ExklusivHotel-Projekt in Stuttgart Turmwettbewerb nur eine Farce?

Von Jörg Nauke 

Der Wettbewerb war mit Spannung erwartet worden, am Ende siegte der Entwurf von RKW Architektur mit einer begrünten Fassade. Dem Investor Strabag Real Estate wird nun unterstellt, den Sohn des Ex-Vorstandschefs bevorzugen zu wollen.

Die spannende Frage lautet: Für welchen der beiden Entwürfe (links der Wettbewerbssieger, rechts der Zweitplatzierte) wird sich der Investor entscheiden? Foto: Lg/Leif Piechowski
Die spannende Frage lautet: Für welchen der beiden Entwürfe (links der Wettbewerbssieger, rechts der Zweitplatzierte) wird sich der Investor entscheiden? Foto: Lg/Leif Piechowski

Stuttgart - Architektenwettbewerbe finden hinter verschlossenen Türen statt, um eine offene, fachliche Diskussion zu gewährleisten. Die Vertreter werden zur Verschwiegenheit vergattert. Auch für die eingeladenen Büros gelten strenge Richtlinien. So dürfen sie sich etwa nicht „durch Angehörige oder ihnen wirtschaftlich verbundene Personen einen Vorteil verschaffen“. Der am 10. Juli entschiedene Wettbewerb für den 60 Meter hohen Hotelturm am Mailänder Platz, ein 120-Millionen-Euro-Lückenschluss im Europaviertel, ist deshalb in den Fokus geraten.

Aus dem Wettbewerbsumfeld stammt der Verdacht, der Investor Strabag Real Estate GmbH könnte die Vorschriften missachtet und das Verfahren so zur Farce gemacht haben. Der Vorwurf: Der Investor habe sich schon von vornherein für einen der acht präsentierten Entwürfe entschieden gehabt. Daraus wird geschlussfolgert, trotz anonymer Präsentation sei dem Auslober bekannt gewesen, wer sich hinter der Nummer 5002 verbarg.

Ist der Zweite besser als der Erste?

Mehrere Beobachter des Verfahrens befürchten nun, dass Strabag diesen Vorschlag umsetzen werde, obwohl er wegen etlicher Schwächen nur auf Rang zwei gekommen war, und nicht etwa den vom Preisgericht empfohlenen Entwurf von RKW Architektur; das Büro, das das Milaneo geplant hat, soll die Forderung des Gemeinderats nach einer begrünten Fassade am überzeugendsten umgesetzt haben.

Der Investor ist tatsächlich nicht verpflichtet, den Gewinnerentwurf zu akzeptieren. Welches Büro die offenen Fragen am besten löse und die höchsten Chancen zur Umsetzung erhalte, darüber wolle er derzeit nicht spekulieren, teilte der Auslober mit. Die Zweifel, dass sich Strabag ans Votum der Fachjury hält, rühren vor allem aus dem Umstand, dass Sebastian Haselsteiner einer der Gesellschafter des zweitplatzierten Büros mhm ist. Er hat nicht nur bereits einige Projekte für den Investor realisiert, er ist vor allem der Sohn des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Strabag SE, Hans Peter Haselsteiner. Dieser hatte den Baukonzern seit den 70er Jahren aufgebaut. Sowohl Baubürgermeister Peter Pätzold als auch Stadtplanungsamtsleiter Detlef Kron und der zum Preisgerichtsvorsitzende ernannte Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, Markus Müller, betonten, zum ersten Mal durch die StZ-Anfrage von der Personalie Haselsteiner gehört zu haben. Von ebenfalls überraschten Sitzungsteilnehmern ist zu hören, solche Beziehungen zum Auslober müssten vor dem Wettbewerb abgefragt werden.

Kritk an Verstoß gegen die Vertraulichkeit

Müller verwies darauf, richtlinienrelevante Sachverhalte seien mit dem auslobenden Büro und dem Investor zu führen. Die aktuelle Debatte sei aber geeignet, Wettbewerbsverfahren zu desavouieren. Verstöße gegen die Vertraulichkeit seien nicht hinzunehmen.

Er hebt die Entscheidung des Preisgerichts hervor; die Argumente seien nicht aus der Luft gegriffen, sondern gut begründet. Würde sich der Auslober tatsächlich nicht für den siegreichen Entwurf entscheiden, bräuchte er schon gute Argumente, die auch einer öffentlichen Diskussion standhielten. Im Rathaus heißt es, man sehe sich immer zweimal im Leben. Die Missachtung der Forderung nach einer Fassadenbegrünung könnte durchaus einen strengen Kurs im Genehmigungsverfahren nach sich ziehen.

Strabag weist die Vorwürfe zurück

Das Unternehmen teilte mit, es sei „stets bestrebt, allen Büros und ihren Entwürfen neutral und unvoreingenommen entgegenzutreten“. Das setze es auch bei den Jurymitgliedern voraus. Mit mhm verbinde die Strabag Real Estate eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Dass das Büro im konkreten Fall auch die Funktionalplanung erstellt habe, die dem Wettbewerb zugrunde gelegen habe, sei wie seine Wettbewerbsbeteiligung mit der Stadt abgestimmt gewesen. Und dass Haselsteiner Gesellschafter des Büros mhm sei, könne man den Planungsunterlagen entnehmen.

Verwandtschaft hin oder her: Der Auslober betont, mhm habe keine „gesellschaftsrechtliche Verbindung“ zur Strabag Real Estate und auch nicht zum Strabag-Konzern. Die eingereichten Entwürfe seien von einem externen Architekturbüro anonymisiert worden, bevor sie den Preisrichtern präsentiert worden seien. Sie seien deshalb keinem Mitglied des Preisgerichts bekannt gewesen. Das Büro Post-Welters gab gegenüber der StZ keine Stellungnahme ab.

Details aus geheimer Sitzung

Sitzungsteilnehmer erklärten unabhängig voneinander, schon sehr früh im Verfahren eine eindeutige Präferenz der Strabag-Preisrichter für Haselsteiners Entwurf erkannt zu haben. Sie beschreiben „die absurde Situation“ eines geteilten Preisgerichts – ohne da schon von der Personalie Haselsteiner gewusst zu haben. Während sich die Preisrichter der Stadt für RKW Architektur mit der extensiven Fassadenbegrünung begeisterten und auch der Aparthotelbetreiber Adina die Note 1,5 verlieh, hätten die Vertreter der Auslober fast kein gutes Haar daran gelassen. Für den Haselsteiner-Entwurf gab es von Adina wegen zu kleiner Fenster aber nur eine Vier. Der Zwist soll in einem Patt bei der Probeabstimmung gegipfelt haben. Das 11:5 für den RKW-Entwurf sei so erklärbar, dass sich Strabag-Bereichsleiter Uwe Jaggy vor der Abstimmung rückversichert habe, ob er in jedem Fall in der Auswahl des Entwurfs frei sei. Strabag kommentierte dies mit Verweis auf die Schweigepflicht nicht.




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