen begleiten“ und „Praktische Übungen und Handreichungen“. Weitere Infos bei Stefan Böck, Beauftragter für das Ehrenamt am Marienhospital Stuttgart, stefan.boeck@vinzenz.de; Telefon 0711 6489-3382.
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